So stand sie nach einem Moment auf und tatsächlich, waren hier einige Sträucher mit den roten reifen Früchten. Vorsichtig griff sie danach und kostete eine der Erdbeeren.
Sie waren fast schon so weich, dass sie sie beim Pflücken mit den Fingern zerdrückt hätte und als sie sie kostete schmeckten sie zuckersüss. Natürlich konnte sie da nicht widerstehen und pflückte ein paar weitere der kleinen Köstlichkeiten.
Als sie eine Hand voll gegessen hatte, kam ihr eine Idee und sie griff in ihr Gewand, um ein Tuch hervor zu holen. Vorsichtig breitete sie es aus und pflückte weitere Walderdbeeren in das Tüchlein hinein, bis es gut gefüllt war, mit vielleicht einem halben Dutzend Händen voll. Behutsam nahm sie die Enden des Tuches und verknotete sie, so dass von dem kostbaren Inhalt nichts verloren gehen könnte. Ein paar letzte Erdbeeren fanden noch direkt den Weg in ihren Mund, bevor sie sich erhob und ihre Finger, die natürlich mit dem Erdbeersaft bedeckt waren, im klaren Seewasser wusch. Danach nahm sie das Säcklein auf, um sich wieder auf den Weg zu machen.
Auf der Kuppe drehte sie sich noch einmal um, bevor es weiter und wieder bergab gehen sollte. Noch einmal genoss sie die Ruhe und Unberührtheit der Natur hier und sah sogar am anderen Ufer des Sees drei Rehe trinken, bevor sie sich umdrehte und leise eine Melodie vor sich hin summend dem Pfad zurück folgte.
Als sie das Türchen in der Schlossmauer erreichte war es nicht mehr lange hin bis zum Mittagessen, so war die Zeit unterwegs vergangen. So durchquerte sie den Schlossgarten auf kürzestem Weg, betrat das Schloss aber durch einen Seiteneingang für die Bediensteten. Dieser führte sie auf kurzem Weg in die Küche, wo die Köche und Gehilfen schon fleissig am Werkeln waren.
Mit einem freudigen Hallo von allen wurde sie begrüsst. Seit sie denken konnte war sie fast täglich hier zu Gast und auch gern gesehen. Als kleines Kind hatte sie schon immer eine Kleinigkeit zu naschen hier bekommen, mal ein Stück Apfel, mal ein paar Nüsse, mal ein kleines Stück Kuchen oder andere süsse Naschereien.
Die Älteste der Küchenmägde kam in dem Moment mit einem warmen Lächeln auf sie zu und begrüsste sie freudig. Vor langer Zeit schon hatte Isolda sich erbeten, dass sie hier in der Küche und den Vorratskammern ohne Knicks und höfische Etikette ganz normal gegrüsst werden möchte, so wie in ihrer Kindheit und so war sie hier natürlich auch immer noch genauso herzlich willkommen wie als kleines Kind.
»Berta, meine liebe«, sprach die Prinzessin, »ich habe euch hier etwas mitgebracht«, und überreichte ihr das kleine Säcklein. Die Küchenmagd rieb sich ihre Hände an ihrer Schürze sauber und nahm das Säckchen vorsichtig entgegen, um es auf einem der Arbeitstische geschwind zu öffnen.
Ihre Augen leuchteten, als sie die frischen Walderdbeeren darin sah und Isolda sprach: »Sei so gut und zaubere für euch alle in der Küche hier etwas Leckeres daraus, wenn ihr mit dem Mittagessen fertig seid. Sie schmecken so zuckersüss, und davon sollt auch ihr alle etwas abbekommen.«
Berta war gerührt, wie immer, wenn Isolda ab und an etwas für sie alle mitbrachte. »Ach, meine Prinzessin, Ihr habt so ein grosses Herz.« Und ihre Augen leuchteten als sie die Prinzessin kurz an sich drückte.
»Ein Hoch auf unsere Prinzessin Isolda!« erklang es direkt nebenan vom Chefkoch, der gerade im Suppentopf rührte.
Und nun wurde es auch Isolda wieder warm ums Herz und ihre Wangen röteten sich leicht, so dass sie dem geschäftigen Treiben noch ein wenig zuschaute, hier und da ein kleines Löffelchen zu kosten bekam, von der Kartoffelcremesuppe, dem Rahmgemüse und der Zitronencreme der Nachspeise, bevor sie sich in ihr Zimmer begab, um sich für das Mittagessen frisch zu machen.
So herzlich und lebendig es vorher in der Küche gewesen war, so betrübt und still war das Mittagessen verlaufen. Auch schienen die Speisen, die gezaubert worden waren, auf dem Weg von der Küche in den Speisesaal einen Teil ihres Geschmacks verloren zu haben.
