Gleich am nächsten Tag sollte sie ihr Weg zur Seniorenresidenz »Am Sandberg« führen. Erst nachts, als ihr des Fusels wegen, den sie mit ihm getrunken hatte, kotzelend war und sie nicht schlafen konnte, holte sie vorsichtshalber noch einmal in ihr Gedächtnis zurück, was sie ihm erzählt hatte.
»Ein Engel war ich nie. Dafür hatte mein ärmliches Leben in einer kinderreichen Arbeiterfamilie gesorgt. Wenn wir Kinder etwas brauchten, schickte man mich – ich war das älteste der Mädchen - auf die Straße, um fremde Leute anzubetteln. Ich bettelte inbrünstig, denn ich hatte immer Sehnsucht nach den schönen Dingen des Lebens. Für mich sind leider nur Brosamen übrig geblieben, das ganze Leben lang. «
» Das kenne ich«, hatte Bodo erwidert. »Manchmal glaubt man, man müsste sich an so einem rächen, der reich ist.«
»Das Betteln hörte erst auf, als mein Vater seinen lange gehegten Entschluss umsetzte und jenseits der Grenze in das soziale Auffangnetz des anderen deutschen Staates wechselte.«
Sie hatte einen Teufel getan zu erwähnen, dass es auch diesseits der Grenze Armut gegeben hat und Unvernunft, die das letzte bisschen Geld versoff.
In der Dunkelheit der Nacht erinnerte Lola sich, wie die Feuchtigkeit in Bodos Augen gestiegen war und wie er immer öfter nach seinem Glas gegriffen und immer öfter nach Worten gesucht hatte, die ihr allerdings sehr gefallen hatten. Er hätte nie gedacht, dass es einer aus dem Westen auch so ergangen sei wie ihm. Zudem sähe sie aus wie eine von der Hautevolee, was aus seinem Munde wie heiße Wolle klang. Und sie sähe aus, als habe sie einen ganz besonderen Blick dafür, wo der Wohlstand stecke.
Vielleicht hatte er sich zuletzt nur ungeschickt ausgedrückt, vielleicht aber waren seine Blicke tatsächlich in der Lage, hinter die Fassade zu sehen. Auf alle Fälle war er voll reiner Bewunderung. Das sollte sie freuen. Aber der Kerl sollte nicht denken, sie sei eine von der Sorte, die nackten Trost suchte. Klar war sie in eine jüngere Haut geschlüpft. Klar war sie noch Frau genug, um mit einem Mann das Bett zu teilen. Aber nicht mit einem Hungerleider wie dem, auch wenn er so dumm nicht war, wie es zuerst den Anschein hatte. Nur das mit dem Wohlstand hatte sie ein wenig erschreckt. Wie kann einer, dessen Namen man nicht einmal kennt, in so kurzer Zeit etwas sehen, was man sich selbst nur widerwillig eingestand. Aber es war nicht falsch, was er sah. Ihr sehnsüchtiger Blick auf den Wohlstand hatte sie das Leben lang begleitet. Wie sonst hätte sie als Kind immer die richtigen Leute anbetteln können? Aber warum sollte eine von ganz unten ihren Neid auf die Menschen, die sinnlos dem Überfluss frönten, ihren Hass auf die Gesellschaft, die so gravierende Unterschiede zuließ, nicht tief in ihr Wesen graben dürfen. Und warum sollte sie nicht die Zeichen der Zeit nutzen, um etwas zurückzuholen, was ihr das Leben gestohlen hatte.
Daran musste sie erst dieser Kerl, dieser Bodo, erinnern.
Die ganze Zeit über, seit sie hier in der fremden Stadt war, hatte sich ihre feste Überzeugung ausgeprägt, niemandem etwas über sich selbst zu erzählen. Nichts war frustrierender, als eigene Pläne gescheitert zu sehen, auch wenn sie noch so bescheiden waren. Ihr neuer Plan war immerhin der erste in ihrem Leben, den sie ganz allein und vor allem zu ihrem eigenen Nutzen geschmiedet hatte. Es ging zwar um hopp oder topp, aber es ging nicht um Leben und Tod. Wenn niemand eine Forderung an sie hatte, konnte sie getrost davon ausgehen, dass ihr künftiger Verdienst sie ruhiger machen würde.
Wenn es einen gab, der sich etwas zu fordern traute, dann war es ihr ältester Sohn. Kay war nicht wie Axel. Kay war ein Hitzkopf wie sein Vater, der sein Leben nicht wirklich in den Griff bekam. Es war zu erwarten, dass er hier auftauchen würde, irgendwann. Die beiden Brüder waren zwar nicht wie Kain und Abel aus der Bibel. Axel war gutmütig und würde Kay nie im Regen stehen lassen. Sie hatte Axel einen Brief geschrieben, dass sie sich eine neue Existenz aufbauen werde, und wenn sie einigermaßen Fuß gefasst habe, werde sie sich melden. Soweit war es weiß Gott noch nicht. Sie konnte Axel nicht sagen, dass er bis dahin Stillschweigen wahren sollte, aber sie kannte ihre Söhne. Wenn es gegen die Eltern ging, hielten sie zusammen wie Pech und Schwefel, daran würde der Tod ihres Vaters nichts geändert haben.
