Temi drehte das Buch um, um die Stelle genauer zu betrachten. Tatsächlich war dort etwas reliefartig hervorgehoben, doch so winzig, dass sie es beim Licht ihrer normalen Zimmerlampe beim besten Willen nicht erkennen konnte. Das Schwarz verschluckte alles. So kam sie nicht weiter.
Suchend sah sie sich um. Irgendwo musste sie eine Lupe haben. Nur wo? Wie immer herrschte Chaos auf ihrem Schreibtisch und dem Boden. Sie schüttelte den Kopf. Dabei fiel ihr Blick auf die Uhr. 20:00 Uhr. Heute war Samstag, ihr Kühlschrank leer, sie hatte Hunger – und wenn sie morgen etwas essen wollte, sollte sie vielleicht noch schnell einkaufen.
Temi stand auf, zog ihre Schreibtischschublade auf, um das Buch dort katzensicher zu verstauen – die Schublade, in der obenauf die Lupe lag.
Die Neugier siegte über ihren knurrenden Magen. So viel Zeit musste sein. Sie drehte ihre Schreibtischlampe zum Buch und hielt die Lupe über den Buchrücken. Verblüfft kniff sie die Augen zusammen und starrte noch eine Minute länger durch die Lupe. Das Relief zeigte einen Mann mit Pferdekörper, einen Kentauren! Wieso hatte sie das nicht gesehen, als sie das Buch gekauft und immer wieder in ihm gelesen hatte?
Temi starrte das Buch eine Zeit lang an, dann knurrte ihr Magen so laut, dass es wahrscheinlich noch ihre Nachbarn hörten. Sie packte das Buch weg, schnappte sich Portemonnaie, Tasche und ihren Haustürschlüssel. Dann stürmte sie aus der Tür, schloss hastig hinter sich ab und rannte zum Supermarkt.
Nemesis begrüßte sie nicht wie gewohnt maunzend, als Temi nach Hause kam. Das Kätzchen stand vor der Tür und starrte ihr vorwurfsvoll entgegen. Warum eigentlich? Sie hatte die Katzenklappe tagsüber immer geöffnet, damit Nemi nach ihren Streifzügen durch das Haus wieder ins Appartement konnte. Sie war auch sicher, dass sie Nemesis Futter hingestellt hatte. Aber vielleicht mochte die kleine Diva heute kein Huhn, sondern lieber Pute.
Temis Mundwinkel zuckten nach oben und Nemesis drehte ihr die Kehrseite zu. Ganz offensichtlich spielte sie die Beleidigte. Mal sehen, wie lange ihr Fellmonster schmollen würde – eine Minute, bis es anderes Futter gab? Belustigt verstaute Temi die Tüte mit den Brötchen in ihrer Tasche und schloss die Wohnungstür auf. Das Kätzchen stolzierte beleidigt hinein – mit Katzenbuckel, aufgeplustertem Fell und einem wie statisch aufgeladenen Schwanz. „Och Nemi ...“, rief Temi ihr hinterher, aber die Katze war längst verschwunden. Vermutlich hatte sie sich sofort unter das Sofa oder den Schrank verzogen und strafte Temi nun bis zum ersten Anzeichen des Abendbrots mit Missachtung.
„Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?“, fragte Temi. Natürlich antwortete die Katze ihr nicht – trotzdem redete sie ständig mit dem Tierchen; es war ihr egal, wenn ihre Nachbarn sie für verrückt hielten. Die alte Dame in der Wohnung neben ihr sprach sogar mit ihren Pflanzen; da war eine Katze doch wesentlich gesprächiger.
Temi warf ihren Rucksack und den Schlüssel aufs Bett und zog ihre Schuhe und Strümpfe aus. Sie lief am liebsten barfuß und in ihrer Wohnung sowieso.
Als sie sich zum Schreibtisch umdrehte, erstarrte sie. Das Buch lag aufgeschlagen auf der Holzplatte – so hatte sie es nicht liegen lassen. Garantiert nicht! Denn mit einer kleinen frechen Katze im Haus war der Schreibtisch sicher kein Ort, an dem sie ein wertvolles Buch gefahrlos aufbewahren konnte. Und aufgeschlagen schon gar nicht. Nemesis hätte bequem ihre Krallen und Zähne an den Seiten austesten können. Auch wenn sie eben eilig aufgebrochen war: So leichtsinnig und vergesslich war sie nicht.
Ein Geräusch ließ sie zusammenzucken. Nemesis sprang mit einem beherzten Sprung vor ihr auf den Schreibtisch. Ihr Fell stand immer noch zu Berge und sie fauchte so bedrohlich, wie ein Katzenkind es nur konnte. Aber sie fauchte nicht sie an! Temi fuhr herum und ihr Herz setzte einen Schlag aus, nur um dann umso heftiger loszurasen: Sie war nicht alleine im Zimmer!
