»Der brave Mann wünscht, nichts zu wünschen.«
Der Kerl konnte diese Worte schlecht auf sich selbst bezogen haben. Dafür stach der Blick seiner Augen zu böse. Es gab aber keine Erklärung dafür, warum er die Worte auf Hasso hätte beziehen sollen.
Als er gegangen war, trat Hasso an das winzige Fenster, das vom Flur her den Blick zum Gartentor frei gab. Lola redete auf den Mann ein und er konnte sie aus seiner Position genau betrachten. Ihre Beine und ihre Hüften waren gut geformt, ihre Frisur luftig, wie es jetzt modern war, ihre Bewegung jugendlich salopp und der Rest, den man an einer Frau mit anderen Sinnen genießen durfte, den hatte er in den Wochen im Heim ausgiebig studiert. Kein Mann, auch kein jüngerer, würde an diesem Körper, an dieser Haut und an diesem Duft etwas auszusetzen haben. Hasso Meyer spürte eine gewisse Genugtuung. Wieder hatte er das Gefühl, einen guten Entschluss gefasst zu haben. Es gab ja kaum noch die Gelegenheit für ihn, einen guten Entschluss zu treffen, weil er kaum noch Entschlüsse zu treffen hatte.
Wieder im Haus zurück brachte Lola den Mut auf, ein Wort für den Mann einzulegen, den sie jetzt Bodo nannte und der ein bemitleidenswerter Kerl sei, der ein ebensolches Leben führte, und wenn man es genau bedächte, müssten diese Menschen, die schwere Arbeit leisteten, mehr bekommen als jeder Akademiker, der nur seinen gut gebildeten Kopf anzustrengen brauchte und davon keinen Schaden nehme. Und im Übrigen hätten genau diese armen Leute dafür gesorgt, dass der alte Staat den Herren Akademikern das kostenlose Studium vorhalten konnte.
Hasso konnte nicht so rasch in seinen Empfindungen für Lola hin und her springen. Er hatte nichts gegen Lola. Beileibe nicht, aber diese Art Reden gab es bisher nicht aus ihrem Mund. Hasso hoffte, es könnte auch eine weitere gute Seite von Lola sein. Sie war in seinen Augen nicht nur schön, sie war vor allem überaus gefällig. Zum ersten Mal gefiel ihm Lolas Gefälligkeit nicht. Sie galt nicht ihm und war für diese Lage, die er herbeizuführen gedachte, nicht förderlich.
Mit einer gereizten Bewegung gab er Lola zu verstehen, dass das Gespräch über arm und reich, über gebildet und ungebildet, für ihn erledigt war.
Da sah er nun, wohin es führte, wenn man das Innere eines Menschen mit dem Äußeren zu erklären versucht. Eine edle Haut ist kein Garant für süßes Fleisch. Das war ein doppelt grausamer Gedanke. Grausam, weil er der Welt und seinen Kindern stets vorgespielt hatte, sich noch nie in einem Menschen getäuscht zu haben.
Irgendetwas lag in der Luft. Die Jahre seiner Schwäche nahmen zu, aber die seiner Stärke waren lang genug gewesen, als dass er sich von einem, wie diesem Hungerleider, aus der Fassung bringen ließe.
Hasso Meyer war ein alter Militär, dem wegen seiner Standhaftigkeit und Vaterlandstreue einige Ehren zuteil geworden waren. Freilich hatte man ihn des unbedingten Gehorsams wegen, den er von seinen Untergebenen eingefordert hatte, bisweilen einen Fanatiker geschimpft - hinter vorgehaltener Hand und zu einer Zeit, als er noch Hauptmann Meyer war. Das legte sich wieder, als die Rede aufkam, er könnte zum Major der Luftwaffe der Nationalen Volksarmee befördert werden. Es war nicht dazu gekommen. Es lag nicht an ihm. Es lag daran, dass es in der Nähe einen strategisch wichtigeren Fliegerstützpunkt gegeben hatte, wichtiger als der stadtnahe Flugplatz, der längst aus allen Nähten platzte und der von den Menschen der Stadt gehasst wurde, weil die MiGs mit Höllengetöse pausenlos über die Stadt donnerten und schon mehrere Abstürze zu großem Schaden führten.
