Ob eine auf Horstmannsche Manier von jeglichem Leid „befreite“ Erde in der bis zum Aufblähen der Sonne verbleibenden Zeit abermals empfindende oder intelligente Wesen hervorbringen könnte, mag dahingestellt bleiben. Erstaunlich ist, dass Horstmanns Anthropofugalität gegenüber der antinatalistischen Perspektive eines Verebbens der Menschheit verschlossen bleibt, wenngleich er sie streift, wo er konstatiert, wir seien „dem Fluch ewiger Fortzeugung entwachsen“ (Horstmann, Untier, S. 101)
Erfahrungen, Reflexionen und Überlieferungen, die einer von Ulrich Horstmann folgendermaßen erläuterten anthropofugalen Perspektive förderlich sind: „Gemeint ist damit ein Auf-Distanz-Gehen des Untiers zu sich selbst und seiner Geschichte, ein unparteiisches Zusehen, ein Aussetzen des scheinbar universalen Sympathiegebots mit der Gattung, der der Nachdenkende selbst angehört, ein Kappen der affektiven Bindungen.“ (Horstmann, Untier, S. 8) Starke Anthropofugalkräfte formieren sich in oder kurz nach Kriegen, Völkermorden oder Naturkatastrophen.
Anthropologie, philosophische
Kulturwesen vom Anfang her und zum Ende hin
Kernsatz der philosophischen Anthropologie ist das Theorem, der Mensch sei von Natur aus ein Kulturwesen. Mit diesem Diktum wird besagt, dass wir den Menschen – so weit wir in der Zeit auch zurückgehen – nicht ohne Kultur antreffen und ihn ohne Kultur nicht denken können. Tatsächlich findet die Paläoanthropologie, wo immer sie auf Spuren vergangener menschlicher Vorfahren stößt, zugleich auch Spuren von Kultur.
Soll zutreffen, dass der Mensch nicht ohne Kultur gedacht werden kann, so muss er in seiner gesamten zeitlichen Erstreckung ein Kulturwesen sein, nicht nur vom Anfang her, sondern auch zum Ende hin. Als Kulturwesen zum Ende hin hätte der Mensch nicht zu warten, bis die Natur – in Gestalt von Katastrophen, letztlich die sich aufblähende Sonne – ihm ein Ende bereitet, sondern sein Ende zu kultivieren. Der Antinatalismus ist die Theorie der Kultivierung des Menschheitsendes. Verzichtete man darauf, dem Theorem vom Menschen als einem Kulturwesen von Natur aus das Diktum vom Kulturwesen zum Ende hin an die Seite zu stellen, so halbierte man seine Kultiviertheit und machte ihn doch wieder zu einem halben Naturwesen, zu einem Naturwesen zum Ende hin.
Der Kernsatz der philosophischen Anthropologie gilt zumal auch dort, wo Natürlichkeit und Kultürlichkeit des Menschen am engsten verzahnt sind und die Naturdimension am ausgeprägtesten scheint: Im Bereich der Fortpflanzung. Mit fortschreitender Kultur und Abstandnahme gegen Natürliches werden Menschen immer weniger einfach beiläufig gezeugt und geboren, sondern entspringen einer Entscheidung zum Nachwuchs.
Gehlen, Arnold (1904–1976)
Gehlens Satz, der Mensch sei ein Wesen, „zu dessen wichtigsten Eigenschaften es gehört, zu sich selbst Stellung nehmen zu müssen“ (Der Mensch, S. 9), hat eine Dimension, die Gehlen selbst vermutlich nicht vor Augen stand: Eine umfassende Stellungnahme zu uns – als Gattung – ist uns erst bei Einnahme der anthropofugalen Perspektive möglich, wenn wir soweit Abstand von uns selbst genommen oder gewonnen haben, dass wir die Frage aufwerfen, ob Menschen sein sollen und damit den blinden Naturprozess ethisieren.
Vertreter der Auffassung, dass Menschen – gleich unter welchen Bedingungen – möglichst bis in alle Zukunft existieren sollen.
