Bislang hatte sich nichts Nennenswertes ereignet. Die Villa lag still und verlassen da. Der alte Prachtbau stammte noch aus einer Zeit als Grund und Boden in London preiswert zu haben waren. Entsprechend üppig war das Grundstück ausgefallen. Das war auch der Grund, warum das Haus des Lords gegenüber den anderen Villen der Nachbarschaft, die in Größe nichts nachstanden, ungemein protzig und teuer wirkte. Hinzu kam noch die exponierte Lage im exklusiven Londoner Westend.
Das Westend war für Blake wie ein Dorf. Eingebettet im Grün, mit all den vielen uralten Bäumen, den prunkvollen Herrschaftshäusern, die eher von Menschen bewohnt wurden, die offen der Nostalgie anhingen, konnte das Gefühl aufkommen, dass man sich in einem Kurort aufhielt. In dieser Gegend wurde noch allergrößter Wert auf Etikette, Privatsphäre und Stille gelegt – alles andere passte in keiner Weise zu dem hier vorherrschenden altbritischen, konservativen Lebensstil.
Chief Inspector Blake konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, was ihm bevorstehen sollte. In ihm herrschte nur ein Wunsch vor, nämlich der, dass er möglichst rasch von seinem Beobachtungsposten fortkam. Er zog seine altmodische silberne Taschenuhr mit dem Sprungdeckel hervor, klappte sie auf und sah nach der Zeit. Eigentlich tat er es ohne Grund. Oder nein, er tat es, um überhaupt etwas zu tun.
Es war jetzt exakt vier Minuten nach zehn abends.
Bereits seit kurz vor acht war er nun schon vor Ort, mittlerweile zitternd und frierend. Nur einmal waren zwischenzeitlich Geräusche aus dem Park, hinter der großen das Grundstück einschließenden Mauer, gekommen. Aber das hatte für ihn nach irgendwelchem Viehzeug geklungen – vermutlich eine Katze auf Mäusejagd.
Tiefdunkel war es inzwischen geworden und in dem zunehmend stärker gewordenen Wind, schien alles zu schwanken. Die Baumkronen wiegten sich, die Sträucher neigten sich und selbst die alten Bogenlampen bogen sich. Ja, selbst das reiche Gitterwerk vor den Häuserfronten klapperte leicht. Staub wirbelte auf und geriet Blake in die Augen.
Nicht weit entfernt sah es so aus, als würde eine schemenhafte Gestalt hin und her schleichen. Aber das war relativ weit weg und er hatte nur den Auftrag, die Hausnummer 17 im Blick zu behalten. Dennoch entging auch das nicht seinem kriminalistisch geschulten Auge. Irgendetwas daran wirkte seltsam und es erregte instinktiv seine Aufmerksamkeit. Er spürte eine aufkommende Unruhe.
Jetzt wiederholten sich auch die seltsamen Geräusche hinter der Grundstücksmauer. Diesmal waren sie etwas lauter, aber es änderte nichts - auch jetzt konnte er sie nicht eindeutig zuordnen. Sie klangen nicht menschlich, schienen aber auch nicht tierischen Ursprungs zu sein. Es klang anders - beunruhigend anders!
Blake wurde es zu bunt. Da er sich beobachtet wähnte, ging er ein Stück weiter und sah dabei in einer Art zu Boden, als habe er etwas verloren und suche danach. Gleich an der nächsten Ecke bog er in die Nebenstraße ein. Als er im Schutz des Eckhauses einige Minuten gewartet hatte, glaubte er, sich entfernende Schritte zu vernehmen.
Langsam ging er den Weg wieder zurück. Von der schemenhaften Gestalt war nichts mehr zu sehen. Allerdings bedeutete das keineswegs, dass sie nicht mehr da war – möglicherweise hatte sie sich nur ein anderes Plätzchen gesucht.
Er fragte sich, ob es sich bei den Schritten, um die einer Frau gehandelt haben könnte. Aber er kam zu keinem abschließenden Ergebnis.
Dann war er es endgültig leid. Er wollte der Sache ein Ende machen. Noch länger um das Haus zu schleichen, machte in seinen Augen keinen Sinn mehr.
Zielstrebig hielt er auf die Villa zu und staunte über die unverschlossene Gittertür. Damit hatte er nicht gerechnet. Über einen kurzen Kiesweg schritt er auf das Herrenhaus mit seiner großzügigen Freitreppe zu. Schwungvoll nahm er mit zwei Sätzen die vier weißen Marmorstufen.
Entschlossen drückte er auf den Bronzeknopf, der aus einer ziselierten, an der Wand verschraubten, Bronzeplatte hervorragte. Geduldig wartete er einige Minuten, aber da niemand reagierte, klingelte er erneut.