Den Fliegerstützpunkt in Holzdorf zu führen, dazu war er auserwählt worden. Befehl war Befehl. In dieses Kaff zu gehen war ihm ein Graus, und Hasso wäre nicht Hasso Meyer gewesen, hätte er seine wohldurchdachten aber wortkargen Äußerungen nicht gut dosiert in die Ohren derer gestreut, die sie an die rechte Stelle transportierten. Es war nicht seine Schuld, wenn sich später herausstellte, dass alles nur ein Missverständnis war, dass Hasso gar keinen Krebs hatte und deshalb demnächst nicht in allen Ehren zu entlassen werden brauchte. In den schönen Jahren danach waren hin und wieder einige leutselige Unterhaltungen mit scherzhaften Anspielungen auf seine ausgebuffte Dreistigkeit gespickt gewesen, aber er hatte keinen Schaden dabei genommen. Im Gegenteil. Da - in diesem Kaff im Elsterland - hätte er Schaden nehmen können, sofern man ihm nicht Tag und Nacht einen Laufburschen zugeteilt hätte, der ihm zur Hand zu gehen hatte, wie Gunda hier zu Hause. Dieser Kelch war gottlob an ihm vorbeigegangen, aber leider auch die silbern geflochtenen Schulterstücke mit goldenem Rangstern. Dafür konnte er in seinem Häuschen wohnen bleiben, von Gunda umsorgt und von den Kindern vergöttert. Den Stolz auf seinen Dienstgrad hatte er nie verloren, der hielt ihn bis heute noch sehr gerade. Nicht von ungefähr hatte er seiner Uniform einen Sonderplatz gewidmet. Mehrmals im Jahr legte er sie an, strich über die rot umrandeten Schulterstücke aus Silberplattenschnur, prüfte jeden der vier Rangsterne auf festen Sitz und achtete darauf, dass ihm seine ruhmreiche Vergangenheit nicht abhandenkam.
Wo waren nur die schönen Zeiten geblieben?
Hasso Meyer ging plötzlich mit eiligen Schritten im Haus herum. Im Wohnsalon, wie er ihn nannte, war es noch immer sehr gemütlich und Lola hatte frische Blumen auf den Tisch gestellt und eine Spitzendecke ausgebreitet. Der Tisch war ebenso hübsch geschwungen und ebenso sanft in der Farbe, wie das Holz der übrigen Möbel. Die goldgelbe Sitzgarnitur war von den Möbelschonern befreit worden, die Gunda aus angeborener Vorsicht angeschafft hatte, das edle Leder könnte Flecken abbekommen. Über der Couch das Bild kam ihm nach der kurzen Zeit seines Aufenthaltes in der Seniorenresidenz wie ein kostbarer Schatz vor, den man der Beutekunst entrissen und seinem Besitzer zurück übereignet hatte. Hasso war nie der Mensch gewesen, der seine Gemütlichkeit, sein angenehmes Leben, irgendwem gedankt hätte. Nach diesen Wochen aber, die er selbst gewollt hatte, war er ein wenig geläutert. Er spürte genau, dass hier eine liebevolle Hand am Werke war, anders als in den Wochen im Heim.
Im unteren Bereich seines Hauses gab es drei Zimmer, Küche, Flur und einen Waschraum mit Toilette. Seit einigen Jahren wusste er keine Antwort auf die Frage, ob es gut war, das Badezimmer seinerzeit im Obergeschoss einbauen zu lassen. Das Leben war jetzt beschwerlicher. Gleich neben dem Wohnzimmer die Tür zum verwaisten Schlafzimmer. Er hatte seit langem vermieden, dieses Zimmer zu benutzen. Lieber war er die Stufen hinaufgestiegen und hatte in der Kammer gleich unterm Dach geschlafen. Es hatte ihm zu viel Mühe gemacht, das große Bett täglich wieder herzurichten, so wie ihm das ganze Haus und sein bisschen Leben zu viel Mühe gemacht hatte, seit Gunda sich auf den Gottesacker verkrochen hatte. Andererseits war von der Kammer der Weg zum Badezimmer sehr kurz, was sich mit zunehmendem Alter und mit abnehmender Blasenstabilität als günstig erwies.
Hasso blieb einigermaßen verlegen in der Türe stehen. Was er jetzt sah war jene Romantik, die seit Jahrzehnten nicht mehr zu seinem Leben gehört hatte, auch wenn ihm gewisse Wünsche noch immer nicht abhanden gekommen waren, intime Wünsche, die dieser Kerl mit seinen Stielaugen ohne weiteres erkannt hatte.
»Der brave Mann wünscht, nichts zu wünschen.«
Warum sollte er nichts mehr wünschen dürfen? Die Betten waren mit feinem Damast bezogen und mit lila Bändern verziert. Die Kissen standen - wie die Spitzen schneebedeckter Alpengipfel – aufrecht, und in der Kerbe, die eine ihm wohl gesinnte Hand geschlagen haben mochte, lag eine kleine lila Blütentraube mit einem lila Täfelchen Schokolade. Anders, als im übrigen Haus, roch es hier nach Flieder.
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