Er befand sich in seinem Lieblingsgebiet, dem Himalaya, und hatte mal wieder einige Gipfel stürmen wollen. Auf seine Art. Das heißt allein.
Doch bei seinem letzten Anstieg war ihm, dem Erfahrenen, ein Fehler unterlaufen. Es begann damit, dass er sich mit zuwenig Trinkwasser versorgt hatte, was ihn schließlich dazu zwang, seine Rückkehr bei Dunkelheit anzutreten. Der Abstieg gelang auch ganz gut – trotz seiner Erschöpfung – doch war das Glück scheinbar bald aufgebraucht. Er rutschte aus und verstauchte sich seinen linken Knöchel. In der Erkenntnis, dass er den beabsichtigten Weg so auf keinen Fall bewältigen konnte, verließ er sich auf die Karte und wählte einen ihm unbekannten Weg. Doch dieser barg eine Gefahr.
Was er vorher nicht gewusst hatte. Und was auch der Kartenverfasser nicht gewusst hatte. Damals. Doch Max Schneeberg wusste es jetzt.
Unter ihm gähnte ein Abgrund, von links oben kam er, und nach rechts unten wollte er dem Weg folgen. Doch direkt über ihm lag in einer Felsennische ein Nest. Ein Adlernest. Und die mehr als aufgebrachte Mutter der Jungen schien wild entschlossen, den Eindringling und Störenfried von seinem Weg abzubringen. Für immer.
Sie hatte bereits einige Scheinangriffe geflogen, doch war sie bisher immer Zentimeter vor ihm abgedreht. Allerdings konnte das nicht ewig so weitergehen. Max kniete längst und stützte sich auf seinen Rucksack. »Wenn mich jetzt jemand sehen könnte!«, seufzte er.
Da flog der Adler wieder auf ihn zu. Diesmal schien das Tier nicht abdrehen zu wollen. Instinktiv riss Max die Arme schützend vor sein Gesicht.
Doch der erwartete Schlag, verbunden mit einem brennenden Schmerz und wahrscheinlich recht verhängnisvollen Folgen blieb aus. Erstaunt blickte er hoch.
Wenige Meter von ihm entfernt stand eine Frau. Sie hielt den Vogel auf ihrem Arm. Dieser hatte jede Aggressivität verloren. Er betrachtete die Frau genauer. Sie trug die typische Kleidung der Einheimischen, von ihrer Gestalt war kaum etwas zu erkennen. Ihr Kopf war bedeckt von einer Kapuze; nur ihr Gesicht konnte er erkennen. Sie hatte dunkle Haare, dunkle Augen, nein, blaue Augen. Und sie lächelte ihn an.
*
Der NSA-Direktor saß in einem Büro im Weißen Haus. Allein. Er wollte ungestört sein. »Ich verstehe es nicht. Das ist nicht der ursprüngliche Plan. Oder er hat mir nichts davon erzählt. Wie auch immer, ich bin der Chef von über hunderttausend Menschen und verfüge über ein Budget, über das mancher Staat in Lateinamerika nicht verfügt. Irgendeiner von meinen Mitarbeitern wird doch wohl mit Hilfe der Computer in der Lage sein, den Standort des Präsidenten ermitteln zu können!«
Smythe wurde noch übellauniger, und schließlich rief er seinen Stellvertreter an, der die Abteilungsleiter und einige andere höhere Mitarbeiter zu sich kommen lassen und ihnen einschärfen sollte, mit allen Mitteln Ergebnisse zu liefern!
*
Der UNO-Generalsekretär und sein Assisstent saßen schweigend in ihren Sesseln. Obatala hatte seine Erzählung über die Geschichte und Entwicklung der Menschheit noch nicht abgeschlossen, doch sie beide waren schon von dem bisher Gehörten schier überwältigt.
Sie erhielten in etwa die gleiche Art von Unterricht, der den Präsidenten der USA, Russlands und China zuteil wurde, und auch sie taten sich zunächst recht schwer.
