Hochdynamische, kulturell spezifische Nachfrage
Und weiter: Es gibt auch so etwas wie eine nachfrageseitige Innovativität: Warum werden viele Produkte, die sich 1850 bestens verkauft haben, um 1860 nicht mehr recht nachgefragt? Oder Produkte von 1950 um 1960 oder Produkte von 2010 nicht mehr heute? Usw. D.h.: Warum schreitet die Zivilisation voran – und gibt der Wirtschaft Impulse? Und dabei reichen technische Verbesserungen von Produkten bei weitem nicht zur Erklärung aus: Warum etwa wandelt sich die Ästhetik (das Design) vieler Produkte?
1.5. Allgemeiner Charakter des Erklärungsbedarfs
Ausblick: Verwandte Erklärungsprobleme in vielen anderen Disziplinen
An dieser Stelle lohnen noch genauere Seitenblicke zu anderen Zivilisationsbereichen: Denn dort haben wir ganz verwandte Probleme bei der Erklärung des geschichtlichen Prozesses – und seiner Struktur: ob in der Musik, in der bildenden Kunst, in der Politik, im Recht, im politischen und philosophischen Denken, in der Religion, im Design, in der Mode usw. – Auch dort gibt es einen Überhang an „Erklärungsbedarf“. Wer sich den jeweiligen geschichtlichen Ablauf etwas genauer besieht, gelangt rasch zu denkwürdigen und erklärungsbedürftigen Befunden: Auch dort existieren zyklische Vorgänge; auch dort hat der beobachtete Wandel gewissermaßen etwas Mysteriöses. (Warum etwa wandeln sich Stile? Und warum immer zu bestimmten Zeitpunkten?) Dies sollte jeweils den Blick für die vielen schwachen, schludrigen, fehlerhaften, gedankenlosen Erklärungen schärfen, die man uns gerne gibt.
Ausblick: Seiten ein- und desselben Problems?
Aber nun drängt sich eine weitere Frage auf: Handelt es sich jeweils um gesonderte Erklärungsschwierigkeiten – oder gelten sie ein- und demselben Phänomen? Handelt es sich womöglich um dieselben – oder jedenfalls eng miteinander verknüpften – Zyklen? Darauf muss im nächsten Abschnitt eingegangen werden.
Vertiefung: Suche nach einem koordinierenden, impulsgebenden „Megafaktor“
Von diesen Befunden geht ein ungeheurer Erklärungsdruck aus. Denn damit sich derartige Zyklen der Wirtschaft regelmäßig einstellen, müssen vielfältige Vorgänge miteinander koordiniert und korreliert sein. Welcher auslösende Faktor könnte hier am Werk sein? Danach wäre nun zu suchen.
2. Zyklischer Wandel der menschlichen Orientierung –
regelmäßig und machtvoll
Regelmäßiger tiefer Wandel
Unsere menschliche Orientierung hat eine ausgeprägt zyklische Komponente, die zivilisationsweit gilt. Mit großer Regelmäßigkeit kommt es zu einschneidenden Veränderungen, die auf den Menschen wie die Zivilisation (mit ihren Bereichen) wirken. – Diese Zusammenhänge erschließen sich nur durch eingehende, spezialisierte Forschungen.
In diesem Kapitel ist der Wandel der Orientierung nur insoweit darzustellen, wie es für die Wirtschaft als notwendig erscheint. Dabei müssen
die Eigenschaften der Orientierungszyklen
wie ihre Auswirkungen behandelt werden.
Außerdem muss auf den Forschungsweg eingegangen werden, der zu den machtvollen zyklischen Wandlungen (und Verwerfungen) unserer Orientierungswelt führt – als der gesuchten Ursache auch der Wirtschaftszyklen.
Vorangestellt sei ein kurzer Gesamtüberblick – gewissermaßen ein „Crashkurs“ zu den Orientierungszyklen.
2.0. „Crashkurs“ Orientierungswandel - Überblick über das Kapitel
Regelmäßige Orientierungskrisen – und ihre Beendigung
Die moderne Zivilisation erfährt – in ganz festen Zeitabständen – Orientierungskrisen: 1915-1950; ebenso hundert Jahre zuvor: 1815-1850; ebenso wiederum hundert Jahre früher usw.
Und da sich diese Zyklen nicht beschleunigt haben, muss es auch heißen: 2015-2050. Nicht wenige Anhaltspunkte zeigen uns, dass die Zeiten derzeit schon „in Bewegung geraten“.
