Karim Akerma - Antinatalismus

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Das vorliegende Antinatalismus-Handbuch dokumentiert und erörtert die Einsicht in das Nichtseinmüssen von Menschen als einen Gewinn von Freiheit gegen biosozionome Vorgaben. Und es verfolgt die ethische Absicht, fortzeugungswillige Leser davon zu überzeugen, dass es besser ist, nicht so zu handeln, dass neue Menschen zu existieren beginnen. Fortzeugungskritische Leser will es in ihrer antinatalistischen Haltung bestärken. Zu diesem Zweck bietet das Handbuch eine Vielzahl von Argumenten, Neologismen und Stellungnahmen zur Natalität aus Jahrtausenden auf. Auch wenn diese Stellungnahmen häufig gleichsam nur im Vorhof des Antinatalismus stehen, belegen sie doch, dass das Kulturwesen Mensch immer schon eine kritische Haltung gegen das biosoziale Radikal der Fortpflanzung einzunehmen wusste. Der von uns vertretene Antinatalismus ist universal, indem er alle leidfähigen Wesen berücksichtigt: Es ist zumeist besser so zu handeln , dass kein weiteres leidfähiges Tier zu existieren beginnt. Hier berührt sich der humanistische Antinatalismus mit dem ethischen Vegetarismus.

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Antinatalismus, ökologischer

Die Hervorbringung von Menschen ist wesentlich deshalb einzustellen, weil Menschen die Hauptverantwortlichen sind für: Das Aussterben von Arten, die massenweise Tötung von Tieren, die Zerstörung von Ökosystemen. Vielen Menschen ist bewusst, dass kaum eine andere Entscheidung, die ein Einzelner treffen kann, so viele Ressourcen schont und derart stark zum Umweltschutz beiträgt, wie die Entscheidung, sich nicht fortzupflanzen.{16} Wohl in diesem Sinne äußerte der Dalai Lama: „Ich habe gesagt, dass ich manchmal den Eindruck habe, dass es der Erde ohne Menschen besser ginge.“ (Der Appell des Dalai Lama an die Welt, S. 18)

Der ökologische Antinatalismus gliedert sich zumindest in eine leidensorientierte (pathozentrische), eine werteorientierte und eine teleologische Spielart.

Dem leidensorientierten ökologischen Antinatalismus zufolge sollen Menschen ihre Fortpflanzung deshalb einstellen, weil Tiere unter dem Menschen unsäglich leiden.

Gemäß werteorientiertem ökologischem Antinatalismus soll die Menschheit deswegen verebben, weil Menschen unweigerlich als Wertevernichter auftreten, indem sie Tierarten zum Aussterben bringen oder Ökosysteme zerstören.

Dem teleologischen ökologischen Antinatalismus zufolge sind Pflanzen, Tieren, Arten oder Ökosystemen Zwecke inhärent, die durch menschliche Eingriffe nicht zur Entfaltung gelangen.

Ein Motiv des ökologischen Antinatalismus antizipiert Adorno in seinen „Minima Moralia“, wo er sich zur Faszination äußert, die urzeitliche Tiere auf uns ausüben: „Aber die Vorstellung von lebenden oder erst wenige Jahrmillionen ausgestorbenen Urtieren erschöpft sich nicht darin. Die Hoffnung, welche die Gegenwart des Ältesten begehrt, geht darauf, es möchte die animalische Schöpfung das Unrecht überleben, das ihr vom Menschen angetan ward, wenn nicht ihn selber, und eine bessere Gattung hervorbringen, der es endlich gelingt.“ (Minima Moralia, Aphorismus 74, S. 148)

VHEMT (Voluntary Human Extinction Movement)

Der Gedanke, der Mensch möge sich freiwillig zurückziehen, damit den Tieren nicht länger Unrecht geschieht, ist etwa zentral für das VHEMT (Voluntary Human Extinction Movement), in dessen Programmatik es heißt:

„The Movement presents an encouraging alternative to the callous exploitation and wholesale destruction of Earth’s ecology.

As VHEMT Volunteers know, the hopeful alternative to the extinction of millions of species of plants and animals is the voluntary extinction of one species: Homo sapiens... us.