So war Isolda auch froh, als sie zusammen mit ihrem Bruder den Speisesaal wieder verlassen konnte.
Leonhard machte sich direkt auf den Weg in Richtung der Stallungen, um sein Pferd fertig machen zu lassen. Und Isolda dachte bei sich, dass dieses herrliche Wetter zu einem Ausritt mit ihrem Rappen traumhaft wäre.
Also begab sie sich in ihre Gemächer, um sich entsprechend umzuziehen und erreichte den Stall gerade, als ihr Bruder davor sein Pferd bestieg und mit drei anderen Rittern in Richtung des Schlosstores los ritt.
Kurz blickte sie ihm nach, doch nahm er sie schon gar nicht mehr wahr. Dann betrat sie den Stall, um sich selbst um ihr Pferd zu kümmern, ihm ein paar Mal über den Kopf zu streichen und ihm ein paar Worte zuzuflüstern, die das Pferd mit freudigem Kopfnicken beantwortete.
Aus einer anderen Ecke des Stalls holte sie drei Karotten und als sie zurück bei ihrem Rappen war, kam der Jäger Bertold auch in den Stall.
»Meine Prinzessin«, sprach der Bertold und verbeugte sich vor Isolda.
»Bertold, schön Euch zu treffen«, antwortete sie mit einem leichten Knicks.
Sie hielt ihrem Pferd die erste der Karotten hin, welche das Tier behutsam aus ihrer Hand frass.
»Ihr wollt auch ausreiten?«, fragte sie Bertold, der ihrem Pferd auch wohlwollend leicht auf die Seite klopfte, und Isolda nickte. »Habt Ihr ein Ziel oder wollt ihr mich in die Wälder begleiten, dort nach dem Rechten zu sehen?«
»Oh, sehr gerne«, antwortete sie mit einem freudigen Lächeln und nun war auch die dritte Karotte aus ihrer Hand gefressen.
»Dann lasst uns die Pferde satteln.«
Kurz darauf führten sie die beiden Pferde aus dem Stall, Bertold befestigte noch seinen Bogen und einen Köcher voller Pfeile am Sattel und schon ging es los.
Die beiden Wachen am Tor grüssten, als die Prinzessin und der Jäger passierten.
Nach der halben Strecke zur Stadt hin, die sie der Strasse folgten, bogen sie nach rechts ab und nahmen einen Feldweg zwischen den Feldern hindurch in Richtung des Flusses, der durch die Stadt floss.
Dem ruhigen Plätschern des gemütlich vor sich hin fliessenden Wassers folgten sie weiter und entfernten sich von der Stadt. Das Schloss umrundeten sie auf diese Weise im weiten Bogen, bevor sie den Wald erreichten und das Blätterdach sich über ihnen zu schliessen begann.
Hier war es merklich kühler und angenehmer als in der direkten Mittagssonne, was auch die Lebensgeister der beiden Reiter wieder ein wenig mehr weckte.
Sie unterhielten sich und plauderten über alles Mögliche, den Wald, die Tiere. Isolda erzählte von den Walderdbeeren, die sie am kleinen See gefunden hatte und Bertold erinnerte sich daran, sie dort auch schon einmal gesehen zu haben.
Sie erreichten schliesslich eine Lichtung auf einem kleinen Hügel, von dem aus man einen schönen Blick ins weitere Land hatte und hielten die Pferde an. Isolda blickte sich um, doch wo sie her kamen war nur der Wald zu sehen, nichts mehr vom Schloss oder der Stadt.
Nichts als unberührte Natur, Bäume, Wiesen und Hügel, so weit das Auge reichte. Einzig der Lauf des Flusses in weiterer Ferne durchzog das Land wie eine Lebensader.
»Ach Bertold, manchmal wünsche ich mir die unbeschwerte Zeit meiner Kindheit zurück, in der die Wälder noch unendlich gross waren und grösser waren als alle Sorgen, die man haben könnte.«
Der Jäger blickte sie von seinem Pferd aus ruhig an: »liegt Euch denn etwas auf dem Herzen, Prinzessin?«
»Nein, Sorgen gibt es nicht. Ach ich weiss es nicht genau.« In der Stimme der Prinzessin schwang ein wenig Trauer und doch auch ein wenig Sorge mit. »Wenn es doch nur mehr Leben im Schloss gäbe, mein Vater nicht immer so traurig und verschlossen wäre«, seufzte sie, »und auch Leonhard verändert sich, ist nicht mehr der alte, wie ich ihn kannte.«
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