In stärkstem Gegensatz zu der von Burckhardt herausgestellten Haltung äußert sich der algerische Autor Boualem Sansal, der hier versucht, die Perspektive armer Kinder einzunehmen:
„Ohne Kinder ist die Armut nur Elend, ein furchtbarer Schmerz, der schweigend und reuevoll durchgestanden werden muss. Die Armen haben Kinder nötiger als Brot. Wir wussten das und waren stolz auf unsere alten Eltern, die uns so zahlreich gezeugt hatten und mehr als alles andere unser alltägliches Glück anstrebten.“ (Sansal, Rue Darwin, S. 31) Hier erteilen kindliche Opfer ihren
Daseinstätern Absolution für die Perpetuierung einer Armut, die so schlimm nicht sein konnte, wenn es möglich war, Tag für Tag mit Glück auszukleiden. Infam bleibt es, das Risiko einzugehen, den „furchtbaren Schmerz“ der Armut an eigene Kinder weiterzugeben.
Artnatalisten sind der Auffassung, die Menschheit oder eine bestimmte Tierart dürfe deswegen nicht aussterben, weil Arten im Seinsganzen ein besonderer Wert zukommt. Arten werden dabei als höherwertige Individuen angesehen (siehe ausführlich Akerma, Verebben der Menschheit?, Kapitel 15).
Asymmetrie, nativistische
Jeder Mensch kann später äußern, ungewollt entstanden zu sein und sein Dasein verwünschen (wie auch jeder Mensch später äußern kann, mit dem eigenen Hervorgebrachtwordensein einverstanden zu sein und das eigene Dasein bejahen kann).
Es existieren keine Menschen die äußern könnten, ungewollt nicht gezeugt worden zu sein, obwohl sie das Dasein bejaht hätten. Hieraus folgt: Unterbleiben Fortzeugungen, so gibt es keine Kläger, die sagen könnten, man hätte ihnen existentiell Unrecht getan; pflanzen Personen sich hingegen fort, so kann es Personen geben, die äußern können, man habe ihnen existentiell Unrecht getan.
Asymmetrien
Paternalistischer Pronatalismus versus nichtpaternalistischer Antinatalismus
Der Pronatalismus ist unhintergehbar advokatorisch und selbstherrlich, da er ein Einverständnis der Gezeugten mit ihrem Dasein voraussetzt, dessen er sich jedoch niemals sicher sein kann. Denn niemand kann wissen, ob nicht die gezeugte ihr Dasein als Zumutung empfinden wird. Dem steht der Antinatalismus als nichtadvokatorische Theorie und Praxis gegenüber – da er kein Einverständnis „Nichtgezeugter“ mit „ihrer“ Nichtexistenz voraussetzt.
Nativistische Handlungs- und Unterlassungsgebote
Gemeinhin wird eine Pflicht anerkannt, nicht so zu handeln, dass ein Mensch leiden wird. Zugleich wird es nicht als Pflicht angesehen, so zu handeln, dass ein Mensch Glück erfährt. Im Falle existierender Menschen bedeutet dies, dass wir davon Abstand nehmen müssen, dem Betreffenden zu schaden, dass wir aber nicht verpflichtet sind, ihm Freude zu bereiten oder sein Dasein über den Zustand der Zufriedenheit zu steigern.
Mit Blick auf Handlungen, die dazu führen, dass ein Mensch zu existieren beginnt, bedeutet dies: Wir sind verpflichtet, diese Handlungen zu unterlassen, weil sie unweigerlich dazu führen, dass ein Mensch zu existieren beginnt, der auch unzufrieden sein und leiden wird; wir sind gehalten, diese Handlung zu unterlassen, auch wenn sie dazu führt, dass ein Mensch zu existieren beginnt, der (auch) Glück und Freude erfahren wird.
Atroxologie/Neganthropologie
Der Begriff Atroxologie ist gebildet in Anlehnung an das lateinische Wort „atrocitas“, zu deutsch: Schrecklichkeit, Abscheulichkeit, Härte.