Obatala bemerkte ihre Gemütsbewegungen sehr wohl, aber er setzte seine Erklärungen ohne lange zu zögern fort: »In eurer Welt gibt es fünf Wurzelrassen, was eine Analogie zu euren fünf physischen Sinnen bildet. Wie ihr sicherlich auch schon selbst erkannt habt, gibt es eine weiße, eine schwarze, eine rote, eine gelbe und eine braune Rasse, die in weit zurückliegenden Zeiten in unterschiedlichen Gebieten beheimatet waren. Die braune Rasse wird vielfach mit der roten oder gelben gleichgesetzt, und das ist auf Grund der zahlreichen Umwälzungen auch nicht weiter verwunderlich, denn es kam im Laufe der Evolution zu erheblichen...«
»Und wo waren diese Rassen beheimatet?«, unterbrach ihn Lee. »Die Schwarze in Afrika, vermute ich!«
Erinle nickte. »Man kann den Rassen nicht die heutigen Kontinente zuordnen, da sich seit deren Auftreten eine Menge verändert hat. Aber grob stimmt es. Die Weiße Rasse war in Südosteuropa und dem Nahen Osten beheimatet, die Gelbe in Asien, vorrangig im Gebiet der heutigen Wüste Gobi, die Rote bewohnte Nordamerika und den untergegangenen Kontinent Atlantis, und die Braune besaß Teile von Südamerika und einen vor langer Zeit untergegangenen Kontinent im Pazifik.«
Lee lehnte sich in seinen Sessel zurück und holte tief Luft.
Jacksons Blick irrte zwischen ihm und ihren Gastgebern hin und her. Er blieb jedoch stumm.
Stattdessen ergriff nun Obatala wieder das Wort: »Und jetzt wird auch klar, dass sich die Menschen durch diese verschiedenen Heimatländer in Bezug auf die Hautfarbe unterschiedlich entwickelt haben. Denn sie passten sich im Laufe der Zeit natürlich an die herrschenden Klimaverhältnisse an!«
Lee nickte verstehend: »Dann sind wir im Grunde genommen tatsächlich alle Brüder, unabhängig von Hautfarbe und sonstigen Merkmalen.«
»So ist es«, bekräftigte Obatala, »nur leider gewinnen nicht alle diese Erkenntnis so problemlos wie Sie! Selbst die eigentlich weiter entwickelten Völker anderer Kulturen o-der Sternensysteme nicht.«
»Das ist aber sehr schade«, äußerte sich Mister Jackson.
»Ja, das ist es«, sah Obatala ihn mit ernster Miene an, »das ist es in der Tat.«
*
Die Situation im Weißen Haus hatte sich derweilen noch weiter verschärft. Umfangreiche – inoffizielle – Suchaktionen hatten keine verwertbaren Spuren zum Verschwinden des Präsidenten ergeben. Zusätzlich hatte inzwischen längst die Nachricht die Runde gemacht, dass der UN-Generalsekretär ebenfalls verschwunden – entführt – war.
Es klopfte, und nach Aufforderung trat ein Captain in das Besprechungszimmer. Michael Robertson sah ihn fragend an.
»Sir, das Untersuchungsergebnis ist eingetroffen.«
»Danke. Und?«, fragte Robertson.
»Keine außergewöhnlichen Werte, Sir. Bei keinem der Wachleute.«
Ungläubig starrten die Anwesenden den Captain an.
»Das verstehe ich nicht. Da haben wir die Bestausgebildetsten ihres Fachs, und die lassen sich ohne Grund und Sorge übertölpeln!«
Die Äußerung wurde lautstark kommentiert. »Unglaublich!«, war dabei das Wort, das am häufigsten geäußert wurde.
»Haben die Ärzte das auch gewissenhaft untersucht?«, hakte der Stabschef nach.
»Ja, Sir, alle Testreihen sind zweimal wiederholt worden.«
Kopfschütteln.
»Und es gibt noch ein zweites Ergebnis, Sir.«
»Nämlich?«
Der Captain nickte in Richtung der Finanzministerin. »Madam Secretary hat den Auftrag gegeben, die Herkunft des Goldes zu klären. Zum einen das von der Eisverkäuferin, zum anderen das des Taxifahrers. So sollte es unter Umständen möglich sein, die Spur zurück zu verfolgen.«
Madeleine Carter nickte bestätigend und sah den Captain noch gespannter an.
Doch dieser schüttelte fast resignierend den Kopf. »Beide Stücke stammen nach fachkundiger Untersuchung unserer Experten nicht aus den USA, sondern aus Australien.«
»Australien?«
»Wieso das?«
»Wie kommt das hierher?«
»Das gibt es nicht!«
»Wie soll das bitte möglich sein?«
Die Anwesenden, die für kurze Zeit still gewesen waren, um den Bericht zu hören, machten da weiter, wo sie aufgehört hatten.
Doch Robertson machte dem schnell ein Ende. Er sah dem Captain an, dass die Geschichte noch nicht zu Ende war und er weiter berichten wollte. »Ruhe bitte! Captain?«
»Wir wissen es nicht, Sir. Es ist nicht auf den üblichen Handelswegen eingeführt und registriert worden.«
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