In einer zynischen Form des Antinatalismus werden hier Mitleidlosigkeit und
Panempathiedefizit damit erläutert, dass ja schließlich keine Kinder gezeugt zu werden brauchten. Die Kinder werden gleichsam als verlängerter Teil ihrer Eltern angesehen – die ja nicht gezwungen waren, den Existenzbeginn weiterer Menschen zu bewirken –, nicht aber als eigenständig leidende und hilfsbedürftige Wesen.
Bevor der Terminus „Antinatalismus“ von Théophile de
Giraud zur Bezeichnung der von uns vertretenen Moraltheorie genutzt wurde, gebrauchten
Kurnig und
Annaba unabhängig voneinander den Begriff „Antiprokreationismus“.
Antinatalistische Zumutung und Antinatalisten-Abwehr
Wie jede Moraltheorie, gründet auch der Antinatalismus auf dem Prinzip der Universalisierbarkeit. Das heißt, wer den Antinatalismus vertritt, ist nicht bloß gehalten, zu sagen, es wäre besser gewesen, wenn andere niemals zu existieren begonnen hätten und sich nicht fortgepflanzt hätten. Sondern er muss unterschreiben: Es wäre besser gewesen, wenn auch ich selbst nie gelebt und mich fortgepflanzt hätte. Diesen Satz aber fasst so mancher als Bedrohung des eigenen Lebens und des Lebens der eigenen Nachkommen, Verwandten und Bekannten auf. Die antinatalistische Universalisierung verlangt von uns, über den
Schatten der eigenen Existenz zu springen. Über den Schatten der eigenen Existenz zu springen, wird erleichtert, wenn wir uns anders ausdrücken: Statt zu sagen: (A) „Laut Antinatalismus wäre es besser, wenn X nie gelebt hätte“, können wir sagen: (B) „Laut Antinatalismus wäre es besser, wenn X niemals zu existieren begonnen hätte.“ In (A) scheint der Antinatalismus nach einem Lebensentzug (Tötung!) zu trachten; in (B) hingegen wird nur ein Ausbleiben des Existenzbeginns formuliert, von dem niemand direkt betroffen ist.
Da wir alle im „Licht der Welt“ angekommen sind, kann es uns dennoch schwerfallen, diesen Schatten der Existenz gedanklich zu überspringen. Sagt der Antinatalist dem Nicht-Antinatalisten: „Leid ist nur mit der Aufhebung menschlichen Daseins aufzuheben“, so mag der Nicht-Antinatalist dies als mannigfache Bedrohung verstehen:
1. „ICH, meine Nachkommen, Verwandten und Bekannten sollen nicht weiterexistieren, der Antinatalist trachtet uns nach dem Leben und verurteilt unser Fortleben.“
2. „Der Antinatalist befürwortet, dass wir nie das Licht der Welt erblickt hätten und für immer im Schatten des Nichtseins verblieben wären.“
3. „Indem der Antinatalist mein Niegewesensein befürwortet, plädiert er für mein
Totgebliebensein – eine schreckliche Vorstellung, da mir all das entgangen wäre, was ich inzwischen erlebt habe.“
4. „Indem der Antinatalist mein Nichtsein gutheißt, plädiert er für meinen Tod.“
In Zuspitzung einer sonderbar missverstandenen antinatalistischen Zumutung kann es also dahin kommen, dass ein Tötungswunsch auf den Antinatalisten projiziert wird: Er wünsche, dass jeder Einzelne nie ins Dasein getreten wäre und damit dessen Nichtsein, das aber nunmehr gar nicht anders zu verwirklichen wäre, als vermittels der Tötung des Lebenden. In letzter Instanz müsse der Antinatalist die Tötung aller Lebenden wollen, weshalb ihm denn auch öfters leichthin ein Wille zur Vernichtung der Menschheit oder Menschenhass unterstellt wird. Eine heftige Form der Gegenwehr besteht dann darin, den Antinatalisten selbst als einzigen besser nie Geborenen zu brandmarken und ihm den Suizid als doch logische Konsequenz zu empfehlen. Damit wäre die vermeintlich vom Antinatalisten ausgehende Existenzbedrohung gebannt.
