Blake ließ sich nicht lange bitten. Schnellen Schrittes ging er in die Halle. Der Lord kam ihm schwankend hinterher. Er überholte dabei den Kriminalbeamten und ergriff eine Stuhllehne. Er musste sich festhalten. Auf seinem Gesicht fand sich jetzt ein Ausdruck fester Entschlossenheit. Dieser Sache wollte er nun ein Ende machen, ganz gleich, was das für ihn bedeutete.
»Zufrieden?«, fragte er. Sein Blick traf Sharukh, der zwei Yards hinter dem Chief Inspector stand, und aussah, als habe er ein Gespenst gesehen.
Die Stelle, an der gerade zuvor noch die Leiche von Meagan Sandford gelegen hatte, war leer. Auch die Wasser-spuren waren fort.
Sharukh fühlte sich von einer Dampfwalze niedergemacht. Unwillkürlich fing er an wie irre zu lachen und mit seinen Armen machte er zuckende Bewegungen, die nicht zu deuten waren.
»Und wieder blinder Alarm, Chief Inspector«, lächelte Lord Dwerryhouse verwirrt. »Sie müssen sich geirrt haben. Vielleicht kam das Geschrei oder Gelächter ja aus einem der Nebenhäuser. Man kann sich das sehr leicht vertun. Vor allen Dingen in der Dunkelheit.« Er deutete mit seinen Armen einmal ringsherum. »Wie Sie sehen, für die Polizei gibt es hier nichts zu tun. Reinweg gar nichts. Und nun will ich hoffen, dass Sie nicht noch einmal erscheinen.«
Detective Chief Inspector Blake nickte.
»Sie werden wohl recht haben, Mylord«, erwiderte er. »Ganz sicher bin ich einer Täuschung aufgesessen. So etwas kann schon einmal vorkommen, sagen Sie ja selbst. Wir meinen da wäre etwas, aber dann ist da am Ende doch nichts. Gar nichts. Ist schon komisch, nicht wahr?« Er schmunzelte. »Das dürfte einem alten Hasen wie mir eigentlich nicht mehr passieren.«
Diesmal ließ sich Blake nicht hinausbegleiten. Er ging allein zur Haustür und die beiden hörten, wie er die Tür hinter sich ins Schloss zog.
Noch immer stand Sharukh wie angewurzelt an seinem Platz. Seine Augen flackerten, auch wenn er scheinbar entspannt wirkte. In seinem Blick glomm ein Funke an Feindseligkeit gegenüber seinem Herrn. Dass alles überforderte ihn und der Wunsch, seine Sachen zu packen und einfach das Weite zu suchen, kam in ihm hoch.
Erst jetzt ließ Lord Dwerryhouse die Stuhllehne los, die er die ganze Zeit fest umklammert gehalten hatte. Er trat vor seinen Diener und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
»Fassen wir das Unfassbare einmal zusammen, Sharukh«, sagte er, und seine Stimme klang nun kühl und sachlich. »Am frühen Abend hatte ich hier eine junge Frau zu Gast. Meagan Sandford. Du hast uns bewirtet, wir haben gegessen und Wein getrunken. Wir haben uns exzellent unterhalten und auch gelacht. Dann hat sie plötzlich die Tafel verlassen. Sie sagte, sie wolle in den Waschraum, um sich ein wenig zurechtzumachen. Und ... und dann war sie weg!« Er machte eine kleine Pause und ordnete seine Gedanken.
»Ja, Mylord. Genau so ist es gewesen«, bestätigte sein indischer Diener. »Sie und ich haben sie noch gesucht, konnten sie aber nicht finden. Ich habe sie dann erst im Wasserbecken wiedergesehen.«
»Ich habe dich gesucht und im Garten gefunden. Da schwamm sie, wie eine aufgetriebene Wasserleiche auf der Oberfläche. Du hast mich auf sie aufmerksam gemacht. Das hat nichts zu bedeuten, denn ich kenne deine regelmäßigen nächtlichen Spaziergänge. Alsdann ... wir gingen ins Haus zurück und versuchten uns von der Situation ein Bild zu machen. Dann kam uns dieser Chief Inspector Blake vom Yard dazwischen.« Er fasste sich mit einer Hand grübelnd ans Kinn. »Er erzählte uns etwas von einem anonymen Anruf. Erstaunt hat mich, dass er den Namen meines Gastes kannte. Und noch erstaunlicher war, dass er sie tot im Wasserbecken im Park wusste. Meine Empfindung dazu möchte ich nicht zum Ausdruck bringen, und schon gar nicht will ich mich in irgendwelchen Spekulationen verlieren. Fakt ist: Die Leiche war weg und Blake ging wieder.« Er lief ein paar Schritte durch die Halle. Dann machte er auf dem Absatz kehrt. »Als wir hierher zurückkehrten, lag die Leiche vor uns auf dem Marmorboden und von oben hörten wir irres Gelächter. Aus welchem Grund auch immer sich der Chief Inspector noch in der Nähe aufgehalten haben mag, er kam jedenfalls zurück. Und als ich einknicke und ihm die Leiche zeigen will, da ist sie wieder einmal verschwunden.« Mit ernstem Blick sah er seinen Diener Sharukh an. »So sieht es aus! Klingt alles wie aus einem Psychothriller, völlig idiotisch das alles, ... aber es ist eine unumstößliche Tatsache.«
»Sie haben in Ihrer Ausführung Rasriria vergessen«, bemerkte Sharukh.
