Wenn Hasso Meyer solche Reden hielt, dann stets mit einem kleinen Beiklang von Drohung. Lola hielt es Hassos Beruf zugute. Als Militär war er es gewöhnt, anderen Menschen seine Order aufzuzwingen, so wie ihr Vater es gewöhnt war, seine Kinder mit jenen derben Händen zu erziehen, wie er sie unter Tage gebraucht hatte.
Auf ihrem Gesicht lag ein weicher, ein wenig trauriger Ausdruck. Im Gegensatz zu ihrem Vater war Hasso großmütig und spendabel, und dass er alt war, das hatte sie vorher gewusst. Und wie die Alten tickten, auch das war nicht neu für sie.
Jetzt, wo sie ihren Blick über die bescheidenen Möbel ihrer kleinen Wohnung wandern ließ, fiel ihr Blick auf das sündhaft teure Kleid an ihrem Schrank, über das sich Bodo maßlos gewundert hatte und dabei ganz grün geworden war. Ihre Lippen kräuselten sich. So könnte ihr das Leben durchaus gefallen, wenn der Preis dafür nicht wäre. Sicherlich wäre es nicht unmöglich, Hasso ein bisschen ums Maul zu gehen. Freilich wäre es für sie besser, wenn er weniger agil und mehr auf ihre Hilfe angewiesen wäre. Aber könnte diese Zeit nicht bald kommen? Hasso wäre der erste Mann, der bis an sein Ende Begierde und Tatendrang lebte. Sie wusste, wie schrecklich es sich anfühlte, was sie wünschte. Würde er mit trüben Gedanken im Lehnstuhl sitzen und sie würde ihm Geschichten vorlesen von der Bosheit dieser Welt, könnte sie sich wohler fühlen. Sie würde ihn streicheln und ihm versichern, ihn vor allem zu beschützen, was ihm Angst mache. Hasso würde vor Dankbarkeit überschäumen und von diesem Schaum könnte sie etwas abschöpfen.
Es war ein schöner Gedanke, aber wenn sie den Worten seines Hausarztes Dr. Schäfer glauben konnte, dann könnte Hasso bei vernünftiger Lebensweise hundert Jahre alt werden. Außer einem kleinen Magenproblem und einer stotternden Prostata wusste Lola nicht, was Hasso fehlen könnte. Das einzige Indiz, dass es etwas gab, war die Packung aus dem Küchenschrank und ihr Wissen, Männer überschätzen sich gern und Ärzte sind nicht allwissend …
Allein in ihrer Wohnung fühlte sie sich irgendwie verlassen, irgendwie in ihre Kindheit versetzt, und es fehlte nicht viel, da wären die Tränen gerollt.
Sie hatte in ihrem Leben nie wirklich viele Tränen vergossen, nicht einmal in ihrer Kindheit. Lola hat niemals geweint, wenn Menschen in ihrer Nähe waren. Auch vor ihren Geschwistern nicht und vor ihren Eltern. Selbst dann nicht, wenn Vater nach dem Riemen griff, weil sie nicht auf ihre Geschwister geachtet hatte und eines von ihnen etwas Dummes angestellt hatte. Die Tränen, die ein Mensch zu weinen hatte, musste sie aufsparen. Die hatten einen Zweck zu erfüllen. Wenn sie zum Betteln geschickt worden war, dann mussten sie fließen. Es hatte kaum noch jemanden gegeben, der etwas herausrückte, ohne dass ihre Tränen in Strömen geflossen waren.
Es funktionierte noch immer, das hatte sie unlängst zu spüren bekommen. Die Wirkung ihrer Tränen war wie in ihrer Kindheit ausgefallen, nur wertvoller. Diese Wirkung war rot, hatte vier Räder und stand vor dem Haus. Lola beleckte ihre trockenen Lippen. Zu gerne hätte sie einen anderen Wagen gefahren, einen größeren.
Was gab es doch für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit auf der Welt. Sie fühlte den alten Hass ihrer Kindheit in sich, der sie nie verlassen hatte, der nur hier und da ein wenig in Vergessenheit geraten war, weil niemand ihre Meinung über diese Welt hören wollte. Sogar Paul hatte sie einmal geschlagen, als sie sich weigerte, bei einem reichen Wessi putzen zu gehen. Damit der von seiner üppigen »Buschzulage« seine Lakaien bezahlen kann , hatte sie gewettert und ihn gefragt, ob er vor Jahren eine solche bekommen hätte.
