4 Phase (1985ff): Kleine Neuorientierung: Man gibt jene Ansprüche preis – erhält ein ernüchterteres, aber „realistischer“ gewordenes Lebensgefühl, bejaht die bestehende Grundhaltung. Die Orientierungsansprüche alten Typs werden verpönt; im Falle unseres Zyklus (der 1950 begonnen hatte) war dies der Anspruch auf eine traditionell-einbindende (geschlossene) Gesellschaft, die ihren Mitgliedern – über das Versprechen auf Wohlstand hinaus – individuellen Sinn und starke Motivation gibt.
5 Phase: Wieder eine Zwischenphase der intensiven Modernisierung (jetzt aber eine sehr lange, 1995-2015) – entsprechend der nüchterneren, äußerlicheren Haltung, die man in der 4. Phase gewonnen hatte. Folgeerfahrung: Man landet in einer bemerkenswert „post-traditionellen Welt“.
6 Phase (2015ff): Aufbruchs- wie Krisenphase. Hochinnovativ. Als Erklärung dafür:Man ist einerseits zu modern geworden – im Sinne von zu ausgedünnten Wertegrundlagen. Genauer: Zwar existiert die Grundhaltung von 1950 weiter – doch die sie begleitenden und ergänzenden traditionellen Werte wurden zu sehr ausgedünnt: Das „Gesamtpaket“ an Orientierung ist folglich zu geringfügig. Zweifel an der Erfolgssicherheit der Zivilisation schleichen sich ein – gleichzeitig erlebt man ein Befreiungsgefühl, aber auch Belastung durch Unsicherheit wie ein Gefühl zu geringer individueller Wertschätzung.Andererseits ist man eben noch nicht modern genug: Man ist zwar eine intensiv lernende Zivilisation (Krisenphasen sind wahre Crashkurse für kollektive Fortschritte) – aber man ist noch nicht bei einem neuen Grundkonsens angekommen. Man ist erst auf dem Weg dorthin.
Ergänzung: Diese 6. Phase hat typische Stadien.
Eine weitere Ergänzung zum gesamten Phasenzyklus: Jede Phase hat ihr typisches, auch kulturelles Gepräge. Und die meisten haben eine ausreichend gute „Grundstimmung“ für Gesellschaft, Wirtschaft, Politik; das gilt selbst für die meisten Stadien der 6. Phase!
Die Phasen 1-3 wie die Phasen 4-6 weisen übrigens in ihrer Abfolge deutliche Entsprechungen auf (halbanaloge Dreiergruppen).
Damit zu einer beruhigteren und weniger gedrängten Darstellung dieser Sachverhalte.
2.1. Weg der Wirkung – Weg der Erforschung
Orientierungswandel – im Hintergrund der Zivilisation
Zur Vertiefung: Der Orientierungswandel strahlt stark auf unser Menschsein aus – und dieses erfasst wiederum die ganze Zivilisation. Dieser Wirkungsweg lässt sich modellhaft darstellen:
Orientierungswandel → menschlicher Wandel → Zivilisationsbereiche
Umgekehrter Weg der Erforschung
Wenn wir uns diesen Themen als Analytiker nähern, dann sind wir zum umgekehrten Weg gezwungen:
Zivilisationsbereiche → menschlicher Wandel → Orientierungswandel
bzw.
Orientierungswandel ← menschlicher Wandel ← Zivilisationsbereiche
Genauer:
Man stellt in verschiedenen Zivilisationsbereichen (Wirtschaft, Kulturgattungen, Mode usw.) fest, dass Erklärungsbedarf zu zyklischen oder jedenfalls merkwürdig strukturierten Vorgängen besteht – die man sich nicht zu erklären vermag.
Dahinter wird schließlich ein tieferer Faktor sichtbar: der Wandel des Menschen selbst. Beispielsweise unterscheiden sich verschiedene Zeiten sehr in ihrem Lebensgefühl; und es ist eigentlich etwas Denkwürdiges, dass wir in eine Zeit mit einem bestimmten Grundgefühl (und vielen weiteren zeittypischen menschlichen Merkmalen) hineingeboren werden. – Aber warum wandeln sich die je vorherrschenden (kollektiven) Gefühle?
Das führt uns schließlich zum Orientierungswandel im Hintergrund (im Fundament) unserer Zivilisation.
Befunde – und ihre Erklärung
Weiß man vom Orientierungswandel – so werden die Wendungen des menschlichen Wandels verständlich.
