„Aus ... aus Trier“, brachte sie mit krächzender Stimme hervor.
„Wo ist das?“, fragte er, wie aus der Pistole geschossen – so schnell, dass sie sicher war, dass er das auch gefragt hätte, wenn sie Berlin, Honolulu oder Wellington gesagt hätte: Der Name spielte keine Rolle.
„Nicht ... hier. Ich glaube, nicht in diesem Land ... in dieser Welt.“
„Eine Außenweltlerin also“, schloss Xanthyos. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung und sie war nicht an sie gerichtet, sondern an seine Krieger. Er sah seine Leute herausfordernd an und niemand widersprach. Einer nach dem anderen senkte leicht den Kopf, signalisierte seinem König oder Fürst, oder was auch immer Xanthyos war, seine Unterstützung.
„Steig auf meinen Rücken!“
Was?! Temi traute kaum ihren Ohren. Eben noch sollte sie getötet werden, jetzt durfte sie gar auf einem Kentauren reiten? Die anderen Pferdemenschen starrten Temi finster an. „Majestät, wenn Ihr es wünscht, werde ich sie für Euch tragen“, bot sich Tharlon an. Seiner Stimme war deutlich anzuhören, wie viel Überwindung ihn diese Worte kosteten. Doch Xanthyos schüttelte den Kopf. „Ich gehe alleine.“
„Das könnt Ihr nicht!“ Entsetzt sahen die Krieger ihn an.
„Schweigt! Es bringt niemandem etwas, wenn meine Befehlshaber mit mir gefangen genommen werden.“ Xanthyos’ Stimme duldete keinerlei Widerspruch. Er knickte mit seinen Vorderläufen ein, damit Temi leichter auf seinen Rücken klettern konnte. Sie zögerte. Ihre Knie zitterten. Sie musste wohl gehorchen, aber durfte sie wirklich ...? Sie machte ein paar Schritte nach vorne, bis sie nur ein paar Zentimeter von Xanthyos’ massigem Pferdeleib trennten. Ihr Herz klopfte wie wild, als sie den Pferdekörper berührte. Verärgern wollte sie ihn auf keinen Fall! So vorsichtig wie möglich hielt sie sich an der Mähne fest, die aus dem Pferderücken wuchs und dann in feinere kurze schwarze Haare am menschlichen Teil des Körpers überging.
„Lasst den Feind die feindlichen Handlungen beginnen, bevor ihr zuschlagt. Und wartet auf meine Rückkehr!“
Mit diesen Worten trabte er erhobenen Hauptes los. Temi fiel fast von seinem Rücken, weil sie es nicht wagte, ihre Beine so fest gegen seinen Körper zu pressen, wie sie es beim Reiten tun musste. Zu fest an seiner Mähne reißen wollte sie auch nicht. Er konnte ihr Zögern wohl spüren. „Halt dich richtig fest!“, befahl er ihr. Ihre Hände zitterten, aber sie gehorchte und drückte ihre Schenkel so fest an seinen Körper, wie sie nur konnte.
Kaum merkte er das, wechselte er aus dem Trab, kanterte ein paar Sätze lang und verfiel dann in einen regelmäßigen Galopp. Trotz ihrer Anspannung atmete Temi auf. Beim Reiten hatte sie beim Trab immer mehr Probleme als bei der schnelleren Gangart. Und der Kentaur rannte so leichtfüßig über die Wiese, dass sie zu fliegen meinte. Er hielt genau auf das befestigte Lager zu und Temi erwartete schon, dass ihnen aus den Zelten Wachen entgegenkommen und sie gefangen nehmen würden. Doch es war weit und breit niemand zu sehen. Xanthyos wurde auch nicht langsamer. Er rannte weiter durch die leeren Gassen und schoss nach wenigen Sekunden durch das offene Holztor auf der anderen Seite des Lagers hinaus. Als er eine leichte Kurve lief, wagte Temi es, einen Blick zurückzuwerfen. Die anderen Kentauren waren, wie Xanthyos befohlen hatte, tatsächlich zurückgeblieben. Sie verfolgten sie von der Anhöhe aus mit Blicken.
Unvermittelt neigte Xanthyos im vollen Lauf den Kopf zur Seite und blickte sie aus den Augenwinkeln an. „Wie heißt du?“, fragte er und sprang über einen kleinen Graben, ohne auf den Boden zu sehen. Er schien die Gegend in- und auswendig zu kennen.
Seine Stimme klang barsch, sein Blick hingegen verriet zu Temis Verwunderung eher Neugier und Interesse. Das war ein gutes Zeichen, entschied sie.
„Temi“, antwortete sie schnell.
