Nachdem ihn seine beiden Freunde nach einem langen Abend und einer kurzen Nacht am nächsten Morgen verlassen hatten, hatte Binno sein Problem mit dem Wasser vergessen. Viel größere Probleme hatten sich in den Vordergrund geschoben, Aufgaben, die ihn die nächsten Monate beschäftigen würden. Aber nachdem sie Mico gleich mitgenommen hatten, bestand nicht die Gefahr, dass dieser ihm auch noch von seinen Kunden Aufträge anschleppte.
Als seine Freunde fort waren, setzte er sich an seinen Arbeitstisch und dachte über diese neuen Aufgaben nach und, wie so oft, vergaß Binno die Zeit und lebte statt dessen in seiner eigenen Welt voller Möglichkeiten und ungelöster technischer Probleme. Er vergaß zu essen und zu trinken, und erst als spät in der Nacht sein Magen unüberhörbar knurrte, erwachte er aus seinen Gedanken, und merkte, dass über den Aufgaben der Tag vergangen war. Als er ausgehungert und durstig, wie er war, ein Stück Brot und dazu etwas Käse hinunter schlang, und das Essen mit einer Kanne kalten Wassers herunter spülte, wurde ihm klar, dass er in der nächsten Zeit häufiger solche Tage haben würde. Hanrek hatte ihm Aufgaben gestellt, die ihn fesselten, die anspruchsvoll waren und zudem waren sie wichtig. Wichtig für seine Freunde und wichtig für das ganze Königreich.
...
Stonek döste vor sich hin. Er konnte nicht schlafen. Das lag aber nicht daran, dass sein Lager unbequem war, unbequem und außerdem kalt war es zweifellos, sondern es lag daran, dass er den ganzen vergangenen Tag schon vor sich hin gedöst hatte. Genau wie die Nacht und den Tag davor und wie die vielen Tage und Nächte zuvor, seit ihn dieser verdammte Tom ins Gefängnis geworfen hatte. Stonek wusste nicht, warum er hier war. Bis auf ein stundenlanges Verhör vor Wochen, in dem man ihn dazu befragt hatte, wie er hieß, wo er herkam, was er die letzten Jahre gearbeitet hatte, wie sein Bruder hieß, wo dieser jetzt war und was er tat, was Stonek im Krieg getan hatte und vielen anderen Fragen, hatte man ihn einfach schmoren lassen. Kein Wort über den Grund, kein Wort darüber, wie lange er hier bleiben sollte, wann man ihn vor Gericht stellte, ob man seine Eltern benachrichtigt hatte oder sonst irgendetwas. Die einzige Begründung, die sie ihm für sein Hiersein gegeben hatten, war: „Der Tom hat es befohlen.“
Die Wärter waren stumm wie Fische und das Essen war widerlich. Es gab nichts zu tun, außer zu warten und zu hoffen oder zu verzweifeln. Er hatte schon tausend Mal die kleine Zelle von vorne bis hinten abgeschritten, jeden Zentimeter der Wand auf eine Möglichkeit für eine Flucht untersucht und tausend Mal geschrien, seine Unschuld beteuert, bis er heiser war, alles ohne jede Reaktion. Sonst gab es nichts zu tun.
Manchmal beobachtete er einen halben Tag lang den Sonnenstrahl, der durch die winzige fensterähnliche Öffnung oben an der Mauer hereinkam, beobachtete, wie der Strahl langsam durch den Raum wanderte, von der Mitte des Fußbodens bis zur Mitte der Mauer ihm gegenüber. Und wenn eine Wolke die Sonne verdeckte und ihm damit die einzige Ablenkung des Tages genommen wurde, dann stieg ein unbändiger Zorn in ihm auf, ein Zorn auf die Ungerechtigkeiten des Lebens, der Ungerechtigkeiten der Welt ihm gegenüber. Bei einer dieser Gelegenheiten hatte er sich die linke Hand gebrochen, als er seiner Wut Luft machen musste und gegen die Wand geschlagen hatte. Seitdem schmerzte ihn die Hand. Oft wachte er nachts auf, weil er sich aus Versehen auf die Hand gelegt hatte.
Er war verlaust und verdreckt. Sein Bart war mittlerweile struppig und ungepflegt, sein in Strähnen herunter hängendes Haar hatte dringend einen Haarschnitt nötig, seine Kleider wurden mehr und mehr zu Lumpen. Aufgrund des schlechten Essens hingen sie ihm sowieso nur noch am Leib herunter. Was tat er hier, was wollten sie von ihm, was warf man ihm vor, er hatte keine Ahnung, er hatte wirklich keine Ahnung. Es gab kein stilles kleines Geheimnis, das diese Behandlung rechtfertigte, er war sich absolut keiner Schuld bewusst. Sein Vater war Tof in Hallkol und damit ein angesehener Bürger, wie konnten sie den Sohn eines angesehenen Bürgers des benachbarten Dorfes einfach einsperren ohne Grund, nur weil es der Tom so befohlen hatte? Er war ratlos und döste weiter vor sich hin.
