Karim Akerma - Antinatalismus

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Das vorliegende Antinatalismus-Handbuch dokumentiert und erörtert die Einsicht in das Nichtseinmüssen von Menschen als einen Gewinn von Freiheit gegen biosozionome Vorgaben. Und es verfolgt die ethische Absicht, fortzeugungswillige Leser davon zu überzeugen, dass es besser ist, nicht so zu handeln, dass neue Menschen zu existieren beginnen. Fortzeugungskritische Leser will es in ihrer antinatalistischen Haltung bestärken. Zu diesem Zweck bietet das Handbuch eine Vielzahl von Argumenten, Neologismen und Stellungnahmen zur Natalität aus Jahrtausenden auf. Auch wenn diese Stellungnahmen häufig gleichsam nur im Vorhof des Antinatalismus stehen, belegen sie doch, dass das Kulturwesen Mensch immer schon eine kritische Haltung gegen das biosoziale Radikal der Fortpflanzung einzunehmen wusste. Der von uns vertretene Antinatalismus ist universal, indem er alle leidfähigen Wesen berücksichtigt: Es ist zumeist besser so zu handeln , dass kein weiteres leidfähiges Tier zu existieren beginnt. Hier berührt sich der humanistische Antinatalismus mit dem ethischen Vegetarismus.

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»No! Don't say it! Don't say it!« she pleaded. »I think I'm going to have one. Say you'll be pleased.« She laid her hand on his.

»I'm pleased for you to be pleased,« he said. »But for me it seems a ghastly treachery to the unborn creature.«“ (Lawrence, Lady Chatterley's Lover Penguin Books, S. 227f)

Antinatalismus, rassistischer

Ein rassistischer Staats-Antinatalismus, der die Fortzeugung von Juden und Zigeunern restringierte, wurde etwa in Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus praktiziert.{17}

Antinatalismus, religiöser

Weltverneinenden Religionen wie den hinduistischen Systemen, dem Jainismus, Buddhismus und frühem Christentum eignet ein starkes antinatalistisches Element, auch wenn dieses von der religiösen Laienschaft kaum gelebt wurde, sondern überwiegend von Priestern, Nonnen und Mönchen. Mit Blick auf den religiösen Antinatalismus erweist sich Philosophie als das Gehirn der Religion, insofern sie den zumindest in Indien wohl uralten religiösen Antinatalismus moraltheoretisch auf den Begriff bringt.{18} Als das Gehirn der Religion, tritt der Antinatalismus das Erbe religiöser Nachkommenlosigkeitsgebote an. Er transponiert den am schwierigsten umzusetzenden Aspekt des Jaininismus, Buddhismus, Hinduismus und Christentums in die Gegenwart.

Antinatalismus, sozialer

Der soziale Antinatalist spricht sich in der je eigenen Gegenwart gegen Kinder aus, wenn er meint, gerade in dieser Gegenwart wäre den Kindern kein angenehmes Leben beschieden. In diesem Sinne schreibt Wilhelm Bölsche: „Die soziale Notlage kann der einzelne nicht hemmen, also zieht er die moralische Konsequenz: besser keine Kinder als elend darbende oder verhungernde. Das Motiv mag heilig sein, aber die wahre Folge für die Menschheit ist diesmal nicht heilig.“ (Wilhelm Bölsche, Das Liebesleben in der Natur: eine Entwickelungsgeschichte der Liebe, Band 2, S. 258)

Antinatalismus, sozialrevolutionärer

Die Idee mittels картинка 143Geburtenstreik dem Kapitalismus die Wertschaffenden zu entziehen, ohne die er nicht funktionieren kann. Der Geburtenstreik soll als Mittel zu dem Zweck fungieren, eine Verbesserung der sozialen Lage zu erzwingen.

Zum sozialrevolutionären Antinatalismus können die in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts in den USA organisierten Antimutterschaftsklubs gerechnet werden, die gegen Geburten und für einen Gebärstreik agitierten. (Vgl. Bilder-Lexikon der Erotik, Band 1, S. 64)

картинка 144Gebärstreik

Antinatalismus, universaler

Als Adressaten der antinatalistischen Moraltheorie kommen nur Menschen in Frage, von denen der Antinatalismus allerdings auch verlangt, nach Möglichkeit keine weiteren leidensfähigen Tiere ins Dasein treten zu lassen. Dies gilt für den agrarischen Bereich wie auch für Wildtiere, deren Verebben mittels Sterilisation auf möglichst leidfreie Weise einzuleiten ist. Wer wäre so gewissenlos, vor dem Hintergrund des nachstehend von Romain Rolland (1866–1944) in seinem Roman „Jean-Christophe“ Ausgeführten ein weiteres Nutztier ins Dasein treten zu lassen?

