Dwerryhouse erschrak erneut. Es war wieder soweit. Und es gab nichts, aber auch rein gar nichts, was er dagegen tun konnte.
Wieder einmal fühlte er dieses verdammte blaue Gift; fühlte, wie es von ihm Besitz ergriff und wild in seinen Adern zu pochen und zu brennen begann.
Er musste hier weg!
Schnellstens!
Also sah er zu, dass er fortkam. Mit weit ausholenden Schritten ging seine Lordschaft zur Villa zurück. Als er die große Halle des Hauses betrat, wartete sein Diener Sharukh bereits erwartungsvoll auf ihn.
Auf einem silbernen Tablett reichte er seinem Herrn ein Glas Wasser und ein Röhrchen eines Medikaments. Hastig nahm sich Sir William Dwerryhouse zwei der hellgelben Tabletten und spülte sie hastig, mit einem Schluck aus dem Glas, herunter.
Kaum hatte er das Glas zurückgestellt, warf er seinem tadellos gekleideten Diener einen prüfenden Blick zu.
»Warst du nicht gerade im Park?«, erkundigte er sich.
»Aber das wissen Sie doch, Eure Lordschaft. Ich war etwas spazieren, wie ich es immer des Abends mache«, antwortete der Angestellte erstaunt. »Sie wünschten mich zurück ins Haus. Ich habe Sie so verstanden, dass Sie mich in anderer Kleidung zu sehen wünschten.«
Lord Dwerryhouse nickte, lächelte verkniffen und winkte wohlgefällig ab. »Schon gut, Sharukh, schon gut«, erwiderte er besänftigend. »Dann hast du das Mädchen, in seinem roten Kleid, ja auch gesehen. Sie schwamm im Becken schwamm und scheint tot zu sein. Erstochen!«
»Ich vermutete es, Sir!«, antwortete der Inder, sachlich kurz.
»Hast du draußen etwas gehört?«, wollte Dwerryhouse von ihm wissen. »Ein seltsames Lachen oder etwas Anderes?«
»Nein, Sir!« Die Mandelaugen seines Dieners sahen ihn verwundert an. »Absolut nichts!«
Sir William Dwerryhouse starrte sinnierend vor sich hin. Da war etwas, das gewaltig an dem Fundament seines Daseins rüttelte. Er spürte, wie eine unerbittliche Hand aus dem Dunkel eisig kalt nach ihm griff und fühlte sich unsicher wie schon lange nicht mehr.
»Hast du schon einmal von einer Rasriria gehört?«, setzte er nach.
Sharukh lächelte.
»Ja, Sir!«, erklärte er. »Aber was man sich über sie erzählt sind reine Märchen. Sie soll eine Frau sein, die sich um die Seelen Verstorbener kümmert. Aber Rasriria ist eben fiktiv - eben eine Legende.«
Seine Lordschaft nickte.
»Das habe ich mir gedacht«, stimmte er seinem Diener zu. »Ich wusste, sie ist nicht real. Sie kann es nicht sein.«
»Was meinen Sie damit, Sir?«, Sharukh sah seine Lordschaft irritiert an.
Er bekam auf seine Frage keine Antwort mehr, denn kaum hatte er sie ausgesprochen, wurde das Gespräch von der laut tönenden Glocke der Haustür unterbrochen. Lord Dwerryhouse zuckte merklich zusammen.
»Um diese Zeit?« Er warf einen Blick auf die Standuhr. »Wer kommt jetzt noch? Und überhaupt, Sharukh!« Er sah seinen Diener verärgert an. »Wie oft habe ich dir schon aufgetragen, die Glocke leiser zu stellen?«
»Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Eure Lordschaft«, reagierte Sharukh betreten und senkte dabei devot sein Haupt. »Ich habe es vergessen.«
Dann eilte er fort.
Sir William Dwerryhouse ließ sich in einen der Ledersessel fallen, die vereinzelt in der Halle standen. Die Situation war dabei ihm den Verstand rauben. Eine Leiche in seinem Garten, im Wasserbecken, ermordet mit einem seiner Jagdmesser, eine gespenstische Gestalt, die es nicht geben konnte und aufgewühlte alte Erinnerungen, die er längst begraben zu haben glaubte. Eine große Mutlosigkeit nahm von ihm Besitz.
