Verfechter der Anthropo-Panspermie erstreben eine menschenbetriebene interplanetare oder interstellare Verbreitung von Mikroorganismen, in der Hoffnung, dass diese auf andere Planeten gelangen und dort zu höheren Lebensformen evoluieren mögen:
„We are at a point now where we almost have the ability to send micro-organisms to other worlds. (…) We can generate a vast amount of life in the universe. It would give our own existence purpose.“ So Michael Mautner von der Virginia Commonwealth University in Richmond, USA (zit. in New Scientist, 5. Februar 2011, S. 41)
Befürworter der Anthropo-Panspermie legen ein extremes
Panempathie-Defizit an den Tag. Sie sind entweder gleichgültig oder gänzlich unfähig, extraterrestrische biologische Evolutionen zu antizipieren, schmerzerfüllte, sich bis zur Intelligenz hochschraubende Spiralen aus Fressen und Gefressenwerden. Informierte Antinatalisten widersprechen der Idee, Mikroorganismen in Raumsonden ins Weltall zu schicken, auf dass sie nach langem Flug sich auf fernen Planeten vermehren und dort zu höheren kriegführenden Lebewesen entwickeln mögen.
Die Frage nach einer Anthropodizee ist die Frage nach einer Rechtfertigung vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Leids in Anbetracht des Umstands, dass es keine Menschen geben muss, insoweit jeder Einzelne prinzipiell auf Nachkommen verzichten kann.
Scheinbar erfolgreich entledigte sich die moderne Forma mentis mit Gott zugleich der Frage, wie das Leid in der Welt zu rechtfertigen sei. Arbeitete das vormoderne Nachdenken der Welt sich an der Frage ab, warum der gute, allmächtige, somit zukunftsmächtige und daher alles vorauswissende Schöpfer der Welt derart viel Leid zuließ, so legen neuzeitliche Naturwissenschaft und modernes Denken in letzter Instanz nahe: Es gibt gar keinen Gott. Gott wurde Zug um Zug aus der Welt herausgeforscht, in den Urknall zurückgedrängt und aus ihr herausreflektiert.
Ohne Gott bedurfte man keiner Theodizee mehr; das heißt: Es erübrigte sich, der Frage nachzugehen, warum Gott alles Leid zugelassen hatte und ob er – wenn eine Welt nur so zu haben war – die Erschaffung von Welt und Mensch nicht besser unterlassen hätte.
Allerdings befreite sich die Moderne von dem Verlangen nach einer Theodizee ohne Einsicht darein, dass sie sich im gleichen das Problem einer zu leistenden Anthropodizee auflud: der Frage, wie es in Ansehung von so viel gewesenem, aktuellem und zu erwartendem Leid in Geschichte, Gegenwart und Zukunft zu rechtfertigen ist, dass Menschen neue Menschen zeugen.
Vormodernes Welträtsel:
Wenn der allmächtige Schöpfer der Welt gut und allmächtig ist, warum ließ er dann zu, dass Menschen in ihr leiden müssen? Warum gestaltete er die Welt nicht von Grund auf anders oder nahm von der Erschaffung von Welt und Mensch gänzlich Abstand?
Moderne Scheinaufhebung des vormodernen Welträtsels:
Da es keinen allmächtigen, guten Weltschöpfer gibt, erübrigt sich die Frage nach einer Theodizee.
Moderne Selbstbelastung:
Trifft zu, dass Menschen nicht durchgängig bionom und sozionom handeln, sondern frei entscheiden können, warum schreiben sie dann mit jeder Fortpflanzung die bisherige Geschichte fort und ermöglichen immer neues Leid und Elend? Mag sich die Frage nach einer Theodizee erübrigen – weil Gott nicht existiert oder nicht länger an ihn geglaubt wird –, so stellt sich die Frage nach einer Anthropodizee umso dringlicher, insofern Menschen – als Kleindemiurgen (
Eltern
Eltern als Kleindemiurgen) – die Wahl haben, keine neuen Menschen zu zeugen.
