„Was machst du dann hier vor unserem Lager?!“, donnerte Tharlon. Er warf ungeduldig den Kopf zurück. Seine langen, dunkelbraunen Haare waren auf der Mitte seines Kopfes wie ein Helmbusch hochgebunden und flogen wie ein Pferdeschwanz hin und her. Alle anderen trugen Helme: Manche hatten nicht mehr als einfache Kappen aus Leder auf, andere eiserne Helme mit Zacken oder Flügeln. Viele hatten Hirsch- oder andere Geweihe daran befestigt. Diese martialisch anmutende Mischung ließ diesen Trupp noch viel wilder und gefährlicher wirken. Temi schluckte.
„Ich wusste nicht ...“, setzte sie an, doch Tharlon unterbrach sie: „Lüg nicht! Jeder Bewohner dieses Landes weiß, dass Thalas uns gehört. Wenn ihr Menschen anfangt, unsere Lager zu beobachten, dann kann das nur eines bedeuten. Ihr wollt uns wieder vertreiben! Doch du wirst das nicht mehr erleben!“ Die letzten Worte spie er ihr regelrecht ins Gesicht.
Temi zuckte bei fast jedem Wort zusammen. Er war verdammt wütend und voller Hass. Ihr Herz rutschte ihr bis in die Hose, und sie spürte, wie alle Farbe aus ihrem Gesicht wich. Hatte sie irgendeine Chance, sich zu verteidigen?
Einige Kentauren stampften mit den Hufen auf den Boden, wie Stiere vor einem Angriff. Wie viel Zeit blieb ihr noch? Was konnte sie tun? „Ich habe nicht ... ich wusste nicht ... ich bin nicht von hier!“, brachte sie hervor, aber die Kentauren schienen sie nicht mal zu hören. Was sollte sie sonst sagen? Sie hatte keinerlei Ahnung, wieso sie eine Spionin sein sollte. Offenbar hassten sich Menschen und Kentauren, doch sie hatte sich nicht gerade unauffällig verhalten, wie es ein Spion wohl getan hätte. Aber das war den Kentauren anscheinend egal.
Schnaubend wie ein Pferd bäumte sich der Rossmensch auf seine Hinterbeine. Temi hielt den Atem an. Ein imposanter Anblick! Die Kentauren waren ohnehin viel größer als sie, aber nun überragte Tharlon sie um mehr als das Doppelte. Dass er sie nicht mit den Hufen zermalmte, verdankte sie wohl dem Kentauren, vor dessen breiter Pferdebrust sie noch immer stand. Dabei war sie sich sicher, dass diese Wesen ihre Gegner mit wuchtigen Tritten außer Gefecht setzen konnten, ohne ihre Artgenossen auch nur zu berühren. Selbst wenn sie so dicht gedrängt standen wie hier.
Mit einem wütenden Schrei hob der Kentaur sein Schwert.
„Halt!!“ Eine schneidende Stimme gebot ihm Einhalt.
Der Befehl fuhr Temi eisig durch Mark und Bein. Den Kentauren ging es ähnlich: Tharlon erstarrte in der Bewegung. Er tänzelte noch einen Moment auf seinen Hinterläufen, dann setzte er mit einem wuchtigen Stampfen die Vorderläufe wieder vor ihr auf den Boden. Temi wagte kaum aufzusehen und hielt angespannt den Atem an. Als sie schließlich doch den Blick hob, sah sie ihn auf der Kuppe des Hügels.
Schon aus der Ferne wirkte dieser Pferdemensch furchteinflößender als alle anderen, die um sie herumtänzelten, sichtlich in Aufregung versetzt. So stolz die Krieger wirkten und waren – er war majestätischer als sie und war sich dessen auch bewusst. Er strahlte ein Selbstbewusstsein und eine Autorität aus, die man fast greifen konnte.
Seine Schultern waren straff gespannt, die Muskeln tanzten an seinen nackten Armen und am Oberkörper. Pechschwarzes Haar fiel über die blassen Schultern und wehte wild im Wind. Die Beine mit dem dunkelbraunen Fell waren ebenfalls von steinharten Muskeln bepackt. Düstere Schatten huschten über sein Gesicht. Er schritt auf sie zu, zielstrebig, aber ohne jede Eile.
Tharlon senkte widerwillig, aber gehorsam die eiserne Klinge und neigte respektvoll den Kopf vor dem nahenden Artgenossen. Hatte sie bisher ihn für den Anführer gehalten, so gab es jetzt keinen Zweifel: Der Neue war der Befehlshaber.
Nervös wichen die Kentauren vor ihm zurück, als er langsam in den Kreis trat. Es entging Temi nicht, dass die Kämpfer regelrecht erschrocken über sein Auftauchen waren.
