Max verlässt die Wohnung in seinem Mantel ohne ein weiteres Wort, bleibt auf dem Treppenabsatz stehen, da geht die gegenüberliegende Tür auf, Licht schlägt ihm entgegen, während ihn das milde Lächeln einer alten Frau streichelt. „Gut, dass Sie kommen, das Licht ist kaputt.“ – „Das ist mir auch aufgefallen, ich wäre fast gestürzt, man müsste sich beschweren!“ – „Sind Sie also nicht … wäre ja auch komisch, die kriegt man nie um diese Zeit.“ – „Dann wünsche ich Ihnen einen schönen Abend!“ – „Ja, heute kommt im Westradio … aber ach, das darf ich Ihnen gar nicht …“ – „Psst! Ich verrate nichts. Und soll ich Ihnen was sagen: Ich höre auch gerne SFB.“ Bei diesem Wort schlägt hinter seinem Rücken die Tür zu. Max spürt eine Hand, die sich leicht auf seine Schulter legt, und er weiß nun, dass er gewonnen hat. „Guten Abend, Frau Beringhofen“, sagt Julia zur alten Frau und geht mit Max die Treppen runter zur Eingangstür.
Draußen auf der Straße wartet Frank, startet sofort den Motor, als er sieht, dass Max und Julia das Haus verlassen. „Ich wäre beinah ohne dich gefahren“, sagt Frank auf Englisch. – „Wärst du nicht. Darf ich vorstellen: Julia.“ – „Hallo, Fraulein!“ – „Hallo.“ – „Leg dich hinten hin, ich deck dich zu“, sagt Max, wirft seinen Mantel auf die Rückbank, lässt Julia einsteigen, legt die Plane über sie. Dann steigt auch er ein und Frank braust los. „Rühr dich nicht. Wir brauchen zehn Minuten bis Checkpoint Charlie. Ich sag dir kurz vorher Bescheid. Alles gut?“, fragt Max. – „Alles gut, danke.“
Die Einreise nach West-Berlin verläuft wie die Ausreise, nur umgekehrt. Allerdings plagt Max die Vorstellung, dass Julia die Nerven verlieren und zwischen den Sperren um Hilfe oder sonst was rufen könnte, nicht weil sie sich in einer gefährlichen Situation befindet, sondern weil sie eine irrationale Panik packt. Doch Julia bleibt still und regungslos, als hätte sie die Aktion wochenlang geübt. Frank steuert den Jeep vom Checkpoint Charlie zur Ruine des Anhalter Fernbahnhofs, parkt an der Seite, auch hier sind Büsche, das Gebäude ist genauso schwarz wie der Dom im Ostteil der Stadt, auch hier ist die Gegend trostlos und kein Mensch zu sehen. „Moment“, sagt Frank, steigt aus, geht nur ein paar Schritte und jetzt ist er derjenige, der pinkelt. Max dreht sich nach hinten, berührt leicht die Plane und sagt: „Du kannst dich setzen, wir sind da.“ – „West-Berlin?“, fragt Julia, erhebt sich, starrt nach draußen, sagt: „Glaub ich nicht.“ – „Entweder man lacht jetzt oder man weint oder man glaubt’s nicht. Alles geht“, sagt Max. „Ich jedenfalls brauch nen Schnaps.“ Frank kommt zurück, steigt ein. „Wie gut, das Fraulein lebt noch“, sagt er auf Englisch, startet den Motor und braust ab. Max setzt seinen Helm auf. „Du auch, da muss noch einer liegen“, sagt Frank zum Fraulein, und Max übersetzt: „Er meint, da liegt noch so ‘ne Schüssel rum. Setz sie auf, schieb die Haare drunter, duck dich ein bisschen, dann kannste sitzen bleiben.“
Dieselbe Strecke zurück. Auf dem Ku’damm im Schneckentempo, denn hier wird demonstriert: APO gegen Vietnamkrieg. „Die mögen uns nicht“, sagt Frank. „Warum gehen die abends rum? Da sieht man sie kaum“, sagt Max. „Dann findet man sie auch nicht so leicht, wenn man sie jagt“, antwortet Frank. Julia reißt die Augen auf, denn das ist nun der Beweis: West-Berlin! Wie es hier glitzert und glänzt! Als wäre der Boulevard ein endloses, mit unzähligen Überraschungen gefülltes Schaufenster. „Berlin ist mir lieber als Vietnam“, sagt Frank. „Hier kämpfen wir mit nichts, dort mit Bomben. Ich mag keine Bomben, und das sag bloß nicht weiter, sonst schießt man den guten Frank direkt nach Da Nang!“ – „Mir fällt grad ein“, antwortet Max, „ich brauche Zigaretten. Fünfzig Stangen. Whiskey, dreißig Flaschen. Drei Kisten Popcorn. Ich mach dir nen Zettel.