Die moderne Forma mentis ging voreilig davon aus, mit der Tilgung Gottes aus dem vormodernen Welträtsel verschwände dieses Welträtsel selbst. Wie nachstehend am durchstrichenen Text zu sehen, ist dies ein verhängnisvoller Irrtum. Der aus dem Kosmos scheidende Gott hinterlässt die Frage:
„Warum gibt es menschliches Leid in der Welt, wenn der allmächtige Schöpfer der Welt gut ist? Wobei der durchstrichene Relativsatz modern lauten muss: „..., wenn es jedem Menschen freisteht, sich nicht fortzupflanzen?“ Die Moderne ist das Zeitalter, in dem Menschen die Freiheit zufällt, die Menschheit zu wählen oder abzuwählen, die bisherige Geschichte zu bejahen und fortsetzen oder sie beenden zu wollen.
Wie Odo Marquard verschiedentlich humoristisch dargelegt hat{12}, geht die Frage nach einer Anthropodizee folgendermaßen aus der älteren Theodizeeproblematik hervor: Indem er im Laufe der Neuzeit schlichtweg zu existieren aufhört, verliert Gott die Schuld an den Übeln der Welt. Marquard spricht von „Unschuld wegen Nichtexistenz“. Keineswegs ist es jedoch so, dass Gott die Übel der Welt mit in seinen Untergang gerissen hätte. Gott ist aus der Welt, aber die Übel verbleiben in Ihr. Statt Gott, sieht sich jetzt sein Stellvertreter – der Mensch – mit ihnen belastet, und zwar, wie Marquard befindet, auf gnadenlose und unlebbare Weise. Was Unlebbarkeit{13} in letzter Instanz bedeutet, mochte Marquard freilich nicht konkretisieren: dass nämlich in Ermangelung einer Anthropodizee keine weiteren Menschen dem unlebbaren Leben ausgesetzt werden dürfen.
Nach der Abdankung Gottes und Selbstermächtigung des Menschen im Zuge der Aufklärung ist die Anthropodizee philosophisch zur Fahndung ausgeschrieben. Solange keine Anthropodizee vorliegt, steht der Mensch moralisch ebenso erbärmlich und anklagbar da wie zuvor der allmächtige und allwissende Weltenschöpfer ohne Theodizee, die ohnedies von jeher immer nur ein Ausweichmanöver vor menschlicher Verantwortung für die fortgesetzte Ermöglichung von Leid und Bösem war (
Theodizee als larvierte Anthropodizee).
Zwar lassen sich Denker anführen, die die Ablösung der Theodizeepflicht durch unsere Anthropodizeepflichtigkeit registrieren. Kaum einer führt jedoch aus, was dies in letzter Instanz bedeutet. Dies erhellt etwa aus Hubert Hausemers Reflexionen zum Problem des Übels:
„So wie für einen Gottgläubigen sich das Theodizeeproblem stellt, so hat ein Humanist, also einer, der an den Menschen glaubt, sich mit dem Anthropodizeeproblem zu befassen: Wie kann man, angesichts des von Menschen immer wieder verübten Übels, noch an den Menschen glauben und ihm vertrauen? (...) Die eigentliche Tragik der condition humaine liegt darin, dass selbst die bestgesinnten Menschen, zwar ungewollt aber nicht minder real, immer wieder Übel verursachen. Gute Absichten schützen nicht vor dem Bösen. (...) / Wer also weiterhin an den oder die Menschen glaubt, sie für im Grunde gute, wertvolle oder zumindest verbesserungsfähige Wesen hält, und sich deshalb für sie einsetzt... der muss diesen seinen Glauben und seinen Einsatz rechtfertigen. Und das kann er nur, wenn er nachweist, dass der Mensch in der Tat vertrauens- und glaubwürdig ist. Das aber ist in Anbetracht der blutigen Menschheitsgeschichte gewiss keine leichte Sache.“ (Hubert Hausemer, Das Problem des Übels, S. 32f).
Hiermit hat Hausemer zwar eine bündige Begriffsbestimmung der Anthropodizee vorgelegt. Und doch hinterlässt auch er die Frage, worauf es hinausläuft, wenn jemand nicht mehr „an den oder die Menschen glaubt“? Wohin bewegen sich Denken oder Handeln dann? Ganz offenbar folgt aus der von Hausemer geleisteten Bestimmung zwanglos der Rekurs auf einen historisch informierten Antinatalismus.
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