Entschlossen stand sie auf. Spätestens wenn sie in einem Traum etwas Wunderbares erlebte, wachte sie zu ihrem Leidwesen meist auf. Oder wenn sie in einem Alptraum starb. Allerdings mochte sie dieses Risiko nicht eingehen, solange sie sich nicht sicher war, ob sie tatsächlich träumte.
Die Katze starrte zu ihr hoch, ihr Blick schien durchdringend und finster – aber wer konnte diesem putzigen lautlosen Maunzen widerstehen? Temi lächelte verliebt, als sie das Tierchen hochhob. „Danke dir!“, sagte sie. „Dafür, dass du die Schlange vertrieben hast.“ Sie gab ihm einen Kuss zwischen die Ohren und hob es dann etwas höher. „So, du bist also keine kleine Furie, sondern ein kleiner Strolch“, murmelte sie. Der Kater schnurrte ihr ins Gesicht und rieb sein Köpfchen an ihrer Stirn. „Ich nenne dich Thanatos!“, entschied Temi. Thanatos war der griechische Gott des Todes, Sohn der Nacht und Bruder von Nemesis. Das schwarze Fell und der böse Blick passten zu diesem Gott; er war ein Geschöpf der Nacht – wie die Träume, die ja auch meist nachts kamen. Zu schade, dass sie ihn nur erträumte. Sie würde ihn vermissen, wenn sie aufwachte. Aber sie würde ihn auf jeden Fall in einer Geschichte unterbringen.
Thanatos kuschelte sich in ihren Arm. Nemesis hätte wohl schon längst zappelnd das Weite gesucht. Aber vielleicht hatte das Kätzchen hier schon zu lange mit niemandem mehr geschmust.
Langsam schlenderte Temi durch das hohe Gras in die Richtung, in der sie eben den Schatten eines Pferdes gesehen hatte. Hoffentlich begegnete sie keiner Schlange mehr. Sie richtete den Blick fest auf die Erde, um jede verdächtige Bewegung rechtzeitig zu bemerken. Doch tatsächlich schien das Tier alleine gewesen zu sein. Vielleicht suchten auch alle Schlangen vor Thanatos das Weite, der zufrieden in ihren Armen schnurrte.
Die Sonne brannte in Temis Gesicht und sie kniff die Augen zusammen. Wo auch immer sie war, es war noch lange nicht Abend wie zu Hause in Trier. Ein paar Vögel zwitscherten und der Kater maunzte ab und zu, sonst war es still. Sie war allein.
Aber die Hügel lagen näher, als sie gedacht hatte. Zügig marschierte sie durch das Gras und nach einer Weile erreichte sie eine Anhöhe. Neugierig spähte sie über die Landschaft, die sich jetzt vor ihr ausbreitete – und hielt den Atem an. Nicht weit entfernt befand sich ein Feldlager mit großen grauweißen Zelten und einer Palisadenmauer. Flaggen flatterten um die Zelte herum im Wind. Es gab nur zwei Ein- bzw. Ausgänge. Menschen waren nicht zu sehen. War das Lager verlassen?
Temi duckte sich unwillkürlich hinter einem Busch. Sie wusste nichts über die Menschen, die hier lebten, über ihre Kultur, den Stamm, die Volksgruppe? Waren es Athener, Lakedaimonier, Korinther? Überhaupt Griechen? Aus der Entfernung konnte sie nicht erkennen, ob es auf den Flaggen irgendwelche Symbole gab. Und selbst wenn, würde ihr das nicht unbedingt helfen, das Volk zu identifizieren. Außer es war ein Lambda, das griechische L, das für die Lakedaimonier, also die Spartaner, stand. Aber auch dann wusste sie sicher nicht genug über die Epoche oder gar das Jahr, in dem sie sich gerade befand, um sich irgendwie zurechtzufinden.
Temi zögerte: Wenn sie sich dem Lager weiter näherte, würden die Bewohner sie entdecken. „Und wie soll ich mich verständigen?“, murmelte sie unentschlossen. Sie hatte zwar Altgriechisch gelernt, doch die verschiedenen Dialekte würde sie vermutlich nicht einmal erkennen, geschweige denn verstehen. Außerdem war es gerade einmal der Grundwortschatz einer bestimmten Epoche, den sie in den ersten beiden Semestern ihres Studiums gepaukt hatte – und das meiste davon hatte sie mittlerweile leider wieder vergessen. Und was, wenn es keine Griechen waren, die hier lebten, sondern Perser oder Keltiberer? Sollte sie es riskieren?
„Mir bleibt wohl nichts anderes übrig, wenn ich rausfinden will, wo ich bin, oder?“, fragte sie Thanatos um Rat. Der Kater blieb stumm.
