Aber viel stärker noch als die Sorge um das Ansehen meiner Person bewegte mich etwas anderes: Es war ein glühender Pfeil, der aus den Tiefen meiner Seele in mein Bewusstsein drang: Niemand, absolut niemand würde mich daran hindern, das begangene Unrecht zu sühnen, koste es, was es wolle.
Der Richter gab angesichts der außergewöhnlichen Tatumstände zwei psychiatrische Gutachten in Auftrag, die klären sollten, ob der Mörder schuldhaft im Sinne des Strafrechts gehandelt habe, infolge einer psychischen Erkrankung zum Tatzeitpunkt schuldunfähig war oder aber nur mit Einschränkungen die Schuld an dem Verbrechen zu tragen hätte, was dem deutschen Strafrecht zufolge bedeutete, dass er nicht zu einer herkömmlichen Gefängnisstrafe verurteilt werden konnte. Als Natalie, die als Erste davon erfuhr, mir dies erzählte, kaute ich gerade auf einem Stückchen Brot herum; es blieb mir prompt im Halse stecken. Es kommt nicht von ungefähr, dass ich zu ersticken glaubte, denn der Auslöser war gleichermaßen physiologischer wie psychologischer Natur. Wie konnten sie es wagen, die Schuld dieser Bestie auch nur ansatzweise infrage zu stellen? Wie kalt, wie menschenverachtend war das moderne Strafrecht geworden, dass es einen Sachverhalt, den jeder Seminarist hätte richtig einordnen können, auf solche Weise verdrehen und Lösungen vorhalten konnte, die den Tätern Absolution für abscheuliche Verbrechen versprach und die Opfer in Schande zurückließ.
„Aber wenn sie ihn in die Psychiatrie stecken, können sie ihn doch für immer dort behalten, und aus dem Knast kommt er irgendwann wieder raus, ist es nicht so?“
Natalies Stimme drang zu mir wie aus einer anderen Welt, „… kommt er wieder raus, kommt er wieder raus, kommt er wieder raus.“
„Der wird niemals wieder rauskommen, niemals, niemals, niemals!“, brüllte ich, völlig von Sinnen. „Ich sorge dafür, dass er die Sonne nicht mehr sieht, dieser Bastard, verrecken soll er, das Vieh!“
Natalie starrte mich erschrocken an. Der Sturm war ohne Vorwarnung über sie hereingebrochen. Sie schlug die Hände vors Gesicht, brach in Tränen aus, und ich sah, wie der Schmerz an ihr rüttelte. Sie weinte lange und anhaltend, aber ich konnte ihr nicht helfen, zu sehr war ich in der wilden Erregung gefangen. Die folgende Nacht war die letzte, in der Natalie mit mir unter einem Dach verbrachte. Am nächsten Morgen fand ich auf dem Esstisch eine Notiz vor:
„Lieber Martin, ich bewundere die Zärtlichkeit und Hingabe, mit der Du Carolina und mich über all die Jahre geliebt hast, und ich bin Dir so dankbar dafür. Wir sind die Geschöpfe Deiner Liebe, so wie Du das Geschöpf der unseren bist. Aber nun ist etwas Furchtbares passiert.
Carolina ist tot und Du hast uns beide verlassen. Ich spüre Dich nicht mehr. Wenn ich Dich ansehe, dann sehe ich einen Ertrinkenden in einem Strudel aus Wut und Zorn und Hass, ich sehe einen Verirrten in einem endlosen Labyrinth ohne Licht und ohne Hoffnung.
Ich hasse den Mörder unserer Tochter zutiefst, diesen furchtbaren und bösen Mann, und es fällt mir unendlich schwer, einen Menschen in ihm zu sehen, so sehr verfluche und hasse ich ihn.
Und doch will ich den Glauben an das Licht am Ende des Tunnels nicht aufgeben. Ich sehne mich nach einer Insel in diesem Ozean aus Wut und Verzweiflung und Ohnmacht, aber ich komme nicht an, Dein Hass zieht mich in die Tiefe, ich ertrinke! Ich wäre den Weg gerne mit Dir gemeinsam gegangen, doch es fehlt mir die Kraft, die Wut in Dir zu besänftigen. Ich suche nach einem Ort, an dem ich Mut schöpfen, an dem ich endlich trauern kann. Ich brauche Zeit für diese Trauer, aber Du zerstörst meine Hoffnung auf einen guten Abschied von unserer Tochter, einen Abschied, an dem mein Lebenswillen hängt.
