Antinatalismus, bevölkerungspolitischer (Denatalismus)
Bevor vom Antinatalismus und Pronatalismus in der Moraltheorie die Rede war, bezeichnete man eine restriktive Bevölkerungspolitik als antinatalistisch und eine expansive Bevölkerungspolitik als Pronatalismus. Der Hauptunterschied zwischen dem bevölkerungstheoretischen und dem moraltheoretischen Antinatalismus besteht darin, dass ersterer nicht das Aussterben eines Staates oder der Menschheit zum Ziel hat, sondern nur eine verminderte Geburtenrate (Denatalismus), während der von uns verfochtene moraltheoretische Antinatalismus für ein Aussterben der Menschheit plädiert.
1988 erklärt Wolfgang Hildesheimer, warum er sich bereits im Alter von 24 Jahren entschlossen hatte, niemals Kinder zu haben: „Ich möchte mich nicht schuldig gemacht haben an der Überbevölkerung der Welt.“ (Hildesheimer, Werkgeschichte, S. 650)
Antinatalismus, christlich-theologischer
Eine theologisch larvierte Form des Antinatalismus findet sich in Johann Friedrich Weitenkampfs 1754 veröffentlichtem Buch „Lehrgebäude vom Untergang der Erde“. Weitenkampf geht der unter christlichen Vorzeichen nur zu berechtigten Frage nach, wie es sein könne, dass Gott die Welt nach einem nur wenige Jahrtausende währenden Bestand in einer Apokalypse vernichten wird. Seine erstaunliche Antwort auf diese Frage lautet, Gott werde nicht die gesamte materielle Welt vernichten, sondern „bloß“ dafür Sorge tragen, dass die Erde für die Fortzeugung des Menschen unwohnlich wird. Auf diese Weise konstruiert Weitenkampf eine Theodizee, in der der gute Weltschöpfer von dem Vorwurf entlastet wird, er plane von jeher die Zerstörung der Welt. Flankiert wird dies mit einer Entlastung des als gütig gedachten Schöpfers, der sich bislang nachsagen lassen musste, er sei grausam, da er die Zahl der verdammten Seelen so groß werden lassen will, „dass sie alle menschliche Vernunft übersteiget…“ (zit. nach Blumenberg, Selbsterhaltung und Beharrung, S. 194) Da die Mehrheit aller Menschen zu ewiger Höllenstrafe prädestiniert sei (Massa damnata) und „da ferner keine Hoffnung vorhanden ist, dass sich das menschliche Geschlecht jemals ändern werde“ (a.a.O., S. 195), steht nach Weitenkampf zu erwarten, dass Gott die Zahl der Verdammten aus Mitleid mit den Ungeborenen einschränken wird, indem er das Weltgericht eher früher denn später kommen lässt, auf dass Menschen sich auf Erden nicht mehr fortpflanzen können (für Näheres siehe Blumenberg, Selbsterhaltung und Beharrung, S. 194ff). Dieser bei Weitenkampf anzutreffende christlich-theologischen Antinatalismus lässt sich problemlos in eine Säkularform transponieren: Da wenig Hoffnung besteht, dass die menschliche Geschichte einmal ganz anders verlaufen wird, wäre es grausam, immer weitere Menschen hervorzubringen und damit die Zahl derjenigen, die gelitten haben, ins Unermessliche steigen zu lassen.
Höllenrisiko
Antinatalismus, dysteleologischer oder nihilistischer
Vom teleologischen ökologischen Antinatalismus (Anwesenheit und Aktionen des Menschen führen zum Niedergang und zur Zerstörung zweckhafter Ökosysteme) ist ein genuin dysteleologischer Antinatalismus zu unterscheiden: Die Fortzeugung ist deshalb einzustellen, weil das Dasein jedes Einzelnen wie auch der Gattung sinn- und zwecklos ist. Einen dysteleologischen Antinatalismus hätte man von den Autoren des Absurden wie Camus erwarten können, bei denen er jedoch wesentlich ausblieb.
Absurdes
Antinatalismus, feministischer
Feminantinatalismus
Antinatalismus, fundamentalistischer
Jedes noch so kleine Unwohlsein ist unzumutbar und jedes noch so schöne Leben enthält Momente des Unwohlseins: Deswegen ist jedes Leben schlecht und keines hervorzubringen.
