1 ...7 8 9 11 12 13 ...19 Eineinhalb Stunden später geht Max leicht wankend und gut gelaunt die Müllerstraße entlang bis zum Leopoldplatz, sieht sich nach einem Taxi um, findet eins am Rathaus, steigt ein und sagt: „Zur Mauer, bitte.“ – Der Taxifahrer schaltet den Motor wieder aus, sagt: „Wat wollnse?“ – „Zur Mauer.“ – „Berlina?“ – „Ja.“ – „Welche Ecke?“ – „Egal.“ – „Egal is lang … Geht mir ja nüscht an, wollnse rübermachen? Da würd ich die Tür nehmen.“ – „Ich will nur zur Mauer.“ – „Ach so, warum sagense dat nicht gleich. Ick hab da ‘ne feine Adresse. Bülowstraße. Romina Mauer, weich wie Butter, sagtse immer.“ – „Ich meine die harte. Gemauert.“ – „Geht mir ja wirklich nüscht an, aba wat wollnse da?“ – „Nur hin.“ – „Vorkasse?“ – „Ja.“ – „Passense uff, ick fahrse da hin, wo’s hell is, damitse mir nicht eins über de Rübe haun, verstehnse mich richtich, ick meens nich persönlich, hab aba nur eene Rübe, wa.“
Max lässt sich Richtung Brandenburger Tor chauffieren, während der Taxifahrer sichtlich nervös wird. „Ick weeß, von de Spionage sindse.“ – „Ich möchte ein Stück weiter südlich aussteigen, nicht gerade hier, wo sie prominent ist.“ – „Sindse Schauspieler wejen de Filmfest oder wat?“ – Max antwortet nicht. Kurz darauf sagt er: „Halten Sie an und warten Sie, ich bin gleich zurück, hier zehn Mark.“ – „Prominent hat der jesagt und meent det Scheißding.“
Max steigt aus, trägt seine Aktentasche, läuft an einer Ruine vorbei, tritt in Hundescheiße, säubert den Schuh in einer Pfütze, stapft durch ein Stück schwarze Brache, erkennt die obere Kante der Mauer dadurch, dass ein wenig trübes Licht von Ost-Berlin herüberquillt. Weiter hinten der beleuchtete Stumpf des neuen Fernsehturmes. Max holt aus seiner Tasche Hammer, Meißel und Taschenlampe, schaltet die Lampe ein und klemmt sie in eine Astgabel, so dass sie ihren Lichtkegel gegen das Bauwerk wirft. Im funzeligen Scheinwerferlicht schlägt er ein Stück der Berliner Mauer ab. Dabei kommt es ihm so vor, als setze er heute, Samstag, den 21. Januar 1967, im unwirklichen Zentrum der Stadt, Europas, eine Kettenreaktion in Gang, ein Schießen und Zurückschießen und Hinbomben und Zurückbomben bis zum großen, alles vernichtenden Knall.
„Und? Habense, watse wolln?“ – „Ja.“ – „Es geht mir ja nüscht an, aber wat habense denn?“ – „Ich habe ein Stück abgeschlagen.“ – „Wat? Sie habense kleener jemacht? Det bringt natürlich wat. Nu könn wa alle rüberloofen.“ – „Nee, die von drüben.“ – „Det gloobnse mal. Die haben det Ding im Kopp und sehn et noch, auch wenn et nich mehr da is.“ – „Glaube ich nicht. Man öffnet das kleinste Loch und die tun alles, um durchzuschlüpfen.“ – „Zeigense mal her, den Splitta … sieht aus wie nüscht, is nüscht un is doch wat. Wissense, manchmal denk ick bei mir, entweder ick habse nich mehr alle – oder die. Det beede nich spinn, will mir nich in den Kopp, oda?“
Spät am Abend, als Max in der Onkel-Tom ankommt, ist im Büro-Eingang von Haus A noch Licht. Er tritt ein, von nebenan schallt ihm ein Stimmengewirr und Lachen und Paint It Black der Stones entgegen. Die Tür zum Aufenthaltsraum geht auf, Mary torkelt heraus, wirft sich Max um den Hals, ruft: „Heut ist Ella-aus-Pennsylvania-Tag!“ Im Aufenthaltsraum tanzen sie auf den Tischen: Kim, Liz, Carry, Ella und ihre Männer in Uniform. Als Nick Petersen Max entdeckt, zieht er die Nadel von der Platte, ruft: „Ach-tung! Aug-en zur Tür! Der Präsident von Onkel-Tom ist angekomm!“ Max winkt ihnen zu, schnappt sich eine der vielen Flaschen, die auf dem Beistelltisch stehen, schraubt sie auf, verlässt den Raum, nimmt einen Schluck Whiskey, schließt die Bürotür auf, entdeckt neben dem Stiftekasten einen Wohnungschlüssel mit Anhänger – J. Lamprecht – und einen Zettel mit der Notiz:
Umzug gegluckt. Eierkohlen in west. Bis morgen old friend. Geh jetzt in kino, alter film, Cleopatra, bye Frank.