Urheber des Begriffs ist Karl Georg Zinn. In seinem Buch „Kanonen und Pest. Über die Ursprünge der Neuzeit im 14. und 15. Jahrhundert“ verwendet Zinn das Wort atroxisch, um die Intensität des Vernichtungsgeschehens insbesondere zu Beginn der Neuzeit im 14. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Erfindung und Benutzung von Feuerwaffen und später weltweit im 20. Jahrhundert zu bezeichnen. Zinn verlangt nach einer Atroxologie als der „Lehre menschlichen Vernichtungshandelns“. Seine eigenen Ausführungen können als „Einführung in die Atroxologie des 14. Jahrhunderts“ gelesen werden. Zinn rechtfertigt seinen Neologismus „atroxisch“ damit, dass die deutsche Sprache kein geeignetes Wort enthalte, „um die zeitliche Ballung, die extreme Scheußlichkeit und Inhumanität der Vernichtungsorgie auf einen Begriff zu bringen.“ (Zinn, S. 149)
Im Sinne unserer Begrifflichkeit handelt es sich bei der Atroxologie um eine Neganthropologie. Wir plädieren für eine Atroxologie/Neganthropologie als obligatorischen Teil des Geschichtsunterrichts an allgemeinbildenden Schulen: Aufklärung der Schüler über die horrenden Unwerte, mit denen die Fortsetzung des Menschheitsexperiments in der Vergangenheit – von Individuum zu Individuum, von Generation zu Generation – einhergegangen ist. Aufgeklärte Staaten benötigen mündige Bürger, denen bereits in der Schule vor Augen geführt wurde, was eine Fortsetzung des Menschheitsexperiments auch nur in einer einzigen Minute bedeutet.
Menschheitsminute
Aufhebung der Gesellschaft
Theoretiker haben die Gesellschaft immer nur unterschiedlich kritisiert, es kommt aber darauf an, sie mittels Nichtfortpflanzung aufzuheben.
Aufklärung, nativistische
Gemäß einem bekannten Diktum Kants bedeutet Aufklärung: der Ausgang des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit. Nun kommen alle Menschen Geheiß ihrer Eltern – und nicht etwa selbstverursacht – zur Welt. Folglich müssen wir das von Kant diagnostizierte Selbstverschuldetsein der Unmündigkeit relativieren. Unmündigkeit ist anteilig immer auch elternverschuldet. Indirekt registriert Kant eine anteilige Elternschuld an aller Unmündigkeit in seiner Metaphysik der Sitten, wo er Eltern in die Pflicht nimmt, ihre Kinder bis zur Daseinsautonomie zu erziehen. Mit Bezug auf Kant stellt sich hier die grobschlächtige scheinende Frage: Wenn Unmündigkeit verwerflich ist weil sie dem Wesen menschlicher Autonomie und Freiheit widerstreitet, warum plädierte Kant dann nicht entschieden dafür, die Hervorbringung mehr oder minder unmündiger Wesen einzustellen. Die Antwort lautet dahingehend, dass Kant – ganz im optimistischen Sinne der Aufklärung – zwar nicht an eine Vervollkommnung, aber doch an eine teilweise Verbesserung der Gattung glaubte.
Nativistische Aufklärung ist der Hinweis darauf, dass die selbstverschuldete Unmündigkeit, von der Kant spricht, in letzter Instanz fremdverschuldet ist, nämlich elternverschuldet (
Elternschuld). Ziel nativistischer Aufklärung ist die antinatalistische Aufhebung aller elternverschuldeten Unmündigkeit etwa mittels Bekanntmachung aller potentiellen Eltern mit einer
Zeugungsfolgenabschätzung.
Trotz einer großen Anzahl antinatalistischer Äußerungen und Einsichten der Vergangenheit – dazu dieses Handbuch – leben wir nach wie vor in antinatalistisch unaufgeklärten Zeiten. Dabei gilt folgende Relation: Die Elternschuld eines Paares korrespondiert dem Maß, in dem sie mit nativistischer Aufklärung bekannt geworden ist. Kant paraphrasierend formulieren wir: Aufklärung korrespondiert immer auch dem Austritt des Menschen aus elternverschuldeter Unmündigkeit und damit aus dem Naturerbe des Fortpflanzungszusammenhangs.
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