Antinatalismus, gottdienlicher
Für Philipp Mainländer ist der Kosmos ein Umweg, den Gott beschreiten musste, um sein Ziel zu erreichen: das Nichtsein. Menschen, die sich nicht fortpflanzen, betreiben somit Gottesdienst, da sie das Ziel des auf das Nichtsein Gottes hinauslaufenden Weltprozesses befördern.{15}
Antinatalismus, hedonistischer
Nicht wegen der Leiderfahrungen der Kinder ist auf diese zu verzichten, sondern weil Nachkommen zahlreiche Entbehrungen für die Eltern nach sich ziehen. Ein Beispiel für diese Position ist Corinne Maiers 2007 erschienenes Buch „NO KID. 40 Gründe, keine Kinder zu haben“, das in Frankreich über mehrere Wochen ein Verkaufsschlager war, und dessen Argumente sich bereits in Tolstois Kreutzersonate vorgezeichnet finden. Eine Reflexion auf eine etwaige Universalisierung des Gebots der Kinderlosigkeit (das Aussterben der Menschheit) unternimmt die Autorin jedoch nicht.
Antinatalismus, historisch-biographisch informierter
Der historisch-biographisch informierte Antinatalismus extrapoliert von der bisherigen Geschichte und ihren Biografien auf die Zukunft und befindet, dass die zu erwartenden Gattungs- und Individualkatastrophen unzumutbar sind.
Antinatalismus, konsensorientierter (Seana Valentine Shiffrin)
Indem sie dem
Oktroy-Irrtum anheimfällt, argumentiert Shiffrin, die Fortpflanzung beinhalte eine nichtkonsensuelle Auferlegung beträchtlicher Daseinsnöte, wofür die Auferlegenden (Eltern) haftbar gemacht werden könnten. Shiffrin verteidigt einen gemäßigten Antinatalismus, da sie einerseits nicht behauptet, die Fortpflanzung sei aufs Ganze gesehen falsch, zugleich aber die Auffassung vertritt, bei der Hervorbringung eines neuen Menschen handele es sich um eine nichtkonsensuelle, einer Person Daseinsnöte aufzwingende und damit moralisch fragwürdige Handlung, für deren negative Konsequenzen die Verursacher auch justitiell zur Rechenschaft gezogen werden könnten. Shiffrins Antinatalismus ist ferner deshalb gemäßigt, weil ihrer Ansicht nach die Hervorbringung eines Menschen nicht grundsätzlich moralisch verwerflich ist. Die mit der Hervorbringung eines Menschen einhergehende zustimmungslose/nichtkonsensuelle Auferlegung von Daseinsnöten sieht Shiffrin dann als gerechtfertigt an, wenn die Eltern des mit dem Leben Beschenkten die Pflicht anerkennen und auf sich nehmen, ihm die Last des Lebens zu erleichtern. Von hier aus gelangt Shiffrin zu der Auffassung, dass die justitielle Beschränkung auf Fälle von
Wrongful life viel zu restriktiv ist. Moralisch problematisch seien nicht allein Fälle rücksichtsloser Fortpflanzung, etwa wenn Eltern sich fortpflanzen, obgleich sie wissen, dass ihre Kinder an schweren Krankheiten leiden werden. Laut Shiffrin auferlegt vielmehr jede Fortpflanzung einem Menschen Daseinsnöte, wenn diese Auferlegung nicht dem Zweck dient, größere Nöte oder Schäden abzuwenden.
Shiffrins Ausführungen gehen über Kants Position hinaus, demzufolge es den Eltern obliegt, die eigenen Kinder bis zum Eintritt der Volljährigkeit physisch und psychisch so zufrieden zu machen, dass sie das Dasein selbst gewählt haben würden. Mit ihrer Auffassung, dass auch Kinder, deren Gezeugtwordensein gut für sie gewesen ist, das Recht haben sollten, ihre Eltern vor Gericht zu verklagen, nähert sich Shiffrin der Position von
Poulet an. (Für Shiffrins Position vgl. Shiffrin, WRONGFUL LIFE…, S. 117–148. Asheel Singh hat Shiffrins gemäßigten Antinatalismus zu einem konsequenten Antinatalismus entfaltet, indem er dahingehend argumentiert, dass jede menschliche Fortpflanzung eine moralisch nicht zu rechtfertigende Auferlegung schwerer und vermeidbarer Daseinsnöte bedeutet. Siehe Singh, Assessing Anti-natalism, 2012)
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