Hasso war gerührt und wusste nichts Anderes zu tun, als nach Lola zu rufen. Peinlich, dass ihm zuvor der kleine Zweifel gekommen waren.
Was fehlte ihm jetzt noch zur Zufriedenheit? Wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann war es Gunda, die ihm fehlte, die aber zuletzt nicht halb so anziehend war wie Lola, die aber früher - äußerst attraktiv - von allen bewundert worden war. Wenn er es mit Lola gut anstellte, würde es noch einmal so sein können, wie früher mit Gunda.
Lola erschien. Ein wenig atemlos, aber brav nach Aufforderung. Worte suchte er nicht. Ihm blieb nur, sie in die Arme zu schließen und ihr ein Versprechen ins Ohr zu flüstern, das im Gegensatz zu seinem momentanen, kaum beherrschbaren Wunsch nichts mit dem Zimmer zu tun hatte, aber auch nichts mit den inneren Werten, die er noch vor Minuten an Lola bezweifelt hatte.
Es war nicht zu erwarten, dass Hasso Meyer wusste, wie groß die Freude in Lola loderte, gerade über diese Werte, die er ihr aus purer Rührung ins Ohr flüsterte. Aber Hasso war keiner, der nicht Wort halten würde. Er bestand darauf, dass Lola sich das schönste Kleid kaufen sollte, welches die teuerste Boutique am Platze zu beschaffen in der Lage sei.
»Das ist nicht nötig, Hasso«, flüsterte sie und wand sich geschickt aus seiner Umklammerung.
»Ich weiß. Du hättest das schönste Kleid der Welt nicht nötig, mein Täubchen«, sagte Hasso und ließ seine Blicke ungeniert besonders an den Wölbungen unter dem weniger teuren Stoff verweilen, »ganz ohne Kleid würdest du mir noch besser gefallen.«
Der Preis des süßen Lebens
Hasso Meyer hatte viel Energie darauf verwendet, dass Lola mit in sein Haus ziehen möge, aber sie hatte abgelehnt. Sie brauche ihre kleine, bescheidene Freiheit und sie brauche ihr eigenes Bett. Das von der Freiheit hatte ihm weniger gefallen, aber das Wort bescheiden um so mehr.
Hasso Meyer hatte ihr nach dieser Niederlage sehr eindringlich und noch konsequenter seine Instruktionen erteilt, was zu welcher Zeit im Haus zu erledigen sei, wie mit den Nachbarn zu verkehren sei und wann sie ihm pure Gesellschafterin zu sein hatte. Es war neu für Lola und es war aufregend zugleich. Noch eine andere Art Aufregung ließ ihr keine Ruhe. Sie wusste, wie oft Bodo auf schräge Gedanken kam. Sie brauchte ihn, aber sie hatte Angst vor seiner unberechenbaren Dummheit.
Lola trat an diesem Morgen leise in den Flur und drehte sofort von innen den Schlüssel im Schloss herum. Hasso schien noch im Bett zu liegen. Sie wusste sehr gut wie es aussah, wenn Hasso seinen Körper in den Kissen wälzte. Diesen Anblick brauchte sie jetzt nicht, nicht auf nüchternen Magen. Ganz still bereitete sie in der Küche sein Frühstück und deckte den Tisch für sich mit, er hatte es so angeordnet. Solange der Kaffee in die Kanne gluckste und die Eier leise köchelten, setzte sie sich auf jenen Stuhl, der den Blick aus dem Fenster zuließ, schloss aber bald die Augen und presste ihre Handteller fest vor die brennenden Lider. Der Tag versprach ähnlich zu verlaufen wie jeder der vorangegangenen Tage. Sie hatte bis jetzt nicht eine Minute Ruhe gehabt vor Hasso, konnte sich nicht in ihrer ungewohnten Lage orientieren und - was am schlimmsten war - sie konnte sich ihrer Vorstellung vom künftigen Leben nicht klar werden. Jedes Wort von ihr, jede Bewegung, hatte er in sich aufgesogen, als zehre er seinen letzten Lebensmut daraus, und bisweilen war es ihr, als durchfluteten ihn heiße Wellen, die er kaum beherrschen konnte.
Sie hatte nicht geglaubt, in die Höhle eines Löwen gegangen zu sein, aber ihr Entschluss war kein für alle Zeit endgültiger. Leider waren da die unheimlichen Züge an Hasso, ähnlich, wie sie die alten Leute den russischen Soldaten nachsagten, die monatelang an der Front im Dreck gelegen hatten und irgendwann im Flüchtlingstreck am Straßenrand das erste junge Mädchen erblickten.
Lolas Wünsche, über die sie sich endlich im Klaren werden musste, schlossen zwar einen neuen Mann an ihrer Seite nicht völlig aus, aber sie konnte auch keine Freude empfinden, wenn sie in ziemlich totem Fleisch diese Art Erregung erzeugte.