Diese Worte waren nichts als Alibi gewesen. Sie wusste zu gut, dass Paul ihr würdelos verdientes Geld in Fusel umsetzen wollte. Gegen seine Schläge war sie noch machtlos. Damals. Grün und blau an Armen und im Gesicht, wünschte sie Paul den Tod, doch dafür war die Zeit noch nicht gekommen …
Es war nicht erkennbar, warum sie auffuhr und mit nackten Füßen in den Flur hinaus lief, um nach ihrer Tasche zu greifen. Lola kannte ihre Spontaneität. Sie musste nicht darüber nachdenken. Aber in diesem Augenblick war sie nicht spontan. Irgendeine Eingebung hatte ihr etwas ganz Konkretes zugeflüstert, etwas, wovon sie eine direkte Vorstellung hatte, der nachzugehen sie nicht länger aufschieben wollte.
Das Päckchen aus Hassos Schrank war noch ebenso verschnürt, wie sie es gefunden hatte. Sie schüttelte es an ihrem Ohr und hörte sofort, was sie vermutet hatte.
Warum ihr dabei Paul in den Sinn kam, das wusste nur sie allein.
»Da schau her«, murmelte sie. »Diazepam. Und gleich drei Großpackungen.«
Lola hatte einige Erfahrung damit gesammelt, wie man erregte Insassen eines Pflegeheimes für kurze Zeit ruhig stellen konnte, und wenn sie sich nicht irrte, verabreichten die ausgebildeten Kräfte einigen der Bemitleidenswerten eben auch dieses Diazepam, was Schwester Irmelinde immer Ost-Valium nannte. Von Irmelinde hatte sie auch gelernt, dass diese Mittel unter strenger Kontrolle standen und dass genau Buch geführt wurde, wer, wann, was bekam. Warum aber Hasso in seinem Schrank dieses Zeug hortete, das begriff sie erst im nächsten Moment. Auf einer der Packungen standen der Name und die Darreichungsform. Gundula Meyer. Und darunter ebenfalls kaum leserlich - tgl. ½ Tablette. Eine halbe, das war die Dosis, die Irmelinde den unruhigen Insassen im Heim verabreichte. Der nachlässigen Handschrift auf der Packung nach konnte es auch ein bis zwei bedeuten.
Lola hatte noch keine Ahnung, warum Hasso das Zeug noch immer im Schrank hatte. Womöglich kannte er seine Wohnung selbst nicht so genau. Vermutlich würde er nicht einmal auf die Idee kommen, irgendetwas anzufassen, was er nicht unmittelbar und sofort nötig hatte.
Warum sie das Päckchen eingesteckt hatte, wusste sie auch nicht mehr. Der einzige gute Grund war: Sie hatte ein gefährliches Zeug vor unwissenden Händen bewahrt. Und dass es gefährlich war, sagten ein paar Sätze der Packungsbeilage.
Als häufigste Nebenwirkungen waren Müdigkeit, Libido-Abnahme, Muskelschwäche und unter Umständen auch Erinnerungslücken angegeben. Das von der Libido gefiel ihr für einen unbeherrschten Moment. Aber da war die strenge Warnung, während der Einnahmezeit auf jeglichen Alkohol zu verzichten, und Hasso konnte so schwer verzichten. Jeden Tag nach dem Essen und dann noch einmal, bevor sie sich von ihm verabschiedete, musste sie mit ihm ein Gläschen Spreewaldbitter trinken, und wer weiß, was er später noch trank. Er sagte zwar stets, es mache ihm keinen Spaß, allein zu trinken, aber gewiss nur, um diesen Umstand auszunutzen, sie endlich zum Einzug in sein Haus zu überzeugen. Dabei hatte sich Hasso selbst ein Eigentor geschossen. Seit sie eigens für diesen Job das kleine Auto von ihm bekommen hatte, war sein Argument der schnellen Hilfe im Notfall abgeschwächt. Die Gefahr der schnellen Hilfe bestand nicht. Nur im Alkohol am Nachmittag lag eine nicht zu unterschätzende doppelte Gefahr, auch für sie.
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