Temi schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter. Nur Mut! Sie straffte ihre Schultern, als sie den Hang hinunter auf das Lager zuging.
Nach ein paar Schritten sprang Thanatos plötzlich von ihrem Arm und raste davon, als würde sein Leben davon abhängen. Dabei hatten Katzen doch bekanntlich sieben – und sie selbst nur eines. Sollte sie auch besser weglaufen??
Da war es wieder: das Donnern der Pferdehufe! Es kam nun auf sie zu, das spürte sie deutlich. Dann hörte sie sie. Rufe, die sie nicht verstand. Sie waren irgendwo hinter ihr. Temi fuhr herum, keinen Moment zu früh. Auf der Hügelkuppe tauchten Reiter auf. Nein, es waren keine Reiter.
Sie riss die Augen auf, ihr Herz hämmerte wie wild. Unmöglich! Es waren keine Menschen, die auf Pferden saßen. Es waren Pferdemenschen. Mischwesen. Kentauren! Mit offenem Mund starrte sie die Wesen an. Es mussten mindestens fünfzig sein, dennoch hatte sie sie gerade erst gehört. Sie waren so leichtfüßig und lautlos gelaufen, trotz ihrer mächtigen Hufen!
Es war, als ginge ein Traum in Erfüllung. Doch Temi ahnte, dass es keiner war. Sie starrte die Kentauren an, um den Anblick in ihrem Gedächtnis einzubrennen. Die Pferdemenschen rasten auf sie zu. Die massigen Pferdeleiber stampften mit ihren kräftigen Beinen auf den Boden. Eine perfekte Komposition aus Stärke und Kraft, Schnelligkeit und Wendigkeit, Größe und Behändigkeit. Temi schossen Tränen in die Augen, so beeindruckt und begeistert war sie. Aber da war noch ein anderes Gefühl: Angst.
Der Fürst und der Krieger
Die Kentauren im Zentrum der Gruppe verlangsamten ihr Tempo, die an den Seiten wurden schneller und bildeten so einen Halbkreis um sie herum, alles ohne Befehl. Alle wussten, was sie zu tun hatten; alles geschah schweigend, konzentriert und doch mühelos.
Jetzt konnte Temi es nicht mehr übersehen: Die Kentauren waren ihr ganz offensichtlich nicht freundlich gesinnt. Sie hatten ihre Schwerter gezogen, einige richteten Pfeile oder Lanzen auf sie. Ihre Gesichter erschienen ihr wie hasserfüllte Grimassen.
Nicht zum ersten Mal an diesem Tage setzte Temis Herz einen Schlag aus. Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt. Das Shirt klebte an ihrer Haut, sie zitterte und auf ihren Handflächen bildeten sich kleine Seen von Angstschweiß. Sie schloss für eine Sekunde die Augen; als sie sie wieder öffnete, hatten die Pferdemenschen den Kreis um sie geschlossen.
„Als ob das nötig wäre!“, dachte Temi bitter. Sie hätte zu Fuß ohnehin nicht entkommen können, vermutlich nicht mal zu Pferd. Jetzt konnte sie wirklich nur noch hoffen, dass das Ganze ein Traum war.
„Bist du hier, um uns auszuspionieren, Mensch?!“, blaffte einer der Männer sie an. Es war wohl eine rhetorische Frage, denn er ließ ihr gar keine Zeit, zu antworten. „Was sollst du rausfinden? Die Zahl unserer Krieger? Wo wir unsere Lager haben?“
Zu ihrem eigenen Erstaunen verstand Temi, was er sagte. Doch wie er „Mensch“ ausgesprochen hatte, so verächtlich und zornig, das verhieß nichts Gutes!
Trotzdem traf sein Schlag sie unerwartet. Er schmetterte seinen Handrücken in ihr Gesicht und die Wucht des Schlages ließ sie gegen den nächsten Pferdekörper zurücktaumeln. Sie schnappte nach Luft und sah einen Moment sogar Sternchen – doch ein fester Griff um ihren Nacken holte sie sofort wieder in die Gegenwart zurück. Der Kentaur hinter ihr packte sie unsanft am Hals. Seine Finger waren wie eine Schraubzwinge und sie fürchtete schon, dass er mit ihr kurzen Prozess machen und ihr das Genick brechen würde. Als das nicht geschah, wagte sie es, die Hand zu heben und sich die brennende Wange zu halten.
„Tharlon hat dich was gefragt!“, knurrte der Kentaur hinter ihr. „Antworte!“
„Ich ... ich will nicht spionieren!“, stammelte Temi. Sie ahnte, dass niemand ihr glauben würde.
Читать дальше