Die dicken Glasscheiben der Tür waren von innen mit Gardinen verhangen. Eingeschaltetes Licht hätte Blake direkt sehen können, aber es blieb dunkel.
Rein zufällig bemerkte er dann eine kaum merkliche Bewegung der Gardinen. Er war sicher, dass ihn jemand, der lautlos über die Fliesen der Eingangshalle gehuscht war, durch einen minimalen Spalt beobachtete.
Noch einmal betätigte Blake die Klingel.
Endlich flammte Licht auf. Gleich darauf hörte er, wie sich jemand an der Verriegelung zu schaffen machte, und dann öffnete sich die Tür.
Blake sah sich einer höchst merkwürdigen Person gegenüber. Ein kleiner Mann von höchstens fünf Fuß Körper-maß, dunkler Hautfarbe und rabenschwarzen Haaren, die streng nach hinten gekämmt waren und mit einem Wachs glattgebügelt geworden zu sein schienen, in einem schwarzen Livree mit Goldbesatz, stand vor ihm. Seine wie schwarze Diamanten funkelnden Augen betrachteten ihn voller Neugier.
»Sie wünschen, Sir?«, erkundigte er sich steif.
»Detective Chief Inspector Isaac Blake von Scotland Yard«, stellte sich Blake vor. »Könnte ich wohl seine Lordschaft sprechen?«
»Etwas spät, finden Sie nicht auch?«, erwiderte der Mann, mit den auf Hochglanz polierten Lackschuhen. »Aber da Sie von Scotland Yard sind ... bitte sehr, Sir.« Er trat einen Schritt zurück und ließ Blake hinein. »Ich heiße Sharukh Bhattacharya und bin der Sekretär seiner Lordschaft.«
»Es wird nicht allzu viel Zeit in Anspruch nehmen«, stellte Blake in Aussicht. »Ich habe nur einige Fragen an Sir William.«
Sharukh Bhattacharya, wie er sich nannte, schloss die Tür und ging voraus. Blake musste ihm nur wenige Yards folgen, als sich in der Halle ein Mann aus einem Sessel erhob und auf ihn zukam.
»Seine Lordschaft, wenn ich mich nicht täusche?«, erkundigte sich der Chief Inspector mit aller Höflichkeit, die die vorgerückte Stunde seines Besuchs gebot.
»Erraten«, antwortete Lord Dwerryhouse mit einem amüsierten Lächeln. »Aber das war ja auch nicht sonderlich schwer.« Gleich darauf wurde er ernst. »Was führt Sie zu mir, Chief Inspector Blake?«
»Ich hätte nur ein paar Fragen, Sir“, erklärte Blake und fügte entschuldigend hinzu: „Leider dulden sie keinen Aufschub, daher auch mein so spätes Erscheinen in Ihrem Haus.«
»Schon gut, Chief Inspector“, winkte der Lord ab. „Lassen wir das. Keine weiteren Entschuldigungen mehr. Bitte kommen Sie.«
Blake folgte Lord Dwerryhouse in einen kleinen Salon, der in ihm den Eindruck erweckte, als wäre er gezielt für derartige Gäste eingerichtet worden, die man rasch abfertigen wollte. Der Raum war geschmacklos und kalt.
Kaum war er eingetreten, betrachtete ihn der Lord von oben nach unten. Er tat dies mit einer gewissen von Argwohn durchsetzten Höflichkeit. Seine Miene war zwar noch freundlich, doch eher abweisend.
Aber auch der Chief Inspector studierte kritisch sein Gegenüber und sein Urteil fiel rasch. William Dwerryhouse schätzte Blake auf Ende vierzig bis maximal Mitte fünfzig, auch wenn er bedeutend älter aussah. Auffallend war die leicht gebeugte Haltung in Verbindung mit dem kraftlosen Händedruck. Das Gesicht zeigte augenblicklich einen etwas leeren und abwesenden Ausdruck. Seine Lordschaft schien ein besorgter Mann zu sein. Er machte den Eindruck, als habe er erst vor nicht allzu langer Zeit einen Nervenzusammenbruch erlitten. In Blakes Augen gab er sich die größte Mühe, seine körperliche Hilflosigkeit zu kaschieren, indem er eine nicht vorhandene Forschheit vortäuschte.
Blake folgte dem Wink des Lords und nahm auf einem der unbequemen Sessel Platz, während der Adelige stehenblieb, obgleich er es nach seinem Empfinden, nötiger gehabt hätte sich zu setzen. Aber das gehörte sicher zu Sir Williams Rolle, denn so musste Blake zu ihm aufsehen und befand sich in einer abgewerteten Position. Er nahm es mit einem innerlichen Lächeln zur Kenntnis und störte sich nicht weiter daran.
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