„Wie bist du hier hergekommen?“
„Ich weiß es nicht. Einen Moment war ich in meinem Zimmer in Trier, den nächsten hier. Also dort hinten“, korrigierte sie sich stotternd. „Aber ich weiß nicht mal, wo hier ist. Oder wie es passiert ist.“ Sie hoffte, dass er ihr das glaubte. „Eure Majestät!“, ergänzte sie. Die Krieger hatten ihn so genannt; dann war es vermutlich klüger, das auch zu tun.
Xanthyos runzelte die Stirn, während er weiter geradeaus über die Ebene galoppierte. „Ich glaube dir, dass du nicht weißt, wo hier ist. Ich habe noch nie etwas von einer Menschenstadt namens ... Trier gehört. Und kein Mensch unserer Welt würde mich freiwillig Majestät nennen, nicht einmal, um sein Leben zu retten.“
Temi zuckte mit den Schultern. „Aber wenn Ihr König seid ...“ Sie verstummte. Menschen und Kentauren hatten hier wohl kaum einen gemeinsamen König. Die Kentauren hassten die Menschen. „ Ehre, wem Ehre gebührt , heißt es da, wo ich herkomme“, erklärte sie und wagte ein kleines Lächeln. Xanthyos presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Er blickte wieder nach vorne, sodass Temi sein Gesicht nicht mehr sehen konnte, und stoppte dann so plötzlich, dass Temi bei einem Pferd wohl vornüber geflogen wäre. So aber prallte sie gegen seinen menschlichen Oberkörper.
Sie wollte sich entschuldigen, aber Xanthyos kam ihr zuvor. „Verzeih!“, sagte er. „Ich bin es nicht gewohnt, jemanden auf meinem Rücken zu tragen.“ Temi versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Das Ganze wurde immer verworrener. Der König bat sie um Verzeihung, obwohl Menschen und Kentauren verfeindet waren. Wie sollte sie das verstehen?
Xanthyos drehte sich wieder zu ihr um. „In deiner Welt sind Kentauren und Menschen nicht verfeindet?“, fragte er ungläubig. Temi öffnete und schloss den Mund sofort wieder. Wie sollte sie ihm erklären ...? Gab es irgendeinen sanften Weg? Kaum – zumindest fiel ihr auf die Schnelle nichts ein und er wartete auf ihre Antwort.
„Bei uns ... gibt es keine Kentauren“, murmelte sie, halb in der Hoffnung, dass er sie nicht hörte und nicht nachfragen würde. Aber das war natürlich ein frommer Wunsch. Er hatte sie gehört – und verstanden.
Seine Augen weiteten sich. Dann wandte er sich erneut ab und ging ohne ein Wort wieder los. Er ging die nächsten Meter, langsam, wohl in Gedanken versunken, ehe er wieder antrabte. „Außenwelt ... vielleicht sollte man es Fremdwelt nennen“, sagte er, mehr zu sich selbst als zu ihr. „Ich hätte es wissen müssen.“
Temi schwieg. Woher hätte er es wissen müssen? Wieso nahm er so einfach hin, dass es in ihrer Welt keine Kentauren gab? Seine Artgenossen hatten ihr noch nicht mal geglaubt, dass sie überhaupt aus einer anderen Welt stammte. Auch die meisten Menschen in ihrer Welt hätten sie für verrückt erklärt, wenn sie behauptet hätte, aus einer anderen Welt zu stammen. Doch Xanthyos schien das alles nicht wirklich zu überraschen.
Er hielt erneut an. „Steig bitte ab. Ich möchte dein Gesicht sehen“, forderte er sie auf. Temi glitt gehorsam von seinem Rücken.
„Du bist nicht die Erste, die vollkommen anders gekleidet ist als die Menschen hier.“ Sie starrte ihn an. Meinte er etwa ... „Es waren schon andere Außenweltler hier?“
Xanthyos nickte und Temis Herz schlug schneller vor Aufregung. „Viele?“, fragte sie vorsichtig; diesmal schüttelte Xanthyos sofort den Kopf. „Eine Hand voll vielleicht. Doch keiner war so nahe an unserem Lager.“ Er verzog keine Miene, als er fortfuhr; er beobachtete sie nur genau. „Leider hat keiner von ihnen lange genug überlebt. Sie sind zwischen die Fronten geraten und entweder von uns oder den Menschen getötet worden. Aber wir sind nicht einmal ganz sicher, ob sie wirklich aus der Außenwelt stammten.“
Temi spürte, wie die Farbe aus ihrem Gesicht wich. Auch sie war ja nur knapp dem Tod entronnen. Xanthyos bemerkte ihre Angst.
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