“ – „Was schlägst du eigentlich drauf, ungefähr, ich sag‘s nicht weiter.“ – „Ich verkaufe eure Ami-Ware aus lauter Menschlichkeit eins zu eins, solltest mich besser kennen.“ – „Ja natürlich.“ – „Letztens hat man mir übrigens gesagt, ich leiste meinen Beitrag dafür, dass den Leuten amerikanische Kultur nahegebracht wird, das ist doch eine wunderbare Aufgabe. Jeans noch, zehn in jeder Größe.“ – „Morgen früh?“ – „Schlaf dich aus und dann. Vergiss Kaugummi nicht, so viel du kriegen kannst. Flaggen auch. Den kalifornischen Rosé vom letzten Mal, den auch. Champagner wäre gut. Ich muss mal mit den Franzosen reden. Habt Ihr eigentlich kalifornischen Champus, nee, geht ja gar nicht. Bier nicht, da ich schlepp mich tot und verdiene nichts. Fahr links in die Bleibtreu, dann über die Lietzenburger, Julia, geht’s dir gut?“
Am nächsten Mittag ist die Bürotür geschlossen, normalerweise steht sie um diese Zeit einen Spalt auf. Max ist am Schreibtisch eingenickt. Da klopft jemand, Max hört es nicht, doch als das Telefon klingelt, schrickt er auf, nimmt den Hörer ab, während der Besuch draußen wartet. „Semnet Hausverwaltung, Weidendorf, guten Tag … natürlich … ich liefere heute gegen 19 Uhr … Seestraße 114 wie beim letzten Mal. Sie können sich drauf verlassen … Danke, Ihnen auch.“ Da klopft es wieder, Max erhebt sich, streckt sich, ruft „Herein!“, und als Lutz und Julia vor ihm stehen, sagt er: „Ach, die Turteltäubchen! Hattet ihr einen schönen Vormittag? Vom Rest reden wir nicht.“ – „Wir müssen dich mal kurz sprechen“, sagt Lutz. „Wir haben uns noch gar nicht bedankt“, sagt Julia, und Max antwortet: „Wir sind quitt. Wegen der Scheiße, meine ich. Hast lange dran gesessen, Lutz, fast drin.“ – „Max, Julia will hierbleiben.“ – „Ich habe nicht vor, sie mit Gewalt zurückzubringen, es sei denn, ihr seid scharf auf eine nette Entführung und du zahlst mir … den Preis würde ich mir noch ausdenken.“ – „Danke, Max“, sagt Julia, „du bist meinetwegen ein hohes Risiko eingegangen, wie kann ich das wieder gutmachen?“ – „Indem du bei der Rückfahrt so brav bist wie bei der Herfahrt … Aber nee, habe ich das richtig verstanden, du willst wirklich nicht mehr rüber?“ – „Auf keinen Fall.“ – „Dann bleibst du eben hier. Such dir einen Job, im Westen wirste glücklich, sieh dir Lutz an.“ – „Ich habe meinen Kram noch drüben, Max, nichts Wertvolles, aber Erinnerungen.“ – „Könnte ich holen. Nicht allein, natürlich. Mach mir ‘ne Liste und wenn deine Waschmaschine draufsteht, werde ich ungemütlich.“ – „Ich hab gar keine.“ – „Was willst du für den Transport haben?“, fragt Lutz – „Wenn es zwei, drei Koffer sind: Zweitausend Mark. Das meiste davon kriegen die Amis. Bleiben fünf Mark für mich und meine Nerven.“ – „Können wir ‘ne Ratenzahlung vereinbaren?“ – „Ich hol das Zeug ja auch nicht in Raten! Aber gut. Fünfhundert pro Monat.“ – „Abgemacht!“, antwortet Lutz. Julia aber umarmt Max über den Tisch hinweg und küsst ihn auf die Wange.
***
Max liegt das Kaufmännische, und er ist ja auch Kaufmann von Beruf. Seine Lehre absolvierte er in dem Berlin-Lichterfelder Geschäft, in dem sein Vater als Verkäufer tätig war und es immer noch ist, bei Eisenwaren Gutberg, während Bruder Manni im Heizkraftwerk Reuter den Beruf des Schlossers erlernte. Es war schwierig für den sechzehnjährigen Max, nicht nur den Chef und den Sohn des Chefs und die Hauptverkäuferin Pleschke und Fräulein Mathilde, die unter anderem für die Schaufensterdekoration zuständig war, den Metaller-Ernst und den Lagerfritzen Gustav als Vorgesetzte zu haben, sondern auch noch den eigenen Vater. Max hatte denn auch an jedem etwas auszusetzen, am Vater am meisten, weil Max ihm nichts recht machen konnte, an Fräulein Mathilde am wenigsten, weil er ihr alles recht machen wollte.
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