»Ich habe es wieder in den Adern«, murmelte er kaum hörbar vor sich hin. »Ich fühle es ganz deutlich. Das Gift, es arbeitet wieder. Dieses mörderische blaue Gift, es will mich einfach nicht loslassen.«

Kapitel 2
D
er Wetterfrosch, ein Laubfrosch, dem in einer eigentlich nicht zutreffenden Weise unterstellt wird oder wurde, das Wetter vorhersagen zu können, verdankt seinen Mythos der Beobachtung, dass besonders die europäischen Laubfrösche bei sonnigem Wetter an bodennahen Pflanzen hochklettern, weil bei einer solchen Wetterlage die Insekten, die ihnen als Nahrung dienen, höher fliegen als bei kaltem Wetter. Aus diesem Verhalten heraus entstand die irrige Vorstellung, die Laubfrösche könnten das Wetter nicht nur anzeigen, sondern gar vorhersagen, und so sperrte man in früheren Zeiten dazu Frösche in Gläser, in denen sich eine kleine Leiter befand. Stieg der Frosch die Leiter nach oben, bedeutete das demnach gutes Wetter, blieb er unten war es schlecht. Nichts lag näher, als Meteorologen in einer spöttischen Übertragung als › Wetterfrösche ‹ zu bezeichnen, und diese hatten für heute schlechtes Wetter vorhergesagt. Windig, kalt und ausgesprochen regnerisch sollte es ihren Erkenntnissen nach werden. Von dieser Prognose war tagsüber noch nicht viel zu spüren gewesen, doch jetzt am späten Abend schien sich einer jener Stürme zusammenzubrauen, wie sie der Herbst nur allzu gern mit sich brachte. Und es war dunkel geworden – sehr dunkel.
Detective Chief Inspector Blake vom New Scotland Yard harrte fröstelnd der Dinge, die da möglicherweise kommen würden. Die Straße lag einsam und verlassen da. Nur die erleuchteten Fenster der zahlreichen Villen in dem Nobelviertel des Londoner Westends schienen etwas Wärme und Schutz zu verheißen. Das stete Heulen und der feuchte modrige Geruch des sterbenden Jahres hatte etwas Bedrückendes. Nach den letzten abenteuerlichen Aufträgen rief diese Atmosphäre ein unheimliches Gefühl in ihm wach. Er hatte erlebt, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gab als die Schulweisheit glauben machen wollte. Er versuchte dieses seltsame Befinden nicht weiter aufkommen zu lassen, und beruhigte sich damit, dass es einfach daran liege, dass er sich augenblicklich auf verlorenem Posten glaubte.
Seine momentane Situation verdankte er einem höchst seltsamen, in seinen Augen völlig unnötigem Auftrag, den man ihm und Detective Sergeant Cyril McGinnis übertragen hatte. Merkwürdig war der Auftrag gleich in mehrerlei Hinsicht, denn zum einen bekamen sie ihre Anweisungen in der Regel vom Chief Superintendent, nicht wie in diesem Fall unmittelbar von oberster Stelle, nämlich vom Chief Constable Sir Reginald Endicott persönlich, und zum anderen sprang die Mordkommission nicht direkt wegen eines anonymen Anrufes, sondern überließ das zunächst einmal dem Metropolitan Police Service – den Kollegen vom › MPS ‹.
Ungeachtet all dessen stand er hier, während sein Sergeant einen Background-Check erledigte und beobachtete das prächtige Herrenhaus von Lord William Dwerryhouse. Eigentlich wäre es die Aufgabe seines Sergeants gewesen auf Beobachtungsposten zu stehen, aber der Chief Constable hatte darauf bestanden, dass er es höchst persönlich tat.
Er sollte die Augen aufhalten, das Haus beobachten und wenn erforderlich klingeln, so hatte es ihm Sir Reginald im persönlichen Gespräch in dessen Büro gesagt. Dort würde sich etwas mit einem Mädchen namens Meagan Sandford abspielen, hatte der Chief Constable weiter ausgeführt. Ein direkt bei ihm eingegangener anonymer Anruf habe von Mord gesprochen und von einer Leiche im Swimmingpool. Auf seinen Einwand, dass dies doch zunächst durch den › MPS ‹ abgeklärt werden könne, hatte Sir Reginald Endicott nur lakonisch geantwortet, dass mit Lord Dwerryhouse etwas nicht stimme, die Situation Fingerspitzengefühl verlange und er da genau der Richtige sei. Und nun hatten er und McGinnis diese ominöse Angelegenheit am Hals.
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