Sie wollte ihn nicht danach fragen. Jede Gewissheit verpflichtet. Also sparte sie diesen Abend aus ihrer Erinnerung aus und ließ alles beim Alten. Bodo gab sich seitdem sehr vertraulich und mühte sich beflissen, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Vielleicht weil er etwas völlig falsch einschätzte. Vielleicht weil er glaubte, noch mehr von ihr zu profitieren.
An das Zuweisen der Aufgaben für Bodo hatte Lola sich schnell gewöhnt. Sehr schnell.
Der Sommer war Vergangenheit und die Normalität war zurückgekehrt in Lolas und Bodos Leben. In ihrem Herzen aber blieb Lola zerrissen – bisweilen sanft und gütig, dann auch mal hartherzig und ungerecht, besonders zu Bodo.
Sie brauchte Bodo, und sie war sicher, in ihm einen passablen Helfer zu haben. Ohne ihn gäbe es nicht halb so viele Bequemlichkeiten in ihrem stressigen Dasein. Aber er hatte auch seine dunklen Seiten – wer hatte die nicht.
Bisweilen störte sie sein stets unverhofftes Auftauchen, und wenn sie ihn in die Schranken wies, kramte er tausend unlogische Gründe aus seinem Hirn, warum er gerade jetzt dieses oder jenes für sie erledigen müsse. Sie schalt ihn dann als egoistisch, und weil ihn das selten störte, sagte sie einmal, er sei paranoid. Nach seiner derben Reaktion wurde ihr immer klarer, dass etwas in ihm steckte, was man getrost als Paranoia bezeichnen konnte, sofern es nicht Eifersucht war. Dieser Umstand belustigte sie, befremdete sie aber mindestens ebenso stark. Um sicher zu sein, dass es Eifersucht war, erzählte sie manchmal von dem einen oder anderen Witwer, der sie mit Kosenamen bedachte und der vor lauter Dankbarkeit wer weiß was tun würde. Es waren die vielen Einzelheiten, die Bodo innerlich zur Weißglut brachten. Er war unberechenbar, und wie es schien, ebenso zerrissen wie sie selbst. Diese Erkenntnis versöhnte Lola auf ganz gewisse Weise. Wenn sie je über Bodo als Mann nachgedacht hatte, dann war es ihrer eigenen Ungewissheit wegen. Sie hatten nie mehr über die durchzechte Nacht gesprochen und was womöglich passiert war. Vorstellen konnte sie sich nichts, aber manchmal schaute er sie so versonnen an und in seinen Augen lag ein bettelnder Blick, wie ihn nur ein verliebter Kater haben konnte. Dieser Blick stellte ihn dann in ihren Augen auf die gleiche Stufe mit den hilflosen Grauköpfen, was ihre Macht über Bodo in gleicher Weise erstarken ließ, wie sie die Macht über den einen oder anderen Graukopf spielen ließ.
Irgendetwas ließ sie hochschrecken. Es hatte geläutet, doch sie stand nicht auf. Es war Samstag und es war ein verregneter Tag. Sie hatte frei, und sie hatte sich ein paar Brote gemacht und einen ordentlichen Schluck Rotwein gegönnt. Dann war sie eingeschlafen, einfach so, mitten am Tag und ohne einen Gedanken in ihrem Kopf hin und her zu schieben. Soweit brachte sie ihre Lage zusammen, in der sie sich gerade befand. Zum ersten Mal seit Tagen war sie ein wenig zur Ruhe gekommen. Entspannt war sie nicht, dafür war die Zeit einfach zu aufregend, gerade jetzt. Es war gerade jetzt sehr nötig geworden, einmal durchzuatmen und gut zu überlegen, was das Gescheiteste war. Dafür brauchte sie Ruhe, und da sollte läuten, wer da läuten wollte.
Die tiefe Müdigkeit rührte vom Wein, die Erschöpfung von der Arbeit, die sie bisweilen hasste, weil sie die Unwürdigkeit, der sie tatenlos zuzusehen hatte, nicht mehr ertragen konnte. Die einen litten unter regelrechter Vernachlässigung, während die anderen, die über ein ansehnliches Konto verfügten, beinahe in Watte gepackt wurden.
Vielleicht gelang es ihr jetzt, wo das Läuten endlich aufgehört hatte, wenigstens noch eine halbe Stunde nicht an das Heim zu denken, die bedrückenden Bilder auszublenden und auch die Ungerechtigkeit zu vergessen, die ihr noch nutzen sollte, die aber dennoch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit blieb.
Sie fühlte sich furchtbar allein, aber es war ein gutes Gefühl, dem Läuten nicht nachgegeben zu haben. Es konnte nur Bodo sein, der mal wieder Familienanschluss brauchte. Jetzt hatte sie keine Muße auf ihn, auch, weil er drei Tage nicht hier gewesen war. Nach drei Tagen ohne ihre strikte Anweisung würde er seine Duftmarke mit sich führen, der sie ganz einfach nicht Herr werden konnte, bei allen guten Tipps und bei aller Einsicht von Bodo, der lieben Lola keine Last sein zu dürfen, sondern Freude.