Sie hörte ihr Gemurmel, ohne es zu verstehen, bis Tharlon es mit einem strengem Blick unterband.
Nun stand der Schwarzhaarige vor ihr. Wortlos blickte er einige Sekunden, die ihr ewig lang vorkamen, auf sie hinunter. Die Kälte in seinem Blick ängstigte sie beinah noch mehr als der pure Hass in den Gesichtern der anderen.
„Wie ist das möglich?“, fragte Tharlon verblüfft. Die Kentauren schienen Temi völlig vergessen zu haben. Alle Blicke ruhten nur auf dem Neuankömmling, als wäre er von den Toten auferstanden. Dabei sah er so aus, als könnte er den Tod persönlich dazu bringen, von seinem Opfer abzulassen.
Und nun starrte er sie an, musterte Temi, als könnte er ihre Gedanken lesen.
„Sie haben Euch gefangen genommen. Man entkommt nicht einfach aus ihren Kerkern“, fuhr Tharlon mit erstickter Stimme fort.
„Noch sind es auch unsere Kerker und unsere Leute halfen, sie zu bauen!“, antwortete der Schwarzhaarige kühl, ohne Temi aus den Augen zu lassen. „Ich habe Anhänger in der Stadt, die mich unterstützen. Vergesst das nicht.“
Temi wagte es nicht, ihren Blick von ihm zu lösen – hoffte aber inständig, dass er sich dadurch nicht herausgefordert fühlte. Wenn die Sagen stimmten, waren Kentauren streitlustige Gesellen, äußerst aggressiv und heißblütig. Bisher sprach alles dafür. Und ausgerechnet sie musste ihnen begegnen.
„Sie stammt nicht von hier“, wechselte der schwarzhaarige Pferdemensch plötzlich das Thema. Alle Blicke wanderten zu ihr. Temi schluckte. Die Kentauren starrten sie unverhohlen an, bis ihr Anführer sie laut anherrschte. „Seht sie euch doch an. Habt ihr schon mal derartige Kleidung gesehen? Ein solches Band um ihren Arm?“ Temis Blick fiel auf ihre Armbanduhr, die stehengeblieben war. „Oder so rote Haare an einem Menschen und so kurze Haare an einer Frau?“, fuhr der Kentaur fort. „Sie ist nicht wie die anderen.“
„Alles nur Tarnung!“, brauste Tharlon auf. Doch mit einer scharfen Handbewegung schnitt der andere ihm das Wort ab. „Helle Haut, rote Haare. Sie müsste eine Sagengestalt aus dem hohen Norden sein, wenn sie aus dieser Welt wäre.“
„Verzeiht, Xanthyos!“ Tharlon senkte den Kopf.
Xanthyos. Temis Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Schon der Name klang bedrohlich. Zu viele dunkle Vokale und Konsonanten in diesem Wort. A und O, X, T, S. Fast die gleichen wie bei Thanatos, dem Gott des Todes, nach dem sie eben gerade den kleinen Kater benannt hatte. Doch der war im Gegensatz zu ihr schlau genug gewesen, sich zu verkrümeln, als es gefährlich wurde ... bevor es tödlich wurde. Die Ähnlichkeit der Namen machte Temi nun nicht gerade Mut.
Xanthyos’ Stimme riss sie aus ihren Gedanken. „Ich werde sie zu Aireion bringen.“
„Was?!“ Tharlon sah mit einem Ruck auf. Nicht nur er war entsetzt. Auch die anderen Kentauren scharrten mit ihren Hufen den Boden auf und tänzelten unruhig.
„Tut das nicht!“ – „Er wird Euch wieder gefangen nehmen, Majestät.“ – „Er wird Euch nicht noch einmal entkommen lassen!“
Majestät? Kerker? Wie passte das zusammen?
Aber sie wagte nicht nachzufragen. Sie wollte die Aufmerksamkeit der Kentauren nicht unnötig auf sich ziehen. Und ganz sicher war sie nicht in der Position, Fragen zu stellen.
„Das ist mir bewusst.“ Harsch unterband Xanthyos jegliche Diskussion. Respektvoll schwiegen die anderen Pferdemenschen, aber die Blicke, die sie einander zuwarfen, wirkten verstört und ungläubig. Sie verstanden seine Entscheidung nicht und waren nicht damit einverstanden.
„Warum ist ihr Leben so wichtig?“, wagte Tharlon zu fragen. Er scharrte mit den Hufen und senkte ehrerbietig den Kopf, als Xanthyos ihn mit zusammengekniffenen Augen ansah. Er hatte wohl nicht das Recht, die Entscheidung seines Anführers infrage zu stellen.
„Woher kommst du?“, fragte Xanthyos kühl. Er fragte sie .
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