Der antinatalistischen Ethik zuzustimmen setzt voraus, in einem
Rücklauf vor den
Existenzbeginn von der eigenen Existenz ebenso Abstand nehmen zu können, wie von der Existenz Angehöriger und Bekannter. Eine der prononciertesten Abstandsnahmen von sich selbst findet sich vielleicht bei der österreichischen Dichterin Ilse Aichinger, die in einem Gespräch mit der Journalistin Julia Kospach bekanntgab, dass sie ihre „Existenz für vollkommen unnötig“ hält. (Aichinger, Es muss gar nichts bleiben, S. 202)
Antinatalogik, Grundprinzip der
Das Prinzip der Nichtaffizierbarkeit durch Gezeugtwerden oder Nichtgezeugtwerden. Anders formuliert: Der Umstand, dass die Entscheidung eines Paares „für“ oder „gegen“ ein Kind kein existierendes Kind betrifft.
Antineganthropische Goldene Regel
Handle stets so, dass Du alles Leid, wovon Du nicht willst, dass es Dir auch geschehen könnte, weiteren Menschen ersparst – was Du am einfachsten erreichst, indem Du auf eigene Nachkommen verzichtest.
Antirealismus und historische Positivitätsblendung
Im Zuge einer umfassenden
Negativitätsaufbereitung tendieren Menschen nicht nur dahingehend, rückblickend den eigenen Lebenslauf optimistisch zu verzerren, sondern die Menschheitsgeschichte insgesamt. Je nachdem, wie sie die bisherige Geschichte beurteilen, teilt Terry Eagleton (*1943) die Menschen in zwei Gruppen ein und legt ein antinatalistisches Teilbekenntnis ab: „Moralisch betrachtet lassen sich die Menschen im Grunde danach unterscheiden, ob sie anerkennen oder nicht, dass die Geschichte bislang überwiegend aus Blutvergießen und Despotismus bestand, dass Gewalttätigkeit für unsere Spezies weit charakteristischer war als zivilisiertes Verhalten und dass viele Menschen, die auf unserem Planeten geboren wurden, weit besser gefahren wären, wenn ihnen das Licht der Welt erspart geblieben wäre.“ (Eagleton, Das Böse, S. 188f)
Denkt man Eagletons antinatalistisches Teilbekenntnis weiter, so ergibt sich ein genuiner Antinatalismus: Selbstverständlich wäre es nicht den Menschen besser gegangen, wenn sie niemals zu existieren begonnen hätten, sondern der Lauf der Geschichte wäre weniger schlecht gewesen, wenn weniger Menschen gelitten hätten. Soweit Eagletons partieller Antinatalismus. Nehmen wir jetzt die Zukunft in den Blick, so vermögen wir nicht anzugeben, die Kinder welcher Eltern derart leiden würden, dass Eagleton sagen würde, man hätte ihnen „das Licht der Welt“ besser erspart. Hieraus folgt jedoch, dass jede Person aus Vorsicht gut daran tut, eine etwaige pronatale Entscheidung zu revidieren.
Eagletons Einteilung der Menschen ist bipolar. Denker wie Stephen Pinker mit seinem Buch „Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit“ behaupten, dass Blutvergießen im Zuge unserer Geschichte und insbesondere mit dem neuzeitlichen Zivilisationsprozess beträchtlich zurückgegangen sind. Zu Beginn der Neuzeit ereignet sich das von der westlichen „Zivilisation“ auf der Suche nach Gold und Silber ausgehende große Sterben in Mittelamerika mit zig Millionen Toten.{19} Wohl möchte Pinker sagen, dass es mit fortschreitender „Zivilisation“ immer weniger Menschen gibt, die „weit besser gefahren wären, wenn ihnen das Licht der Welt erspart geblieben wäre“? Selbst wenn wir hier von den weithin bekannten Großkatastrophen des 20. Jahrhunderts absehen und uns an weniger bekannte und doch ungeheuer mörderische Großkatastrophen scheint dies fraglich. Wir nennen hier nur die Resolution 661 des UNO-Sicherheitsrates vom 6. August 1990, mit der ein umfassendes Wirtschaftsembargo gegen den Irak in Kraft trat, das sich auf Medikamente, Impfstoffe und Chlor zur Wasseraufbereitung erstreckte, sodass mehr als eine Million Iraker infolge der Sanktionspolitik sterben mussten (siehe etwa Michael Lüders, Wer den Wind sät, S. 43f). Als Zweites erwähnen wir die Kongokriege Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts mit mehreren Millionen Toten.
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