»Stimmt, Sharukh«, bestätigte der Lord mit einem schiefen Lächeln. »Diese seltsame Frau, die sich förmlich vor meinen Augen in Luft aufgelöst hat. Hast du diese Rasriria bereits einmal vorher zu Gesicht bekommen?«
»Nein, Mylord. Ebenso wenig wie Sie«, antwortete der Diener. »Sie soll der Legende nach recht eigenartig sein. Irgendwie ein wenig menschlich, aber doch eher wie ein Gespenst.«
»Das ist doch völliger Blödsinn!«, widersprach Lord Dwerryhouse mit lauter Stimme. »Sie war aus Fleisch und Blut. Da war überhaupt nichts Übernatürliches an ihr.«
»Aber sie soll schweben können, wie Geister es tun, Sir«, warf Sharukh ein. »Welcher Mensch kann das?«
In diesem Moment erscholl aus den oberen Räumen wieder ein irrsinniges Gelächter. So schnell er konnte lief Sir William die Treppe hinauf. Kaum war er oben angelangt, riss er alle Türen auf und schaltete die Lichter ein. Es dauerte ein wenig ehe er erschöpft in die Eingangshalle zurückkehrte.
»Nichts, aber auch gar nichts!«, brummte er verbissen. »Da oben ist kein Mensch! Und irgendwelche geheimnisvolle Gänge oder versteckte Türen gibt es hier nicht!«
Sharukh sah ihn mit großen Augen an.
»Was glotzt du mich so an?«, begehrte der Lord auf. »Fällt dir dazu gar nichts ein?«
Sein Diener Sharukh zuckte zusammen. So in Rage hatte er Sir William schon seit Ewigkeiten nicht mehr erlebt.
»Ich frage mich, auf welche Weise Miss Sandford in das Wasserbecken gekommen ist«, gab er zurück.
Der Lord lachte aufgebracht.
»Verrate mir lieber, wie sie aus diesem verdammten Becken wieder herausgekommen ist!« Er schlug mit der Faust auf den runden Tisch. »Wie zum Teufel ist sie in die Eingangshalle gekommen. Und wohin zum Herr Gott ist sie so plötzlich wieder verschwunden? Das ist doch noch viel seltsamer!«
Sharukh versuchte Ruhe zu bewahren.
»Aus eigener Initiative wird sie wohl kaum ins Wasser geraten sein. Immerhin hatte sie ein Messer im Rücken! Und, wenn ich mir erlauben darf, es zu bemerken, Mylord, ... es ist eines Ihrer Messer. Ich habe es am Griff erkannt!« Mit fragenden Augen sah er Sir William an. »Es bleiben ja nur zwei Möglichkeiten. Entweder wurde sie am Beckenrand ermordet und fiel hinein. Oder aber, sie war schon vorher tot und wurde hineingeworfen.«
Erbost ballte Lord Dwerryhouse die Hände. Wut und Verärgerung blitzte in seinen Augen, als er seinen Diener ansah.
»Sag mal, du willst mir doch nicht gerade etwas anhängen, oder?«, stieß er lauthals aus. »So weit kommt das noch!«
»Aber nein, Mylord«, suchte Sharukh seinen Herrn direkt zu besänftigen. »Ich denke nur an etwas Anderes. Vergessen Sie nicht, ... hinten an der Mauer liegt Jordan Harris und eine Reihe anderer. Mit der Harris hat vor acht Jahren alles angefangen ...«
Jetzt geriet der Lord in Raserei.
»Du mieser Hund!«, schrie er Sharukh an. »Wirst du wohl den Mund halten! Die Sachen sind erledigt, aus und vorbei! Du hast sie doch selbst alle dort vergraben!«
Sein Diener zuckte unter diesem wütenden Ausbruch heftig zusammen.
»Aber Sie ...«, er stockte. »Sie haben mich damals dazu ...«
»Jetzt ist aber Schluss! Kein Wort mehr!« Die Stimme seiner Lordschaft überschlug sich. »Ich will nichts mehr davon hören!«
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