Temi schrie auf. Sie wusste nicht, wovor sie mehr erschrak! Dass ein Einbrecher direkt vor ihr stand oder wie er aussah: Der Mann hatte lange dunkle Haare, ein Schwert in der Hand – und den Unterleib einer riesigen Schlange?! Temi starrte dieses Wesen fassungslos an. Sie musste träumen! Der Eindringling holte mit dem Schwert aus – und zuckte zurück, als Nemesis erneut fauchte. Ohne nachzudenken griff Temi nach der Schere, die hinter ihr auf dem Schreibtisch lag, aber sie war außer Reichweite. Dafür ertastete Temi das Buch. Entschlossen packte sie zu, um es dem Angreifer ins Gesicht zu schleudern.
Im nächsten Moment schrie sie vor Schmerz auf. Ihre Hand brannte so heftig, dass es ihr Tränen in die Augen trieb und dass sie sogar dem Schlangenmenschen den Rücken zudrehte: Sie fuhr herum, nach Atem ringend. Es fühlte sich nicht nur so an, als stünden ihre Finger in Flammen. Das Buch brannte wirklich! Schwarzes Feuer loderte an den Seiten auf und versengte ihre Haut – doch ebenso plötzlich, wie er gekommen war, war der Schmerz weg. Es ziepte nur noch, als ob Funken einer Wunderkerze gegen ihre Hand prasselten. Fassungslos blinzelte Temi die Tränen weg und ließ den Einband los. Das Ziepen breitete sich über ihren Arm aus. Die schwarzen Flammen spielten an ihrem Ärmel, ohne ihn zu verbrennen, und züngelten dann plötzlich an ihrer Schulter hoch. Erstarrt sah Temi zu, ohne die Flammen auszuschlagen. War das eine Sinnestäuschung? Was passierte hier?
Ein zorniger Schrei holte sie in die Realität zurück. Die Realität?
Etwas Orangebraunes flog an ihr vorbei: Nemesis sprang mit einem beinah furchteinflößenden Grollen, das eher nach einem Löwen klang als nach einem Kätzchen, den Schlangenmenschen an. Der stolperte mit hasserfülltem Blick zwei, drei Schritte zurück, als ob er den Zusammenstoß mit dem Katzenkind fürchtete – panisch fürchtete! Sein Blick flog zwischen Temi und Nemesis hin und her. Erneut schrie er auf, als die schwarzen Flammen Temis Körper komplett umhüllten. Die Wut in seinen Augen war nicht zu übersehen, war in seinem Schrei nicht zu überhören. Ein kalter Schauer schoss durch Temis Glieder. Dann wurde alles um sie herum schwarz.
Plötzlich drehte sich alles um sie und sie kniff die Augen zusammen. Ihr war so schwindelig, dass sie nicht mehr wusste, wo oben und wo unten war. Im nächsten Moment merkte sie, dass sie fiel. Es gab keinen Boden mehr unter ihren Füßen. Sie fiel in ein tiefes schwarzes Loch. Beinah lautlos stöhnte sie. Sie hatte heute – bis auf ein Brötchen auf dem Rückweg vom Einkaufen – noch nichts gegessen, aber normalerweise reagierte ihr Körper nicht so! Hatte sie sich den Magen verdorben?! Alkohol hatte sie nicht getrunken und natürlich auch keine Drogen genommen – aber anders ließ sich dieses „Erlebnis“ wohl kaum erklären. Das hier war nicht real.
Temi blinzelte. Zwischen den Wimpern bemerkte sie, dass etwas Helles von unten – oder oben? – auf sie zuraste. Sofort kniff sie die Augen wieder fester zusammen. Sie hielt den Atem an und zog die Beine an, um sich abrollen zu können. Aber die Momente verstrichen, ohne dass sie auf dem Boden aufschlug oder mit dieser weißen Wand zusammenstieß, auf die sie zuschoss.
Ihre Muskeln waren so verkrampft, dass sie schmerzten, doch sie registrierte es kaum. Schlimmer war die Ungewissheit: Sie wartete nur, wartete und wartete – vergeblich. Gottseidank! Als sie nach einer halben Ewigkeit ihre Muskeln ein wenig entspannte, stellte sie fest, dass sie nicht länger ins Bodenlose fiel. Verunsichert blinzelte sie mit einem Auge und schloss es sofort wieder. Etwas hatte ihr ins Auge gepiekst. Das gleiche Etwas kitzelte sie nun auch an der Nase und im Mundwinkel. Es fühlte sich an wie Grashalme.
Moment! Sie lag? Auf Gras?!
Temi riss die Augen auf. Es war nicht mehr dunkel. Vielmehr blendete die Sonne so sehr, dass ihre Augen heftig zu tränen anfingen. Ihre Hand zuckte nach oben, um die hellen Strahlen abzuschirmen. Wo war sie?
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