»Ich wusste, dass du dem Paul nicht lange hinterher trauerst«, gurgelte Kay. »Aber in dieser gottverdammten Gegend wirst du keinen reichen Mann finden.«
Kay schielte auf Bodo, und Bodo konnte seine starren Augen nicht von Lolas Lippen lösen. Eine Sekunde lang sagte sie nichts, und sogar Kay verstummte in der Schusslinie ungewohnter Blicke. Im Zimmer hörte man nur das leise Schnippen der Messer, mit denen sich die Mädchen über die Bohnen hermachten.
»Diese Gegend ist nicht gottverdammter als die, aus der du kommst.«
Lola kannte sich inzwischen gut in der Gegend aus, aber sie musste es niemandem sagen, wie grün und wie sauber diese Stadt an der Spree war, und welch herrliche Parks es hier gab und wie viele schöne Häuser bereits wieder in prächtigem Glanz erstrahlten. Bodo würde es selbst wissen und die anderen würden am Sonntag wieder verschwinden, ohne auch nur einen einzigen Augenaufschlag den Schönheiten der Stadt zu widmen. Aber jetzt war die Zeit gekommen, um eine Botschaft ganz anderer Art zu verkünden.
»Ich arbeite zu viel. Bin ausgepowert bis aufs Blut. Ich sollte wahrhaft über mein stoisches Gehabe nachdenken, so wie es Hasso Meyer genannt hat.«
»Hasso? Ist das jetzt ein Hund …?«
»Kein Hund!« Beinahe war sie wütend auf Bodo geworden. »Vielleicht ein stinkreicher Hund. Ach. Ist nicht so wichtig …«
»Na hör mal«, ging Kay dazwischen, »stinkreich ist immer wichtig.«
Bodos Augen weiteten sich. Sein Herz pochte irgendwie anders als sonst, mehr im Hals, aber er wollte es sich ums Verrecken nicht anmerken lassen.
»Der Hasso will mich als private Pflegerin engagieren. Er würde mir mehr Geld zahlen, als ich jetzt verdiene, sagt er. Das kann gut sein, muss aber nicht. Das Gute daran wäre, ich hätte nur diesen einen Graukopf zu versorgen. Verstehst du. Nur einen einzigen.«
»Bingo«, schrie Kay, als wisse er sofort Bescheid, warum dieses das größte Glück war, das seiner Mutter widerfahren konnte.
»Moment«, Lola hob die Hand. »Hasso meint: mehr als mein Gehalt. Wir … Bodo und ich … haben aber jetzt noch das, was die anderen Speichellecker locker machen. Mit allem zusammen können wir gut leben.«
Kay zog die Lippen nach unten, was Lola nicht sonderlich gefiel. Er hatte also sofort verstanden, wen sie mit wir gemeint hatte, und es war nicht klug gewesen. Nicht vor einem, der wie Kay das Geld über alles liebte. Andererseits hatte er nicht das Recht, ihre Verbindung zu Bodo als unwichtig zu bezeichnen. Aber er war auch keiner, der an Magendrücken litt, wenn es um die Wahrheit ging. Er lehnte sich grinsend in den Sessel zurück.
»Wenn du einen dicken Fisch an der Angel hast und nicht kurbelst ...? Man, man, man. Was soll man dazu sagen. Diese alten Knaster schwimmen im Geld. Die brauchen doch nix mehr. Wenn du Glück hast, beerbst du den noch. Kapierst du?«
Kay überraschte sie, und irgendwie war er plötzlich der Glücksumstand des Tages. Bewusst oder unbewusst, Kay war der Sache so nah, wie es Lola niemals vermutet hätte. Einen von denen zu beerben, die es nicht mehr lange machen würden, genau das war das einzig lohnende Ziel. Aber das lag bei Hasso zugegeben noch in weiter Ferne. Hasso war vitaler als jeder andere auf der besonderen Etage der Residenz, und Hasso hatte nicht vor, den hilflosen Greis zu geben. Trotzdem würde es ihr, bis es soweit wäre, nicht schlecht ergehen. Der Hasso war ein anderes Kaliber als der Benno. Der hat sie noch nie befummelt.