Die Eieruhr war abgelaufen und der Kaffee musste in die Thermoskanne umgefüllt werden. Mit schnellen Griffen erledigte sie, was zu tun war und suchte im Schrank nach Eierwärmern. Alte Leute benutzten eine Art kitschiger Hühnchen oder Zipfelmützchen, also musste es auch in diesem Haushalt einige davon geben.
Der Küchenschrank hatte im oberen Teil Glasvitrinen mit zarten bunten Gardinen. Lola nahm sich einen Stuhl und durchstöberte die am höchsten gelegenen Fächer. Außer diversen Einzelteilen aus alten Services, die durchaus ihren Wert hatten aber im Moment keinen solchen erfüllten, fand sie nicht, was sie suchte. Ein schmuckloses Päckchen lag zwischen den antiquierten Stücken, das wie ein Fremdkörper wirkte. Lola nahm es an sich, stieg vom Stuhl und schaute zur Uhr. Es war ihr unheimlich. Von den alten Leuten im Heim schlief kaum einer bis acht Uhr. Jetzt war es gleich halb neun.
Aus einem unerklärlichen Antrieb heraus steckte sie das Päckchen in ihre Tasche und begab sich nach oben zu Hassos Schlafzimmertür, legte ihr Ohr an das Holz und lauschte.
»Guten Morgen Täubchen«, hörte sie die Stimme wie von Ferne und doch so erschreckend nah für diesen Moment. Er musste ihren Schatten unter der Tür gesehen haben oder mit dem Teufel im Bunde sein, wie sonst konnte er wissen …
»Ich warte nur, dass du kommst.«
Was war in diesem Moment zu erwarten? Was sollte sie tun? Wenn diese Ungewissheit, dieses lauernde Abtasten, noch lange anhielt, würde es bald ein Zerwürfnis geben, und den Kürzeren würde sie selbst ziehen.
Sie ging hinein, selbst auf die Gefahr hin, etwas über sich ergehen lassen zu müssen, was ihr den morgendlichen Würgereiz einbrächte.
Die Augen von Hasso funkelten genau so, wie damals Benno Pluras Augen gefunkelt hatten, und ihr war klar, dass seine Versuchung hier in seinem Haus viel größer ausfiel, als Bennos Versuchung im Heim ausgefallen war, und dass diese Versuchung nicht eher aufhören würde, bis eine Verfluchung daraus werden würde.
Zum Morgengruß reichte Hasso ihr nicht nur die Hand, er breitete die Arme aus und drückte sie an seine feuchte nackte Brust, die er schon entblößt hatte, aber offenbar nicht ohne ihre Hilfe aus der Pyjamahose fand.
Es gab in ihrem Leben durchaus Männer, an dessen Körper sie sich anzulehnen sehnte, aber an einem Körper wie diesen sollte sie sich höchstens mit Wasser und Seife zu schaffen machen. Dazu war sie schließlich auch hier.
Lola hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen und ersticken zu müssen. Sie riss sich los und schrie etwas von Eiern, die sich noch tot kochen würden. Fürs Erste war die Gefahr gebannt.
Hasso lachte leise auf, als er sich später zu Tisch setzte und die frisch gekochten Eier sah. Ansonsten verlief das Frühstück ohne Vorkommnisse.
»Entschuldige …«, sagte Lola in das stumme Schmatzen hinein, das Hassos gesunden Appetit verriet. Er legte noch eine Scheibe Schinken auf ΄s Brötchen und schlug das Ei mit der Messerkante seitlich ein, sichtlich zufrieden, weil es genau so zubereitet war, wie er es liebte. Erst dann hob er die Hand und bedeutete ihr, dass die Angelegenheit erledigt sei. Dem war aber mitnichten so. Den ganzen Tag über bekam Lola zu spüren, dass sie seine Magd war und nichts anderes als eine Magd, sofern sie nicht seinem vollen Anspruch genügte.
Lola schlief in dieser Nacht sehr tief. Zwar quirlten allerlei verworrene Bilder durch ihren Kopf, die allesamt mit einer besonders brutalen Gegenwehr gegen einen unliebsamen Liebhaber zu tun hatten, aber sie hatte den Traum nicht überbewertet. Das kam schon mal vor, wenn man keine klaren Regeln aufstellte. An diesem Tag wachte sie zum ersten Mal auf, ohne das Gefühl zu haben, in Kürze ihre Seele verkaufen zu müssen. Hasso Meyer war für das Wochenende zu einem seiner Kinder eingeladen. Er hatte Lola beschworen, ihm die Post zu besorgen, die noch im Altenheim für ihn angekommen war. Er habe seinen Kindern noch keinen reinen Wein eingeschenkt und das nur ihr zuliebe. Seine Kinder wären sehr skeptisch und hätten vielleicht Angst, nicht genug zu erben, wenn er ihnen von seinem Entschluss erzählte, den er um alles in der Welt nicht rückgängig machen wollte, weil er ihn schließlich nicht bereute.
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