Ich habe mich zur Behandlung in einer psychosomatischen Klinik angemeldet; morgen fahre ich zu meiner Mutter, dann in die Klinik. Ich kann Dir nicht sagen wo. Bitte frag nicht nach.“
Natalie
Ich legte den Brief zur Seite und sah durchs offene Fenster. Ein Sperling saß auf einer Baumkrone und zwitscherte. Sein Gesang klang merkwürdig dumpf. Was er mir wohl sagen wollte mit seinem Lied? Rief er nach seiner Partnerin, der vielleicht ersten in seinem Leben? War sie ihm über den Winter abhandengekommen? Hatte einen Unfall gehabt, war von der Katze gefressen worden? Noch war es kein Klagelied, das er da sang, aber gewiss würde daraus noch eins werden, wenn die Natur erst ihre harten Wahrheiten offenbarte. Ich verriegelte das Fenster. Der Sperling war weggeflogen, in meinem Kopf aber sang er munter weiter; zwitscher, piep, zwitscher, piep, piiiieeep, pieeep. Der Gesang nahm Tempo auf, wurde lauter und immer lauter, ein endloses Kreischen wie von Eisen auf Metall.
Ich hielt mir die Ohren zu und summte laut dagegen an, in ungeordneter Lautfolge erst, ohne Takt und Melodie gegen das Brüllen im Kopf, und dann fiel mir „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ ein und ich schrie es aus voller Brust, wieder und wieder schrie ich: „Gib sie wieder her, gib sie wieder her, gib sie wieder her!“
Für Menschen, die ein Verbrechen begangen haben, das ihnen aufgrund einer psychischen Erkrankung nicht zurechenbar ist, behält sich das deutsche Strafrecht die Maßregeln der Besserung und Sicherung vor. Die Krankheit soll in einem geschlossenen psychiatrischen Krankenhaus behandelt werden, bis der Betreffende geheilt und für die Allgemeinheit nicht mehr gefährlich ist. Wer während oder nach einer Behandlung weiterhin als gefährlich gilt, hat keine Chance auf Entlassung. Dies war also die Alternative zur „lebenslänglichen“ Freiheitsstrafe eines Mörders, die, wie jedermann weiß, in Deutschland nur ganz selten ein Leben lang dauert. Doch welche Option war vom Gesichtspunkt der Strafhärte her zu bevorzugen? Welcher Rechtszug ließ meinen lenkenden Eingriff zu? Es war offensichtlich, dass mein Wunsch nach Vergeltung nicht mit deutschem Recht in Einklang zu bringen war. Also dachte ich frei über die Alternativen nach.
Ich entschloss mich, noch einmal mit dem zuständigen Gericht Kontakt aufzunehmen, nahm jedoch Abstand davon, dies telefonisch zu tun. Blickkontakt schafft menschliche Nähe, wogegen selbst geschulte Paragrafenreiter nicht ankommen. Hinzu kommt, dass eine Stimme am Telefon nicht im selben Maße der Manipulation fähig ist wie Gestik und Mimik. Wer darüber hinaus in der Lage ist, die geistige Verfassung seines Gegenübers zu lesen, hat gute Chancen, sein Ziel zu erreichen.
Ich ging also zum Konstanzer Landgericht. Den Umweg über das Sekretariat nahm ich gerne in Kauf, in den Vorzimmern der Mächtigen werden Weichen gestellt. Auf den durchaus ernst gemeinten Wunsch hin, ein persönliches Gespräch mit dem Richter zu führen, bot man mir zunächst einen Termin für die folgende Woche an. Als ich mich aber als der Vater des Mädchens zu erkennen gab, das auf so furchtbare Weise ums Leben gekommen war, ersuchte man mich, im Foyer zu warten. Ich bat darum, im Sekretariat sitzen bleiben zu dürfen, da es mir infolge des Schicksalsschlags schwerfalle, allein zu bleiben. Die Sekretärin rutschte etwas verlegen auf ihrem Stuhl herum, rückte ihre Bluse zurecht und warf die Haare aus dem Gesicht:
„Ich verstehe.“ Mit einer Handbewegung wies sie mir den Stuhl hinter der Türe zu. „Bitte warten Sie dort.“
Kurz darauf waren wir im Gespräch. Es ging um nichts Wesentliches, doch die Dauer meiner Anwesenheit in diesem Raum sollte mir noch sehr zugutekommen.
Der Richter traf an diesem Nachmittag ungewöhnlich spät ein. Über meine Anwesenheit im Sekretariat war er, dem skeptischen Blick nach zu urteilen, mit dem er seinen Mantel ablegte, nicht sehr erfreut. Dennoch wurde ich vorgelassen. Er wies mir einen Platz an seinem Schreibtisch zu, der aus Edelholz gefertigt und frisch poliert war. Ohne Zweifel handelte es sich um einen Mann, der eine gepflegte Ausdrucksweise seines Gegenübers zu schätzen wissen würde.
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