Stonek schreckte hoch, anscheinend war er jetzt doch eingenickt. Was hatte ihn geweckt? Dann hörte Stonek, was ihn geweckt hatte, es waren schwere Stiefelschritte auf dem Gang zu hören und gerade jetzt hörten die Schritte auf, genau vor seiner Tür. Er setzte sich auf und war hellwach. Das war sehr ungewöhnlich, das war kein einziges Mal in den letzten Wochen vorgekommen. Was ging da vor? Der Schlüssel wurde in das Schloss gesteckt und Stonek hörte, wie das schwere Schloss zurück schnappte, dann wurde der Riegel zurückgeschoben.
Stonek stellte fest, dass er aufgestanden war. Er war bis in die Haarspitzen alarmiert. Dass man ihn mitten in der Nacht aufsuchte, nach all der langen Zeit, war höchst verdächtig, was gab es, das nicht noch bis zum Morgen hätte warten können?
Instinktiv schaute sich Stonek nach etwas um, mit dem er sich verteidigen konnte, aber in diesem Raum gab es nichts als den festgeketteten stinkenden Eimer, seinen Essnapf und den Löffel, beides aus Blech. Das Bett war so befestigt, dass es sich nicht von der Wand lösen ließ. Es gab nichts, was er zur Verteidigung hätte benutzen können. Trotzdem nahm er den Löffel an sich und steckte ihn sich rasch in die Tasche. Man konnte nie wissen. Stonek zog sich zurück an die Wand und brachte zwischen sich und die Tür so viel Abstand wie möglich, viel war es nicht.
Die Tür schwang quietschend auf. Vorsichtig spähte Stonek hinaus in den Gang, konnte aber aufgrund der Dunkelheit rein gar nichts erkennen. Dann hörte er ein schleifendes Geräusch und ein leises Fluchen. Die Tür, die ganz langsam wieder zu geschwungen war, wurde mit einem starken Ruck aufgestoßen, sodass sie erneut quietschend aufschwang und an die Mauer knallte. Stonek hatte die ganze Zeit den Atem angehalten, sein Herz raste, er fühlte hinten den Druck der Wand in seinem Rücken und vorne den Druck der Angst auf seiner Brust, den Löffel hatte er krampfhaft in der Tasche umklammert. Er zwang sich auszuatmen und sich ein klein wenig zu entspannen. Was ging da vor?
Jetzt wurde eine gebückte Gestalt sichtbar, die rückwärts in die kleine Zelle kam. Sie flüsterte.
„Schnell hilf mir mal. Ich denke auf das Bett wäre gut.“
Stonek starrt die Person an, drückte sich noch mehr an die Wand und rührte sich nicht.
Seufzend richtete sich die Gestalt auf und drehte sich um. Dabei konnte Stonek erkennen, dass eine zweite Gestalt zu Boden sank.
Als sich die Person ganz aufgerichtet hatte, erkannte Stonek, dass es sich um einen Mann handeln musste. Der Mann war ungefähr so groß wie er selbst und wirkte muskulös. Einen Moment suchte ihn der Mann mit den Augen in der Dunkelheit, vermutete ihn an der Wand und tastete dann mit seiner Hand nach ihm. Als er ihn tatsächlich berührte, flüsterte er.
„Na, Stonek. Mit mir hast du scheinbar nicht gerechnet“
Stonek sagte nichts, er war zu erstaunt und hatte an dem Flüstern immer noch nicht erkannt, wer der Mann war.
„Stonek. Ich bin es, dein Bruder Hanrek. Was ist los? Erkennst du mich nicht?“
„Ha ... Hanrek. Du. Aber ...“
Und dann war er Hanrek um den Hals gefallen und stammelte wild auf seinen Bruder ein und alles klang ungefähr wie „... ich habe es immer gewusst, dass du mich hier raus holen wirst. Ich habe es immer gewusst ...“
„Ist ja gut. Ist ja gut. Wir müssen uns beeilen. Komm Stonek. Hilf mir den Kerl auf dein Lager zu hieven. Er ist ganz schön schwer.“
Stonek löste sich endlich von seinem Bruder und half ihm den ohnmächtigen Wärter, um den es sich handelte, auf sein Bett zu heben. Hanrek fesselte den Wärter und knebelte ihn. Dann verließen sie die Zelle, nachdem Hanrek seinen Bruder unnötigerweise warnte, ja leise zu sein.
Читать дальше