Um Lolas Mund zog ein kleines Kräuseln, über ihre Haut ein unsichtbarer Schauer. Sie riss sich los vom letzten Bild des Mannes, oder von dem, was von dem Mann übrig war, der als Vater ihrer Söhne im Familienstammbuch stand.
Es war noch nicht viel Zeit vergangen, aber der Weg, den sie inzwischen zurückgelegt hatte, schien ein entscheidender, ein endlich zielführender Weg zu sein. Es war der Weg der getretenen Magd hin zur Freiheit. Ihr Leben lang hatte sie für ihren Mann und ihre Söhne da zu sein, ohne eigene Wünsche, ohne eigenes Geld und ohne das Recht, sich etwas davon einzuklagen. Jetzt konnte sie selbst bestimmen was sie tat, wohin sie ging, wem sie vertraute. Und es gab noch vieles, was sie noch gar nicht einschätzen konnte, vieles, worüber sie von jetzt an allein verfügen würde. Dieser Gedanke war zur Erotik ihres Lebens geworden und er war erregender, als alles zuvor in ihrem unerfüllten Leben.
Der Frühling war die Zeit des Aufatmens, aber der Sommer fiel erdrückend aus. Daran trugen nicht die tristen Häuser im jammervollen Stadtteil Schuld, daran trug auch die Nähe von Bodo keine Schuld, der sich angewöhnt hatte, bei ihr ein- und auszugehen und von dem sie sich angewöhnt hatte, alles Lästige erledigen zu lassen, was das Leben bereithielt.
Sie hatte mühelos die Anstellung bei der Seniorenresidenz Am Sandberg bekommen, und die schwere Arbeit bewirkte sogar eine gewisse Zufriedenheit. Aber just in diesem Moment, wo sich ihre ganz spezielle Anstrengung auf angenehme Art auszuzahlen begann, starb der Mann, der Benno Plura hieß und dessen Name in ihren Ohren einen literarischen Klang hatte - ein bisschen zumindest. Sie war ja nicht dumm, sie hatte nur nicht die besten Zensuren bekommen, weil sie nie das richtige Schulzeug besaß.
Vom Literaten Benno Pludra hatte sie nie etwas gelesen, weil nie Geld für Bücher übrig war. Aber diesen alten Benno Plura im Heim, den hat sie bemuttert, wie sie ihre Söhne nicht bemuttert hatte. Zum Dank dafür bekam sie oft einen guten Schein zugesteckt.
Für eine Weile musste sie sich merkwürdiger Fragen seiner Familie erwehren. Als ob es in dieser Zeit außergewöhnlich wäre, für Extra-Zuwendung extra belohnt zu werden. Als ob es hiesige Menschen nicht gewöhnt wären, den Ausgleich des Mangels besonders zu vergelten. Der Mangel hieß jetzt Zuwendung, gerade in Einrichtungen dieser Art.
Für eine längere Zeit hatte sie darüber nachgedacht, ob es nicht einen besseren Job geben könnte. Sie hatte sich die Arbeit leichter vorgestellt; angenehmer. Alte Männer sind kein Segen für eine attraktive Frau. Umgekehrt funktionierte die Konstellation Jung zu Alt als Segen, aber leider sah Benno nicht nur in ihren helfenden Händen einen Segen. Ein kleines Schütteln erfasst sie. Der Gedanke an seine Hände – von braunen Altersflecken übersät, mit gelben brüchigen Fingernägeln gekrönt – versetzte sie in den Zustand völliger Appetitlosigkeit. Selbst wenn er nur ihre Hände gestreichelt hätten, wäre dafür auf Dauer Überwindung vonnöten gewesen. Je öfter er in seine Geldbörse griff, desto sicherer wurde sein Griff nach anderen Körperteilen. So gesehen war sie vom Regen in die Traufe gespült worden, von Paul zu Benno, nur, dass der Benno wesentlich mehr übrig hatte als Paul, und dass er sich - laut Totenschein - nicht tot gesoffen hat.
Sie hatte für einen schwachen Moment daran gedacht, sich in die Frauenabteilung versetzen zu lassen, aber dann war sie bei ihrem Vorsatz geblieben, und vermutlich war das der einzige Weg, der ihr blieb. Schuldgefühle hatte sie nicht. Sie war ihm zwar zuletzt in einer unkontrollierbaren Sekunde an die Gurgel gegangen, aber davon hatte Benno keinen Schaden genommen. Was ihm geschehen war, war nicht ihre Schuld. Wenn es etwas gab, das sie sich vorwarf, dann den Abend danach, als sie Bodo davon erzählte, weil sie ohne Benno wieder mehr auf ihr Geld achten musste. Aus Frust haben sie sich zusammen so sehr betrunken - er an weißem Fusel, sie an Kräuterlikör - dass sie nicht mehr wusste, wie sie ins Bett gekommen war und warum Bodo in ihrem Wohnzimmer auf der Couch geschlafen und am Morgen pfeifend das Frühstück für sie zubereitet hatte.
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