Ich stellte mir vor, wie die Ratte in der Falle saß und wie sie, ein Haufen verrottenden Fleisches, zu meinen Füßen lag. Weiter überlegte ich, wie ich diesem Satan ökonomisch und dennoch effektiv Schmerzen beibringen, wie ich ein Höchstmaß an Leid erzeugen konnte.
Denn eines war mir klar: Mit Ausnahme der technischen Unterstützung sexueller Aktivitäten zur Intensivierung von Empfindung und Erleben auf dem Weg zum Höhepunkt, als Geburtshilfe für das Göttliche im animalischen Akt sozusagen, hat in der Geschichte der Menschheit kaum eine Vorstellung die Phantasie der Menschen so sehr beflügelt wie das Evozieren größtmöglicher Schmerzen bei einem Artgenossen. So oft die Folter per Gesetz verboten wurde, so wenig wurde sie dadurch abgeschafft. Die Methoden wurden mit der Zeit immer subtiler, aber das eigentliche Ziel, die physische und psychische Zerstörung des Opfers durch Erniedrigung, Beschämung und Nihilierung alles Menschlichen, blieb davon unberührt. Zur Tür schickte man sie hinaus, zum Fenster kam sie wieder herein. Nur ungleich raffinierter als zuvor. Zu keiner Zeit hat die Vernunft der Maschinerie des Todes wirkungsvoll Einhalt gebieten können. Immerhin hat dies dazu geführt, dass wir das Wesen der Folter nun besser verstehen als je zuvor. Wissen, das mir nun zugutekam.
Von Schlägen, Verbrennungen oder Verstümmelungen an Gliedmaßen und den Zähnen über diverse Zwangshaltungen im Knien, Sitzen oder Stehen bis zu den Möglichkeiten der pharmakologischen Folter, des Schlafentzugs, der Wasserfolter und Scheinhinrichtung, stand eine Vielzahl an Optionen zur Verfügung. Einige waren zum Vollzug in meinem Ferienhaus ungeeignet, darunter das moderne und überaus wirksame Waterboarding, das ich, ganz auf mich allein gestellt, unmöglich durchführen konnte, oder die Schlafdeprivation, unter der ich, wie man sich unschwer vorstellen kann, im Zuge meiner Überwachungspflicht zweifelsohne selbst zugrunde gegangen wäre. Dennoch blieben viel zu viele Varianten übrig ...
Die Sekretärin im Landgericht erwies sich als treue Verbündete. Ich rief sie einmal die Woche an, um Verlässlichkeit zu signalisieren, immer am selben Wochentag. Gewöhnlich leitete ich das Gespräch mit Fragen zu ihrem Befinden und dessen Verhältnis zum aktuellen Wettergeschehen ein, was mir Wohlwollen einbrachte, und zwar derart, dass ich stets Auskunft über den aktuellen Stand des Hauptverfahrens erhielt. An der Informationsquelle fühlte ich mich also gut aufgestellt, aber eine andere Sache bereitete mir zunehmend Kopfzerbrechen, nämlich der Stillstand meiner Planskizze.
Der Entscheidungsbaum wuchs nicht mehr, er schien weder Triebe hervorzubringen noch Wurzeln zu schlagen und von Blütenzauber konnte schon gar keine Rede sein. Einige Kästen enthielten Fragezeichen, andere waren völlig leer geblieben, und angesichts der Unmenge von Querverbindungen zwischen verschiedenen Optionen sah ich mich außerstande, meine Ideen konsequent zu Ende zu denken. Nach einer Woche intensivster Denkarbeit war ich schlaflos und entsprechend schlapp und antriebsarm.
Meinen Geschäftskollegen blieb dies nicht verborgen, aber sie hatten ja keine Ahnung, glaubten an einen Rückfall in die Depression nach einer kurzen Phase erfolgreicher Verdrängung und hielten sich weiter dezent zurück. Meine Müdigkeit dauerte indes nicht lange an. An ihre Stelle trat ein nervöses, völlig unkontrollierbares Zittern der Hände, was auch nicht viel besser war.
Ich brauchte dringend eine Auszeit. Ein paar Tage in der Schweiz würden mir gut tun. Eine Bahnfahrt würde gut tun. Das sanfte Ruckeln der Waggons und die vorbeiziehende Welt, die das Auge zu einer endlosen Reihe sakkadischer Bewegungen zwingt, hatten mir in der Vergangenheit schon zu manch guter Idee verholfen. Ich setzte mich also in den Zug und stieg nach einer Stunde Fahrt in Zürich wieder aus, um dort den Anschlusszug ins Tessin zu nehmen. Es war Mittag und am Bahnsteig gab es ein großes Gedränge. Ich ließ mich bereitwillig in den etwas weniger bevölkerten Raucherbereich schieben und kam nicht weit von einem jungen Pärchen zum Stehen, das dem Augenschein nach eine Lustreise nach Italien unternehmen wollte. Albernheit ist bei jungen Leuten ja durchaus nichts Ungewöhnliches, doch hier war sie so auffällig, dass sie mir auch ohne das folgende Ereignis im Gedächtnis geblieben wäre. Ich hatte mich eben an einen Pfeiler gelehnt, als das Mädchen jäh zurückschnellte, das Gleichgewicht verlor, und mit einer brennenden Zigarette in der Hand auf mich zutaumelte. Mich durchzuckte ein höllischer Schmerz. Ich zog den Arm reflexhaft zurück und stieß das Mädchen dabei um. Der Junge eilte ihr zu Hilfe und murmelte etwas Unverständliches, das wie ein Vorwurf klang, aber eher Ausdruck des Entsetzens war. Angesichts der Brandwunde auf meinem Unterarm wandte ich mich fluchend von den beiden ab. Mittlerweile hatte mein Zug Einfahrt erhalten, ich stieg ein, kam aber nicht weit. Ein Zugbegleiter hielt es für das Beste, wenn ich mich umgehend in ärztliche Behandlung begäbe, zumal der anfangs auf die Wunde begrenzte Schmerz sich nunmehr anschickte, großflächig den Arm hinaufzuziehen. In Altdorf stieg ich aus und ließ mich ins Krankenhaus fahren. Noch am selben Abend trat ich die Heimreise an. Die Wunde schmerzte selbst unter der Wirkung starker Medikamente noch lange. Tagelang war an eine vernünftige Weiterarbeit an dem Entscheidungsbaum nicht zu denken. Ein erheblicher Rückschritt.
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