»Ich bin es gewöhnt, immer das Falsche zu tun und das Falsche zu sagen. Aber was ich denke, das verrate ich nicht, auch dir nicht«, hatte er geantwortet und war schneller gegangen als erwartet.
Bis er das nächste Mal kommt, musste sie sich entschieden haben. Entweder sie setzt ihn vor vollendete Tatsachen, oder sie sagt kein Wort über Hasso Meyer. Bodo würde es nicht verstehen, dass auch er seit Monaten von Hassos Extrazuwendung profitierte. Er würde aber sofort verstehen, dass die Zeiten magerer werden, sobald sie Hassos Angebot abschlägt. Einen Glücksfall für Lola, hatte es die Chefin genannt, und eine Katastrophe für den Rest der Herrschaften, die Lola ebenfalls bevorzugten. Zwar wird sie auch von diesen Herrschaften belohnt und es bestünde keine Not, Hasso zu folgen, aber verlockend war es schon, dieses Angebot, wenn auch nicht vorhersehbar.
Lola schrak heftig zusammen. Mit ziemlicher Wucht bearbeiteten Fausthiebe ihre Tür. Es waren so heftige Schläge, dass die Gläser in der Vitrine leise klirrten. Ihr erster Impuls war, sich die Hände vor die Ohren zu pressen und abzuwarten, bis Bodo von selbst aufgab. Aber dann dachte sie, dass es albern sei und dass Bodo eine verdammt schlechte Nachricht haben musste, wenn er das ganze Haus zusammenpolterte. Die anderen Mieter zerrissen sich sowieso schon die Mäuler über ihr eigenartiges Verhältnis. Nicht, dass man sie in der Stadt zusammen sah. Nicht, dass sie als Liebespaar galten. Das würde man anstandslos hinnehmen. Nein, Bodo galt im Haus als ihr Faktotum. Das konnte sogar für einen wie Bodo nicht schmeichelhaft sein, sofern er es überhaupt wusste.
Während sie noch überlegte was zu tun war, hörte sie, wie nach einem mächtigen Donnern ihr Name gerufen wurde. Nicht der Name, wohl aber die Stimme irritierte sie. Die passte nicht zu Bodo.
»Lola, mach auf. Ich weiß, dass du da bist! «
Mit einem Satz stand sie senkrecht, so ruckartig, dass sich die Welt in ihrem Kopf zu drehen begann. Einigermaßen irritiert lief sie zur Tür. Der Pfiff durch die Zähne war ihr vertraut, die Worte waren nur logisch:
»He, wer hat denn unser altes Inventarstück so sexy aufgemotzt. Neuer Kopf, neue Brille. Was ist noch neu?«
»Kay! Warum bist du hier? Was ist passiert? Wer hat dir meine Adresse …. «
»Das sind zu viele Fragen auf einmal«, donnerte die Stimme ihres Sohnes durch das kahle Treppenhaus.
»Ja, ja. Komm rein. Aber schrei nicht das ganze Haus zusammen. «
Der junge Mann war groß und von kräftiger Gestalt. Sein Haar kurz geschoren, kürzer, als sie es je bei ihm gesehen hatte, und das verstärkte die Röte in seinem Gesicht. Anstelle einer Erklärung schob ihr Sohn seinen Arm nach rechts und förderte mit eben diesem zwei Frauen zutage, die auf den abwärts führenden Stufen gestanden hatten.
»Das ist Lena und das ist Olga. Ich dachte schon, du willst uns den ganzen Tag hier draußen stehen lassen.«
Lola befand sich noch immer in Erregung. Bis zu diesem Moment hatte sie aber noch einem ganz anderen Übel gegolten. Jetzt - in dieser Sekunde - wälzte sich etwas in voller Wucht auf sie, womit sie an diesem freien Tag nicht gerechnet hätte. Für den Moment war sie überfordert und konnte nicht einmal Kays Großmannsmanier Paroli bieten. Alex wäre es nie eingefallen, unverhofft und dazu noch mit zwei fremden Grazien bei seiner Mutter aufzukreuzen.
Während Kay kurz darauf wie ein Wasserfall redete, blieben die jungen Frauen still wie die Fische. Nicht einmal als Lola lobte, was für hübsche Mädels Kay da aufgetrieben habe, lag ein Lächeln auf ihren Lippen. Ein eher hilfloser Blick huschte zu Kay, und die Schultern der dunkelhaarigen, großäugigen und samtmündigen hoben sich leicht und fielen ebenso sacht wieder zurück, während das andere Mädchen ihre Augen in der bescheidenen Bude herumwandern und zuweilen staunen ließ.
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