Each time another one of us decides to not add another one of us to the burgeoning billions already squatting on this ravaged planet, another ray of hope shines through the gloom.“

(http://www.vhemt.org/aboutvhemt.htm#vhemt – eingesehen am 9. Januar 2012)

Das Stimmungsbild eines ökologisch motivierten Antinatalismus gibt Haruki Murakami (*1949) in „Wilde Schafsjagd“ wieder:

„Ist noch kein Kind unterwegs?“ fragte Jay, als er zurückkam. „Ihr seid doch gerade im richtigen Alter?“

„Wir wollen keine.“

„Weshalb nicht?“

“Es geht darum, dass ich nicht sicher bin, ob es wirklich richtig ist, neues Leben in die Welt zu setzen. Kinder werden erwachsen, Generationen lösen sich ab. Und was kommt dabei raus? Die Landschaft wird nur noch weiter plattgewalzt, das Meer weiter zugeschüttet, es werden immer schnellere Autos gebaut und immer mehr Katzen überfahren. Das kommt dabei raus!“ (Murakami, Wilde Schafsjagd, S.89f)

Alttestamentarischer unterjochender Pronatalismus versus neutestamentarischer ökologischer Antinatalismus (W. Hildesheimer)

In einer Rede an Gott im Rahmen eines Kommentars zu Mozarts Requiem beleuchtet Wolfgang Hildesheimer eine der bedeutsamsten internen Spannungen der christlichen Religion, indem er – idealtypisch – den neutestamentarischen Antinatalismus neben den alttestamentarischen Pronatalismus stellt:

„Glaub mir! Sie bringen Dich um Dein größtes Werk: die Natur. Sie wendet sich nunmehr mit Recht gegen uns und wird uns zur Todfeindin. Gib auch Du ihr recht, Herr ! Unterstütze sie! Gib den Tieren die Kraft, sich gegen uns zu wehren: Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, er ist mißraten. Nimm ihm daher seine Fruchtbarkeit, er mißbraucht sie. Herr, erinnere Dich dessen, was Dein Sohn gesagt hat: Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher in welcher man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben.

Diese Zeit ist nunmehr gekommen.“ (Hildesheimer, Wolfgang. Klage und Anklage, S. 52. Fund: GK)

Der freiheitsbegabte Mensch hatte die Chance, sich wohlgeraten – im Sinne eines Nutzen-Summen-Utilitarismus – in größtmöglicher Zahl über die ganze Erde zu verbreiten. Jahwe hatte dies befohlen. Als deutlich wurde, dass der Mensch zu seinem und der restlichen Schöpfung Schaden von seiner Freiheit Gebrauch macht, schickte der nunmehr christlich gewordene Gott einen Menschensohn, der das Gebot „Mehret Euch“ seiner jüdischen Phase revidierte und gemeinsam mit Aposteln (Paulus) und Kirchenvätern (Augustinus!) zum Verebben der Menschheit aufrief, da Jahwes früherer Aufruf zu größtmöglicher Menschenmehrung in Anbetracht des baldigen Weltendes keinen Sinn mehr hatte.

Antinatalismus, pädophober

Ablehnung der Fortpflanzung aus Gründen der Kinderfeindlichkeit.

19.1.15

Antinatalismus, philanthropischer

Die ethische Devise des philanthropischen Antinatalismus lautet: Hilf allen Bedürftigen so gut du kannst und setze dich dafür ein, dass keine weiteren Hilfsbedürftigen gezeugt werden. Kann die antinatalistische Moraltheorie beanspruchen, philanthropisch zu sein? Wenn man einen personenbezogenen Begriff von Philanthropie voraussetzt, hält der Begriff einer näheren Prüfung nicht stand. Denn man erweist keiner nichtexistierenden „Person“ etwas Gutes, wenn man sich entscheidet, „sie“ nicht hervorzubringen. Dessen ungeachtet können wir dem Antinatalismus eine philanthropische Gesinnung oder humanistische Motive zuschreiben, da er zur Revision von Entscheidungen anhält, bei deren Durchführung Menschen leiden und sterben müssten.

Kant formuliert: „Der, welcher am Wohlsein (salus) der Menschen, so fern er sie bloß als solche betrachtet, Vergnügen findet, dem wohl ist, wenn es jedem anderen wohlergeht, heißt ein Menschenfreund (Philanthrop) überhaupt.“ (Kant, Werkausgabe Bd. 8, S. 586) Mit dem Verebben der Menschheit ist das Ausbleiben neuer Menschen zum Ziel gesetzt, an deren Wohlsein der Philanthrop also kein „Vergnügen“ finden könnte. Dennoch kann ein ausgeprägter Philanthropismus Beweggrund des Antinatalismus sein, insofern der Antinatalist dafür argumentiert, dass keine weiteren Menschen zu existieren beginnen, die unweigerlich und unsäglich so leiden würden, wie bisherige Menschen es taten. картинка 142Crawford fasste diese Konstellation in folgende Worte: „At risk of appearing prideful, I need to point out that philanthropic antinatalism emerges from a deep well of empathic sensibility, from which naturally springs a sense of responsibility toward other people, as well as toward all life.“ (Crawford, S. 142. Siehe auch Akerma 1995, S. 29)

Lawrence, D. H. (1885–1930)

Ein kurzer Dialog aus D. H. Lawrences Lady Chatterley's Lover illustriert die Haltung des philanthropischen Antinatalismus:

„»But if you have a child?« she said.

He dropped his head.

»Why,« he said at last. »It seems to me a wrong and bitter thing to do, to bring a child into this world.«

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