„Die namenlosen Martern, die der Mensch diesen unschuldigen Wesen zufügt, zerrissen ihm das Herz. Wenn ihr den Tieren doch nur einen Schatten von Vernunft zugestehen wolltet! Macht euch klar, welch schrecklicher Alptraum die Welt für sie sein muss: All diese gleichgültigen Menschen, die beim Schlachten blind und taub sind, die es ausnehmen, zerschneiden, lebendig kochen und sich amüsieren, wenn sie sich unter Schmerzen winden. […] Millionen Tiere werden jeden Tag auf ganz überflüssige Weise ohne jeglichen Gewissensbiss massakriert. Wer darauf hinweist, läuft Gefahr, sich lächerlich zu machen. Und hierin besteht das unverzeihliche Verbrechen. Er schwört der Menschheit Rache. Und wenn Gott existiert und all dies toleriert, so trifft sein Racheschrei Gott. […] Wenn Gott sich nur den Stärksten als gut erweist, wenn es für die Entrechteten keine Gerechtigkeit gibt, für die niederen Wesen, die den Menschen hingeopfert werden, so gibt es keine Güte und keine Gerechtigkeit.“ (Romain Rolland, Jean-Christophe, S. 1316)

Schief zum universalen Antinatalismus steht die Position Herbert Marcuses, dem nicht bloß eine befreite menschliche Gesellschaft vorschwebte, sondern zudem eine befriedete Tierheit, wofür der Mensch einzustehen habe. In einem Interview mit dem Spiegel im Jahr 1967 antwortet Marcuse auf die Frage der Redakteure, ob denn auch Tiere gegen – von Menschen wie Tieren ausgehende – Grausamkeit geschützt werden sollen und können:

„MARCUSE: Ja, in dem Sinne und soweit als – ich bin kein Zoologe – Grausamkeit unter den Tieren einfach durch Unsicherheit, Schwäche und Not bedingt ist, ja. Das glaube ich schon. Ob man je verhindern können wird, daß der große Fisch den kleinen frißt? Vielleicht kommen wir noch mal dazu, wenn nämlich der große Fisch genug Nahrung hat, so daß er den kleinen nicht braucht.

SPIEGEL: Herr Professor, ist das nicht der Garten Eden? Ist das, was Sie lehren, nicht eigentlich Religion?

MARCUSE: Warum eigentlich? Nein! Ich spekuliere in keiner Weise auf irgendwelche übernatürlichen und übermenschlichen Kräfte. Die Idee der Befriedung der Natur ist eine geschichtliche, keine metaphysische. Sie muß von den Menschen selbst kommen und von der menschlichen Gesellschaft erarbeitet werden.“ (Der Spiegel Nr. 35/1967, S. 118)

Marcuse gibt an, nicht auf übernatürliche Kräfte zu spekulieren – aber er verrät uns auch nicht, welche Nahrung wir Raubtieren geben sollen, damit sie sich nicht länger von anderen Lebewesen ernähren. Es geht nicht darum, dass der große Fisch „genug“ Nahrung hat, sondern dass Menschen ihm andere Nahrung als die bereitstellen, die er sich von Natur aus suchen würde. Gefragt wäre also ein globales Fütterungsprogramm, in dessen Rahmen Menschen die Raubtiere der Erde mit Kunstfleisch zu versorgen hätten. Nicht einmal Marcuse dürfte ernsthaft in Erwägung gezogen haben, dass sich die Abermilliarden Raubfische in den irdischen Meeren mit Kunstfisch füttern ließen. Ganz abgesehen von den Myriaden auf unserem Planeten wimmelnden Insekten. Hieraus ist nun allerdings der Schluss zu ziehen, dass eine „Befriedung der Natur“ allein auf dem Wege eines anthropogenen, vom Menschen in die Wege geleiteten Verebbens aller empfindenden Spezies zu erzielen wäre.

Antinatalismus, würdebasierter

Der würdebasierte Antinatalismus resultiert daraus und macht geltend, dass es mit der proklamierten menschlichen Würde unvereinbar ist, sich als fremdnützig oder zufallsbedingt gezeugtes Wesen begreifen zu müssen, dessen Dasein zumindest in dreierlei Hinsicht diktiert wäre: (1) ohne Vetomöglichkeit gezeugt worden zu sein; (2) ohne Wahlmöglichkeit die eigene – zumeist auf zufälliger Rekombination basierende – genetische Ausstattung mitbekommen zu haben; (3) ein durch Ort und Zeit wesentlich vorbestimmtes Schicksal vorzufinden und es nur bedingt in die eigene Regie nehmen zu können.

Diese dreifache Heteronomie aus Daseins-Diktat, Genlotterie und Schicksalslotterie spricht dem Autonomiegedanken Hohn, der das Prinzip der Menschenwürde konstituiert.

Antinatalismus, zynischer

„Dem Hauswirt klagt ein armer Mann, / Daß er nicht Miete zahlen kann. / Mein Weib ist krank – groß ist die Not, / Sechs kleine Kinder schrein nach Brot! / I was – so ruft der harte Mann – / Was gehn mich Eure Kinder an. / Wenn es mit Euch so schlecht bestellt. / Setzt keine Kinder in die Welt.“ (O.F. Berg und D. Kalisch: Berlin, wie es weint und lacht, S. 73)

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