Und es wird erklärlich, warum diese verwandte Strukturen ihres Wandels aufweisen.
Im Folgenden ist dieser Forschungsweg zu den Orientierungszyklen noch etwas eingehender zu skizzieren – um zu zeigen, warum jeweils alternative Denkmöglichkeiten nicht in Betracht kommen.
a) Interdisziplinärer Blick erforderlich („Abgleichungsforschungen“)
Diachronische Analyse (Strukturen des Wandels)
Man muss zunächst wissen: Jeder Geschichtsstrang (d.h. jeder Zivilisationsbereich, in seinem geschichtlichen Wandel und Werden verfolgt), weist spezifische Strukturen auf: Brüche, Wendungen im geschichtlichen Verlauf. Beispielsweise entstehen je neue Stilrichtungen in den Künsten, in der Architektur, in der Musik. – D.h. die Kunst-, Musik-, Architekturgeschichte (ebenso wie die Geschichte vieler weiterer Bereiche) zeigt uns einen je strukturierten Wandel.
Nun ist es eine elementare, extrem spannende Aufgabe, diese verschiedenen „Geschichtsstränge“ miteinander zu vergleichen. Man legt sie gewissermaßen nebeneinander: Wann traten jeweils Brüche und Wendungen ein, wann traten je neue Haltungen auf?
b) Verwandte (homöomorphe) Strukturen – je zeitnaher Wandel
Denkwürdige Befunde: Verwandte Strukturen
Die Abgleichungsforschungen liefern uns etwas Denkwürdiges:
Es gibt eine verwandte Struktur der Geschichtsstränge (also des Wandels der verschiedensten Zivilisationsbereiche). Diese erfahren jeweils – zeitnah und inhaltlich verwandt – je neue Wendungen und daraus hervorgehende neue Haltungen.
Im Übrigen helfen solche interdisziplinären Vergleichsblicke sehr, insgesamt genauer zu beobachten – auch je „bereichsintern“.
Vertiefung: Zeitnahe Wendungen und Brüche (Phasen)
Weitere Forschungen vertiefen dieses Bild:
Es existieren regelrechte Phasen (mit je besonderen Situationsmerkmalen). Zwischen die Phasen treten „Situationsbrüche“ – in denen Merkmale einer Phase verschwinden und neue hervortreten. (Ein Beispiel wäre der Stilwandel in der Kultur.)
Inhaltlich ist jede Phase mit einer je besonderen menschlichen Haltung verknüpft: Beispielsweise herrschen um 1920 andere Merkmale des Menschseins vor als um 1950 – eine andere Gefühlslage, andere Verhaltensweisen, andere Wertepräferenzen, andere ästhetische Vorstellungen.
Aus theoretischer Sicht ist eine wichtige Ergänzung erforderlich: Man findet für diese Strukturen des Wandels keine wirklich guten Erklärungen.
Suche nach einer so machtvollen, „übergreifend“ wirksamen Ursache
Diese rätselhaften Eigenschaften können nur so erklärt werden: Offensichtlich ist eine machtvolle „übergreifend“ wirksame Ursache am Werk – eine so spezifisch beschaffene Ursache, dass sie unterschiedlichste Zivilisationsbereiche beeinflussen kann. – Welche Ursache? Welcher starke, prägende Faktor?
c) Zu den tieferen Ursachen: Im Wandel des Menschen selbst zu finden
Fortsetzung: Phasen des menschlichen Wandels (Megafaktor Mensch)
Nun führt uns ein folgerichtiger und einfacher Schritt zu den tieferen Ursachen:
Denn, wie schon festgestellt wurde, hat jede Phase ihr je besonderes Menschentum.
Zur weiteren Verfestigung dieser Erklärung: Das Menschentum einer Zeit lässt sich in vielfältige Merkmale ausdiffenzieren:
U.a. gehören dazu Werte, Gefühle, Bedürfnisse, ästhetische Vorstellungen, Ideale, äußeres und geistiges Menschenbild, Geschlechterbilder und -verhältnis, Grundkonsens, Verhaltensweisen, menschliche Institutionen.
Diese Merkmale verweisen „zeittypisch“ aufeinander, sie bilden einen Verweisungszusammenhang. Sie sind je stimmig.
Vertiefung: Je „stimmiges“ Gesamtbild des Menschen (Verweisungszusammenhang)
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