Humanomanie
Anthropopetalkräfte bezeichnen den gesamten aus Naturwüchsigem, Mythen, staatsnatalistischen und zwischenmenschlichen Erwartungshaltungen sowie medizinischen Stützmaßnahmen gebildeten Fortpflanzungszusammenhang, dessen Betriebsamkeit dazu führt, dass immerfort zusätzlichen Menschen die Bürde des Daseins zugemutet wird.
Kommt es durch Kriege, Völkermorde oder Naturkatastrophen kurzfristig zum Erstarken von Anthropofugalkräften („In eine solche Welt darf man keine Menschen setzen!“), so gewinnt zumeist wenig später die bionome Grundeinstellung wieder Oberhand in den psychischen Haushalten und die Vertreter einer anthropofugalen Perspektive, denen man kurzfristig Konzessionen machte, gelten abermals als Kriminelle des Geistes.
Krimineller Antinatalismus
Antimilitarismus und Antinatalismus
Mit eindrucksvollen Worten stellt die Antimilitaristin Hedwig
Dohm den Krieg als millionenfachen Mörder der Jugend und unschuldiger Personen an den Pranger. Hier ist es nur ein kleiner Schritt, der die Antimilitaristin vom Antinatalismus trennt, der den allzeit möglichen Kriegen alle künftigen Opfer entziehen möchte:
„Wie soll ich den schaurigen Wahnsinn des Gedankens fassen, dass Millionen schuldloser Geschöpfe sich gegenseitig abwürgen, die einander nie etwas zuleide getan! – »Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.« Das gewisseste dieser Dinge ist der Krieg – Kannibalismus. Sättigt der Kannibale sich buchstäblich vom Fleisch seines Mitmenschen, so mietet der Krieg unzählige Mäuler, die der Kanonen, die unersättlich nach Menschenfraß gieren. Brennendes Blut speien die vesuvischen Entladungen der Schlachten über die Erde. Die Sense des Todes hat der Teufel geschliffen, dass er ganze Generationen blühender Jugend fortmähte wie Gras. Der Höllenspaß der Zentralisationslager vollendet das Weltbild eines Tollhauses.“ (Hedwig Dohm: Der Missbrauch des Todes, S. 292)
Kurnig war es, der das ethische Geschwisterpaar aus Antimilitarismus und Antinatalismus auf theoretischer Ebene vereinte.
Frauen-Frage
Antinatalismen, antinatalistische Formen
Denkformen, kulturelle Ausdrucksformen die den Antinatalismus nicht offen, sondern larviert transportieren. Aufgabe einer Philosophie der antinatalistischen Formen ist es, verpuppte Antinatalismen aufzuspüren und zur Sprache zu bringen. Religionen und Utopien sowie weite Bereiche der erzählenden Literatur und Dichtung bergen einen antinatalistischen Impetus. Religionen bieten Wege der Erlösung aus dem nicht erstrebten oder nur vorübergehenden irdischen Dasein; Utopien beschreiben die Distanz zwischen der tatsächlichen Conditio inhumana und für die Zukunft erhoffter Conditio humana.
Dies ist der Ort, den Titel dieses Handbuches genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Antinatalist möchte eigentlich etwas anderes als der Terminus bei genauer Betrachtung zum Ausdruck bringt. Der engere Wortsinn von „Antinatalismus“ ist: Wider die Geburt. Menschen, die geboren werden, existieren nun aber bereits als Ungeborene. Was der Antinatalist jedoch erreichen möchte, ist in erster Linie, dass keine weiteren Menschen zu existieren beginnen. Eine interne Differenzierung ergibt mindestens folgende Formen des Antinatalismus:
Antinatalismus, anthropozentrischer
Dem anthropozentrischen Antinatalismus geht es allein um das Verebben der Menschheit, während der
universale Antinatalismus die Existenzverhütung aller leidfähigen empfindenden Wesen ins Auge fasst. Anthropozentrische Antinatalisten machen geltend, dass Tiere keine zustimmungsfähigen Wesen sind, weswegen man etwa davon Abstand nehmen müsse, ganze Arten zu sterilisieren.
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