Immer am Ende einer Krisenphase (also zur Jahrhundertmitte) tritt eine substanzielle Besserung ein: eine nachhaltige Stabilisierung und Beflügelung der Gesellschaft.
Denn Orientierungskrisen münden nicht etwa in Chaos, sondern in eine Neuorientierung; mit dieser setzt sich eine neue, richtunggebende Grundhaltung durch – mit multiplen Vorteilen.
Exkurs zu unserer Zeit: Produktive Orientierungskrisen
Ergänzend sei darauf hingewiesen, dass Orientierungskrisen Hochphasen der Innovation, der Produktivität, des Lernens, der freien Kreativität sind. Und wie stabil, wie „krisenfest“ Staat, Gesellschaft und Wirtschaft in dieser Zeit bleiben – das liegt ganz wesentlich an uns selbst. Orientierungskrisen sind eine Zeit, die uns tief herausfordert – nicht mehr; nicht weniger.
Wie man immer genauer sehen wird, kann sich auch die Wirtschaft nicht von diesen „Situationsmerkmalen“ des Menschseins freimachen – und vielleicht die Wirtschaft sogar am wenigsten; einfacher gesagt: Sie wird davon sehr beeinflusst. Letztlich erweist sich dies als die verborgene Ursache der Wirtschaftszyklen.
Wir identifizieren die Ursache also in einem Geschehen, das außerhalb der Wirtschaft liegt: im Orientierungswandel. Aber die Wirtschaft ist tief geprägt davon. Und tatsächlich finden damit charakteristische Wandlungen in der Wirtschaft – Zeiten der Hochkonjunktur, stagnative Zeiten – eine Erklärung.
Auswirkung auf alle Bereiche der Zivilisation
Diese Orientierungszyklen beeinflussen nahezu alle Lebens- und Tätigkeitsbereiche.
Orientierungswandel ⇒Wirtschaft
Orientierungswandel ⇒Politik
Orientierungswandel ⇒Gesellschaft
Orientierungswandel ⇒Künste
Orientierungswandel ⇒Medien
Orientierungswandel ⇒Religion
usw.
Alle Bereiche erhalten so eine verwandte Struktur des Wandels – die nicht aus ihnen kommt, sondern allein durch die Logik des Orientierungswandels (mit seiner klaren, differenzierten Strukturierung).
Die weitere Analyse dieser Struktur mündet in ein genaueres Bild des Phasenzyklus. Dieser sei schon einmal kurz vorgestellt:
Zur Gestalt und Logik der Zyklen
1 Phase (1950ff; oder: 1850ff; oder: 1750ff): Immer zur Jahrhundertmitte vollzieht sich eine Neuorientierung: Eine neue Grundhaltung – die sich seit Jahrzehnten vorbereitet hat – setzt sich endgültig als neue Konsensgrundlage (= Verhaltens-, Vertrauens- und Funktionsgrundlage) der Zivilisation durch. (In unserem Fall: Weniger ideologisch, pragmatischer; freiheitlicher, auf gemeinsamen Wohlstand ausgerichtet. Verpönung von Extremismus.) Das bewirkt eine ungeheure Stabilisierung wie Beflügelung; die Zivilisation erhält eine neue gute Richtung für ihre Entwicklung.
2 Phase (1960ff und analog): Eine Zwischenphase, die die Modernisierung intensiviert. Folge: Man lernt diese Welt, die durch die neue Grundhaltung eröffnet wurde, viel genauer kennen. – Nun stellt sich eine Folgeerfahrung ein: Bestimmte Bindekräfte wirken nicht mehr (was die dritte Phase herbeiführt).
3 Phase: Aufbruchs- wie Krisenphase (1965ff): In jedem Zyklus beginnt hier eine Krisenphase: Denn man stellt fest, dass traditionelle Orientierungs-Erwartungen nicht mehr so erfüllt sind, wie man es bislang für selbstverständlich und unverzichtbar gehalten hat (die jedoch, analytisch gesprochen, von der Grundhaltung nicht mehr unterstützt werden). Zwei Wirkungen treten ein: Man empfindet ein Plus an Freiheit – aber auch ein Minus an Orientierung (Einbindung, Sinngebung) bisherigen Typs. – Zunächst sucht man intensiv nach neuen Wegen – um das alte Gefühl zurückzubekommen. Dann fällt dieser Aufbruch zusammen. 1973ff: Typisches stagnatives Stadium. Letzteres führt, im Laufe der Jahre, zur unmerklichen Gewöhnung daran, dass bestimmte Orientierungs-Ansprüche (Erwartungen) nicht mehr erfüllt sind.
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