Erneut stieß er hinunter, bis er dicht über dem Fluss dahinglitt. Dann sah er sein Spiegelbild im Wasser des ruhig dahin ziehenden Flusses. Er sah den lang gezogenen Körper, die zu diesem Körper passende Größe seiner weiten Flügel, den langen Schwanz, den er beim Fliegen als Ruder benutzte, die Drachenschnauze mit seinen vielen scharfen spitzen Zähnen. Er bewegte seine noch blutigen Klauen und sah fasziniert, wie sich die Klauen seines Spiegelbildes im Wasser ebenfalls bewegten. Und erst da wurde ihm richtig bewusst, wer er war, wer er bald sein würde, und Stolz machte sich in seinem Inneren breit.
Aber es wuchs auch der Hass auf die, die verhindert hatten, dass er all die vielen Jahrhunderte als der leben durfte, der er tatsächlich war. Wie hatten sie ihm all die Jahre seine Macht, die er in jeder Faser seines Körpers spürte, verwehren können? Aber nicht nur sein Körper war stark, auch sein Geist war mächtig. Er ließ seinen Geist schweifen, erfasste alles rund um ihn herum, kam dann zurück zu seinem Körper und bemerkte die vielen schlecht verheilten übereinander liegenden Schichten von Narben in seinem Gemüt. Die Narben, die er im Ei davon getragen hatte, bei seinen ungezählten Versuchen, seinen Geist schweifen zu lassen.
Er wusste, dass die Narben ihn verändert hatten, dass er anders war, als er sein sollte. Er wusste, dass ihn die Narben verdorben hatten, aber es war ihm egal. Jetzt endlich war er frei. Er war frei, und seine Rache würde fürchterlich sein.
Mit einem letzten grimmigen und verächtlichen Blick auf seine Umgebung zog Schtarak die Flügel an den Körper und stieß stromlinienförmig, wie er jetzt war, in den Fluss hinab. Der Schwung brachte ihn tief unter Wasser.
Seinen Schwanz benutzte er jetzt als Ruder, und mit einigen kräftigen Schlägen erreichte er den Grund des Flusses. Dort stillte er mit dem eiskalten Wasser in gierigen langen Zügen seinen Durst.
Als er sich satt getrunken hatte, spürte er, was er in Zukunft immer spüren würde, wenn er mit Wasser in Berührung kam. Er spürte die Glut in sich, spürte, wie sie sich in seinem Inneren zusammenzog. Einen Moment lang drohte ihn Panik zu überwältigen. Die Glut würde ihn wie schon so oft von innen heraus verbrennen. Aber dann breitete sich Erleichterung in ihm aus, denn es wurde ihm bewusst, dass er die Glut jetzt nicht mehr länger fürchten musste. Immer noch unter Wasser sammelte er die verbliebene Luft in seinen Lungen und entfachte die Glut noch mehr, bis sie explodierte.
Der Strahl, der aus seiner Drachenschnauze katapultiert wurde, verdampfte das Wasser über ihm und schoss als Mischung von Feuer und Dampf wie die weithin sichtbare Fontäne eines Geysirs aus der Oberfläche des Flusses heraus. Und direkt hinter den letzten verdampfenden Tropfen der Fontäne schoss Schtarak aus dem Wasser, breitete die Flügel aus und gewann rasch an Höhe.
Seine Flügel trugen Schtarak jetzt nach Süden. Er flog tief über der Erde und Wälder, Wiesen, Felder, Wege und Dörfer zogen schnell unter ihm dahin, ohne dass er halt machte. Und dann kam er an eine Stadt. Schtarak wusste nicht, dass die Stadt Platef hieß, aber das war ihm auch egal. Einen Moment lang hielt er inne und schraubte sich kreisend nach oben. Von dort hatte er einen guten Überblick über die beträchtliche Anzahl an Häusern auf einem Fleck.
Noch war Schtarak gefährdet, noch war er zu klein, um allen Gefahren trotzen zu können. Auch jetzt war er schon fast jedem Gegner gewachsen, aber es würde noch einige Monate dauern, in denen er sich einen Unterschlupf suchen musste, in denen er sich verstecken musste wie ein gejagtes Raubtier. Er musste erst noch zu seiner vollen Größe heranwachsen. Doch dann würde er diese und andere Städte wieder besuchen. Dann endlich würde seine Rache beginnen.
...
Tagelang hatte Hanrek vor sich hin gebrütet. Nichts hatte ihn ablenken, nichts hatte ihn aufmuntern können. Seine Kinder waren verstört, Miria war ratlos. Keiner hatte ihn bisher so erlebt.
