»Sie verstehen dich nicht. Das sind Russen.«
Russen. Dieses Wort hatte früher schon einen abfälligen Klang. Aus Kays Mund klang es nicht besser, dabei waren es ganz reizende Mädchen, die man - sollten sie wirklich von so weit hergekommen sein - mit keinem männlichen Attribut bedenken sollte. Russinnen? Bringt Kay so viel Anstand auf?
»Wir müssen eine Nacht hier bleiben. Ich hab morgen noch was zu erledigen.«
»Hier?«
»In Forst, an der Grenze. Danach sind wir weg, und wir waren nie hier, wenn du verstehst? «
Lola verstand es, und noch viel mehr verstand sie. Wenn Kay ihr gegenüber kein Sterbenswörtchen von Geld verlor, dann hatte er eine Quelle angezapft, die ihn gut ernährte. Dafür gab es ein logisches Argument. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Nachdem sie einen starken Kaffee gekocht hatte, an dem die Frauen nur nippten, dem sich Kay um so genüsslicher ergab, redete er ziemlich laut und ziemlich lange über seinen Bruder Axel und über dessen Feigheit und darüber, dass der wohl für diese Welt zu gutmütig sei und es nicht weit bringen werde. Er habe ihn einbeziehen wollen in sein Geschäft, aber Axel habe kein Interesse an heißen Eisen, wie er es genannt habe.
»Du hast meine Adresse von Axel. Gib ΄s zu. «
»Bingo.«
Das war nicht gut, was sie da eben ausgeplaudert hat, so wie nicht gut war, dass sie dem einen Sohn reinen Wein eingeschenkt hatte und dem anderen nicht. Das mit dem reinen Wein war aber nun wirklich nicht ihr einziger Fall. Da stand ihr noch einer bevor, von dessen kluger Planung sie in dieser Stunde abgehalten wurde.
Irgendwann zwischen dem Wortgewölle ihres Sohnes und ihrer Sorge, wie die drei unverhofften Besucher in ihrer kleinen Wohnung nächtigen sollten, hatte Lola dann eine Idee. Es gab schließlich ein Ausweichquartier in diesem Haus. Das aber war weniger die rettende Idee gewesen. Das war in Wahrheit nur ein Alibi. Ihr ging es um Bodo. Es sollte leichter sein, durch die Blume mit ihm zu reden, als mit der Tür ins Haus zu fallen.
Lola ließ sich keines der Worte entgehen, die seit mehr als einer Stunde zwischen Kays Lippen heraussprudelten, aber ihr Unterbewusstsein war schon einen Schritt voraus. Sie rauchte ihre Zigarette zu Ende, drückte den Stummel auf der Untertasse aus, nahm den Untersetzer der Kaffeekanne und schlängelte sich an den beiden Frauen vorbei zum kleinen Fenster hin. Dreimal mit längeren und dreimal mit sehr kurzen Unterbrechungen schlug sie den Untersetzer gegen das Heizungsrohr, das an dieser Stelle kaum noch einen Farbanstrich aufwies. Nach den Blicken ihrer Augen zu urteilen, schienen die Frauen sich zu ängstigen. Und sogar Kay. Von seinem Gerede war er dennoch nicht abzubringen. Lola erfuhr auf diese Weise mehr über ihren Sohn, als sie es jemals erfahren hatte und als sie jemals erfahren würde. Insgeheim war sie mit seiner Meinung einverstanden. Auch sie könnte dieser Zeit und dieser Politik getrost Attribute zuordnen, wie sie Kay benutzte.
Einerseits war es gut, dass mal wieder geredet wurde zwischen diesen vier Wänden, andererseits waren es nicht die Themen, die Lola gewöhnlich beschäftigten. Mit Bodo redete sie nicht viel, aber wenn, dann hatten sie beide ein gleiches Bild vor Augen, dem sie sich hingaben, jeder nach seinem Vermögen, die Dinge zu beleuchten. Obwohl sie inzwischen seit Monaten in regelmäßigen Abständen zusammenkamen, mündeten ihre Gespräche nicht selten beim gleichen Thema. Auch wenn Bodo in völlig zusammenhanglose Gedanken verfiel, er klebte förmlich an seinem Wunsch nach Anschluss und ein bisschen auch an einem Wunsch nach mehr Geld. Ansonsten war er einer der unklarsten Menschen, die ihr je untergekommen waren. Sie wusste nie, was Bodo wirklich dachte, sofern er überhaupt etwas allein zu durchdenken imstande war.
Gegen sechs Uhr läutete es an der Tür. Zum ersten Mal an diesem Nachmittag verstummte Kay, und aus den Augen der Mädchen blitzte so etwas wie Angst.