Kay gönnte ihr diese Chance, wenn sie seine Euphorie richtig verstand. Aber da war noch Bodo, der jetzt seinen Kopf in beide Hände stützte, als müsste er nachdenken. Sie hatte sich an Bodos Zupacken gewöhnt. Das würde wegfallen, wenn sie den Hasso in seinem Haus zu versorgen hat. Dort blieben alle Unannehmlichkeiten des Alltags an ihr hängen, und wenn sie es richtig wusste, hatte Hasso ein kleines Häuschen am Stadtrand mit Ofenheizung und einem kleinen Vorgarten. Ofenheizung bedeutete Kohlen schleppen und Asche tragen und wer weiß was noch. Da hätte sie ja gleich daheim in der Moorstraße bleiben können. Den Verkauf der Doppelhaushälfte wollte Hasso erst angehen, wenn die neue Nobelresidenz an der Spree fertig gestellt sein würde. Hasso hatte vom künftigen Betreiber einen Vertrag in der Tasche – alte Seilschaften. Inzwischen hatte er andere Pläne, und daran hatte sie gedreht mit ihren kleinen Extras, die dem Hasso den Speichel aus dem Maul fließen ließen. Sie hatte das eigentlich so nicht gewollt, aber seit diesem Tag, wo er sie zu sich kommen ließ und ihr das Angebot gemacht hatte - ganz seriös und im Beisein der Heimleiterin Frau Hegewald - seit diesem Tag gab es Stunden, wo sie sich nichts mehr gewünscht hätte, als das Haus Am Sandberg zu verlassen, wo das Elend immer deutlicher zutage trat, seit sie den Goldschein am Horizont erblickte.
»Du hast doch einen guten Job«, stotterte Bodo.
»Ein guter Job ist nur einer, wo man gutes Geld verdient, mein Lieber. Auch noch ein gutes Gefühl im Job zu haben, das wäre schon zu viel des Guten. Kannst ja mal einen Tag mitkommen. Nur einen einzigen Tag.«
Sie wusste es genau. Bodo konnte es sich nicht vorstellen, wie deprimierend es in einer Einrichtung wie dieser zuging, aber er hatte ihr einmal gesagt, was er sich sehr gut vorstellen konnte: Wie die Männer sie begrabschten. Bei dieser Vorstellung war er wie wahnsinnig im Zimmer auf und ab gelaufen, und sie konnte nichts anderes tun, als ihn für kindisch zu erklären.
Abgesehen davon, dass es nicht viel gab, was er in sein altes Zuhause zurückzubringen hatte, abgesehen von der feierlichen Minute, in der er mit Lola über die Schwelle trat und den Geruch der Vertrautheit in sich aufnahm, und abgesehen von der netten Dekoration am Eingang, die für seine Rückkehr vorgenommen worden war, gab es für Hasso Meyer auch ein kleines Ärgernis.
Der Mann, der seine Habe ins Haus bugsierte, hatte zwar keine schlechten Manieren gezeigt. Er war zugegeben nicht gut gekleidet und er roch nicht eben nach Lavendel, aber das war für einen, der diese Art Hilfsarbeiten zu erfüllen hatte, auch nicht entscheidend. Entscheidend waren für Hasso Meyer zwei andere Dinge. Der Mann nannte Lola beim Vornamen, und obwohl die letzten Pakete längst im Haus verstaut waren, stand er noch immer da und rieb sich die Hände. Hasso war nie kleinlich gewesen in seinem Leben. Zu Gundas Zeiten – so nannte er seine verstorbene Frau Gundula, mit der er siebenundvierzig Jahre in diesem Haus gelebt hatte – musste er sich wegen seiner Großzügigkeit bisweilen strenge Worte anhören. Jetzt brachte ihn die Penetranz auf, die er hinter dem Zögern des Mannes sah, der sich ganz einfach nicht entfernen wollte. Er zog die Brauen zusammen und fühlte, dass er keine direkten Worte fand, den Mann zum Gehen zu bewegen. Es war ihm, als sei er heute besonders sensibel, denn er fühlte noch etwas anderes. Nein, seine Sinne täuschten ihn nicht. Lola und dieser Mann tauschten seltsame Blicke. Er müsste genauer hinsehen, um ganz sicher zu sein, aber dieses nicht zu tun, gebot ihm der Anstand. Vielleicht waren seine Nerven angespannt, vielleicht hatte ihn die übergroße Freude vergessen lassen, dass es Dinge im Leben gab, die nicht nach seinem Wunsch verliefen. Jetzt standen sie sich gegenüber, der fremde Mann mit blitzenden Augen und Hasso Meyer ohne mit der Wimper zu zucken. Sie maßen sich wie tierische Rivalen im erbitterten Kampf um das Vorrecht auf die Leitkuh.
»Na dann …«, sagte der Mann. Hasso griff wie ferngesteuert in die Tasche seiner Jacke und fischte wie nebenbei und scheinbar als lästige Notwendigkeit einen Schein heraus, so wie er es immer hielt, wenn jemand eine niedere Arbeit für ihn erledigt hatte. Die Wange des Mannes zuckte, und Hasso wäre nicht überrascht gewesen, hätte der Mann den Schein moniert. Er monierte nicht. Ein letzter seltsamer Blick huschte zu Lola, dann strich er eine Haarsträhne aus seiner Stirn und im Gehen begriffen dankte er mit einer sonderbaren Formel:
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