Er hatte einen großen Fehler gemacht und er machte sich Vorwürfe. Immer und immer wieder hörte er die Stimme in seinem Kopf. „Ich bin Schtarak. Ich bin geboren.“
Wieder und wieder sagte er sich in seinem Gedächtnis die geheime Geschichte an der Stelle auf, wo sie von Schtarak dem Schrecklichen berichtete.
Auch mit Miria sprach er darüber und mit Dresson. Beide versuchten ihn davon zu überzeugen, dass er nicht anders hätte handeln können, dass er nur das Beste gewollt hatte, und dass er sich nicht die Schuld für die Geburt des Drachen geben sollte. Woher hätte er wissen sollen, dass das Versteck, das er so sorgfältig ausgewählt hatte, nicht sicher war.
„Ich muss etwas tun.“
„Was willst du denn tun? Du kannst gar nichts tun.“
„Ich weiß. Aber ich muss einfach etwas tun, irgendetwas. Irgendetwas muss mir einfallen.“
„Ich fürchte, Miria hat recht.“, warf Dresson ein.
„Es gibt nichts, was du oder ich oder irgendwer sonst tun könnte. Hanrek, wir reden von einem Drachen. Die Geschichten in den alten Sagen erzählen, dass ein Drache riesig ist, dass er gepanzert ist und dass er einfach unbezwingbar ist.“
Hanrek stöhnte gequält auf und schloss die Augen, als ob er damit die Wirklichkeit ausschließen könnte.
„Du selbst hast gesehen, wie groß und Furcht einflößend ein Exzard ist. Ein Exzard ist gegen einen Drachen wie ein Schoßhündchen. Und er speit Feuer.“
„Ja. Aber bis er so groß ist, wird es vielleicht noch eine Zeit lang dauern. Wenn ich jetzt nichts unternehme, wird alles nur noch schlimmer. Vielleicht besteht jetzt noch die Chance, etwas viel Schlimmeres zu verhindern.“
Miria, Dresson und Hanrek saßen vor dem Haus und redeten sich die Köpfe heiß. Die Kinder schliefen schon seit Stunden.
„Außerdem, irgendeinen Schwachpunkt muss auch ein Drache haben. Er muss einen haben.“
Miria und Dresson schauten sich resigniert in dem schwachen Licht der Nacht an. Sie wussten, warum Hanrek so verzweifelt auf seinem Standpunkt beharrte. Er machte sich schlimme Vorwürfe.
Eine Weile sagte niemand etwas. Dann brach Hanrek die Stille.
„Dresson. Was mir nicht aus dem Kopf geht, ist die geheime Geschichte. Sie hat zum ersten Mal Schtarak erwähnt. Sie hat ihn erwähnt, da war er noch gar nicht aus dem Ei geschlüpft. Die Geschichte erzählte von „der Herrschaft von Schtarak dem Schrecklichen“. Sie hat es gewusst, oder wenn man es genau nimmt, hat sie es sogar erst ermöglicht, dass wir das Ei stehlen konnten, sodass Schtarak am Ende aus seinem Ei schlüpfen konnte.
Dresson nickte.
„Du hast die Geschichte damals nicht zu Ende lesen können. Was hätte die Geschichte erzählt? Ich zermartere mir den Kopf, was als Nächstes gekommen wäre. Hätte sie von Schtarak berichtet, hätte sie davon berichtet, dass ich das Drachenei in der Nähe eines Vulkans verstecken würde, hätte sie uns gewarnt?“
Mittlerweile wurde im ganzen Königreich von einem gewaltigen Vulkanausbruch im nördlichen Gebirge berichtet.
Dresson schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht. Aber du kannst dir sicher sein, dass ich mich das auch schon unzählige Male gefragt habe. Die Geschichte war sicher nochmal so lang wie der Teil, den ich lesen konnte. Aber vielleicht war der weitere Teil nicht für mich bestimmt.“
Es wurde wieder still. Keiner sagte ein Wort. Die Zikaden zirpten in der Nacht.
Dann brach es aus Hanrek heraus.
„Ich muss den Rest der Geschichte lesen. Vielleicht steht darin, worin die Schwachstelle eines Drachen besteht und wie ich ihn besiegen kann.“
Miria zog erschrocken die Luft ein und Dresson lachte nervös auf.
„Nein. Das ist unmöglich. Ich schätze, das ist ungefähr so einfach, wie einen Drachen zu erlegen. Du kommst nie und nimmer in die Bibliothek. Sie ist zu gut bewacht. Außerdem bist du ein Fremder in Narull. Du würdest in Narull sofort auffallen.“
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