Bodo stand in der Tür. Zuerst hatte er schon von draußen Kay entdeckt. Er durchbohrte ihn mit Blicken, schob sein Haar, das heute weniger glänzte und wohl deshalb nach vorn in die Stirn fiel, über den Scheitel zurück, als brauchte er jetzt unbedingt klaren Durchblick. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, und weil Lola jetzt hinter ihm stand, um die Tür zu schließen, sprach er ziemlich laut und trotz der Kürze seiner Worte ziemlich stotternd.
»Was … gibt΄s denn … eigentlich.«
Wenn Bodo aufgeregt war, stotterte er ein wenig.
»Grüne Bohnen mit Hammelfleisch.« Sie wusste, dass seine Frage so nicht gemeint war.
»Warum … hast du geklopft?«
»Wie du siehst, habe ich Besuch. Auf einen Esser mehr kommt es nicht an.«
»Na dann …«
Erst jetzt sah Bodo die Mädchen, die sich in die Nische zwischen Schrank und Balkontür gezwängt hatten. Nun, wo Kay mit einem Wink Entwarnung gab, taten sie so, als habe es da draußen gerade etwas Interessantes zu sehen gegeben. Bodos Augen wurden starr vor Staunen, aber sein Inneres schien aufzuweichen wie Wachs in der Sonne. Er hielt nichts von Etikette, aber instinktiv gelang ihm das Kunststück, zuerst den Mädchen die Hand zu geben und erst dann von Kays derbem Händedruck beinahe in die Knie zu gehen.
»Das ist Kay, mein Sohn. Und das sind seinen Freundinnen.«
Die Namen der Mädchen nannte Lola nicht. Die hatte sie schon wieder vergessen.
Lola ging in die Küche, um eine Schüssel und eine Tüte mit Inhalt zu holen, den Bodo nicht sehen konnte. Warum er dennoch gleich wieder aufsprang und nach der Schüssel griff, das wusste nur Lola, das konnte keiner der anderen im Raum erraten. Wortlos ging Lola an ihm vorbei um den Tresen herum und stellte alles zusammen darauf ab, um den Esstisch abzuräumen. Den Mädchen gab sie quasi mit Händen und Füßen zu verstehen, was zu tun war. Ein kleines Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, das sein doppeltes Echo in kindlichem Gekicher fand; die ersten wahren Töne, die aus den Mündern der Mädchen gehuscht waren. Es gefiel ihnen offenbar, nicht länger nur sinnlose Schmarotzer zu sein.
Nachdem die Sache mit der Übernachtung für Kay geklärt war, was Bodo geradezu freudig begrüßte, setzte Lola sich zu den beiden, die noch kein gutes Thema für eine Unterhaltung unter Männern gefunden hatten.
»Keiner muss heute noch Auto fahren, nehme ich an?«
Lola hob die Flasche an und schielte zuerst zu Kay, um blitzschnell mit einem fast unbemerkten Zucken auf die Mädchen zu weisen.
»Schto Gramm?«, rief Kay den Mädchen zu. Die beiden kicherten wieder, nickten aber heftig. Für Bodo war es wie Weihnachten, so sagte er es wenigstens. Er trinke sonst nie Braunen. Davon bekäme er Schädelbrummen . Aber heute sei schließlich ein besonderer Tag.
Kays Blicke wanderten von Lola zu Bodo. Er grinste dabei ziemlich unverschämt und stellte seine Frage in eben dieser Weise: »Schlaft ihr miteinander?«
Die Antwort kam auf den Punkt, aber sie fiel nicht synchron aus. »Schon«, sagte Bodo, was seine Antwort für »ja« bedeutete. »Wo denkst du hin!«, sagte Lola in einer Schärfe, die erklärte, dass sie gar nicht bemerkt hat, was Bodo geantwortet hat und wie seine linke Wange zuckte.
»Wenn es mir darum ginge«, lachte Lola, um sofort in eine traurige Stimmung zu verfallen, »wäre ich vom Fleck weg unter der Haube.«
Kay begann lauthals zu lachen, dazwischen gurgelte er:
»Schön dumm. Sieh dich an. Du gehst glatt noch als Fünfunddreißigjährige durch den TÜV.«
Bodo saß wie gelähmt und konnte sich nicht rühren, nicht seine Augen, nicht seine Lippen. Nur seine linke Wange zuckte, und ein sonderbarer Wechsel von Licht und Schatten lag auf seinen Zügen. Lola wusste, warum das so war. Sein Blick machte ihr klar, dass auch er es wusste, sich aber nicht wehren konnte gegen das Gefühl, das ihm auf einmal die Eingeweide zerwühlte.
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