***
„Cleopatra!“, sagte Max am Ende seines ersten Lehrjahres und drückte die zwei jahre ältere Mathilde gegen die leeren Einweckgläser des Kellerregals. Mathilde wedelte mit ihrem Pferdeschwanz über Max‘ Gesicht und antwortete: „Haben wir nicht im Sortiment.“ – „Aber ich!“, rief Max aus, hielt dem Mädchen zwei Kinokarten vor die Nase und sagte: „Jetzt! Oder ich frag Gabi-Jutta-Gertrude-Agnes-und-die-Westverwandtschaft.“ – „Spinner.“ – „Du hast nur eine Chance.“ – „Vielleicht will ich sie gar nicht.“ – „Halbe.“ – „Quatschkopf.“ – „Viertel. Langsam riechen wir den phänomenalen Äther, fünftel.“ – „Und wenn ich keine Zeit habe?“ – „Ach, dein Ami wartet.“ – „Berufsschulpflichten, will ja nicht blöd enden.“ – „Geh mit mir, Baby, an meiner Seite hast du Einstein gepachtet.“ – „Ja, ja, der Max, im Sommer noch so schüchtern, jetzt ‘ne Knallbirne.“ – „Besser als Langweilergartenschlauch.“ – „Ein ganz klein wenig rot wirste jetzt doch, mein Little.“ – „Alles Aufregung, Baby, du und ich und Kleopatra, acht Uhr, Titania?“ – „Um sechse ist Feierabend!“ – „Reicht ja.“
Der Juniorchef, Anzug, Krawatte, fragte Max wenige Minuten vor Ladenschluss, ob er, wie vom Chef beauftragt, die Weihnachtsbaumkerzenhalter sortiert und gezählt hatte. „Habe ich.“ – „Ergebnis?“ – „Schwierig.“ – „Was ist daran schwierig?“ – „Sind mehr als hundert, da wird mir zum Feierabend immer schwindelig.“ – „Du, wir hatten mal einen, dem wurde bei tausend schwindelig, den haben wir ganz schnell an die frische Luft gesetzt, aber bei hundert bin ich ratlos. Gib mir einen Tipp, was machen wir mit einem wie dir?“ – „Vor die Tür setzen, dann komme ich noch rechtzeitig ins Kino.“ – „Ich könnte dir einen Tritt geben, dann schaffst du’s auf jeden Fall.“ – „Dann fliege ich bis Moskau und die Scheren müssen sich selber schleifen.“ – „Was für Scheren?“ – „Auftragsbuch! Fängt mit A an und wenn’s knapp Weihnachten ist, mit groß A …“ In diesem Augenblick kam Mathilde aus dem Hinterzimmer herein und vom Ladenraum war eine Kuckucksuhr zu hören. „Ah, das Fräulein Mat … hilde“, sagte der Junior, als wollte er sagen: Schon im Mantel? – „Frau!“, antwortete Max. Der Junior stutzte, Max sagte: „Frau … Weidendorf!“ – Das Mädchen lief augenblicklich rot an, stützte sich sprachlos am Schrank ab. „Sie haben …“, sagte der Junior … „Wir haben“, antwortete Max, nahm seine „Frau“ an die Hand, griff nach seiner Jacke, die über dem Stuhl hing, und schob Mathilde zur Ladentür hinaus.
„Spinnst du? Das gibt’s nicht! Was soll der denken … Außerdem geht das gar nicht … Ohne mich zu fragen! Max, du … du hast ja so einen Knall und ich mach das einfach mit! In den Arsch treten sollte man dir und dich wegjagen!“ – „Dann bist du mit deinem Problem allein. Besser, wir lösen es gemeinsam, die Bahn kommt um zehn nach.“ Mathilde ging kopfschüttelnd ein Stück, lief zurück: „Ich sage dem jetzt, dass unser Little …“ und lief dann doch dem jungen Mann hinterher, der unbeirrt zum S-Bahnhof Lichterfelde West schritt.
Mathilde schimpfte, Passanten schauten her, der Zug stampfte und pfiff in den Bahnhof hinein, jemand rief von weitem: „Ami-Liebchen! Haste jetzt nen Russen?“ – „Zwei!“, rief Mathilde zurück, war abgelenkt, dachte irgendwas. „Wer war denn das?“, fragte Max. – „Hat dich nicht zu interessieren.“ Sie stiegen ein, Max nahm sofort Platz, Mathilde blieb an der Tür stehen. „Hier ist noch frei!“, rief er. „Das könnte dir so passen!“, antwortete sie und wieder sah jeder her. Botanischer Garten, Bahnhof Schlossstraße, Geruch nach Eierkuchen und nassen Holzbalken, Fachwerk, eine Katze auf dem Sims, Treppe runter, Max rauchte im Dunkeln, Mathilde schimpfte, links eine Ruine, gegenüber zwei, Nässe und spiegelnde Pfützen. Als sie endlich am Kino angekommen waren, wo halb Steglitz zu warten schien, fiel sie ihm um den Hals und weinte. „Warum musst du immer so respektlos sein?“
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