1 ...7 8 9 11 12 13 ...20 Stonek schüttelte den Kopf.
„Der Tom ist einer dieser Feinde. Er ist nicht dein Feind, sondern meiner. Der Tom war früher der Kommandant der Armee, der den Überfall der Drachenkrieger zurückschlagen sollte. Er hat Mico und mich genauso wie Jorgen und Binno zwangsrekrutiert. Damals sind wir an einander geraten. Ich habe ihn mir damals zum Feind gemacht und das hat er nicht vergessen. Und dann waren wir auch noch so dreist und sind desertiert. Er hat uns durchs ganze Königreich verfolgen lassen, und auch heute, Jahre nach dem Krieg versucht er, uns noch zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen. Du warst dabei nur zufällig zur Hand, ein Faustpfand, um den Einsatz zu erhöhen. Außerdem siehst du mir zufällig sehr ähnlich. Wahrscheinlich hat dich einer seiner Spione aufgrund einer Beschreibung verwechselt und erst später festgestellt, dass er einen Fehler gemacht hat. Da war es nur praktisch, dich als Köder ins Gefängnis zu stecken.“
Dresson meldete sich mit einem amüsierten Ton.
„Im Moment seht ihr euch aber nicht sonderlich ähnlich.“
Stonek war still und dachte nach. Es war ihm gerade einiges klar geworden.
Hanrek fuhr fort.
„Tut mir leid, dass sie dich wegen mir ins Gefängnis gesteckt haben. Du siehst, du brauchst dich bei mir nicht zu bedanken.“
„Wie hast du davon erfahren?“
„Oh, der Tom hat kein Geheimnis daraus gemacht, dass er dich eingelocht hat. Er hat Vater und Mutter darüber informiert und ...“
„Sie haben es die ganze Zeit gewusst?“
Hanrek nickte.
„Ja. Sie waren beide sehr verzweifelt. Ich habe es dagegen erst letzte Woche erfahren. Ich bin eigentlich nicht wegen dir hier hergekommen. Ich habe etwas anderes vor.“
„Wir müssen Mutter und Vater benachrichtigen, damit sie wissen, dass ich frei bin und sie sich keine Sorgen mehr machen müssen.“
„Nun, dass Mutter und Vater sich Sorgen machen, ich fürchte, daran kann ich nichts ändern, aber mit dem Benachrichtigen, das ist schon organisiert. Kannst du dich an den Mann erinnern, den wir kurz nach dem wir aus dem Gefängnis gekommen sind, getroffen haben?“
Stonek nickte.
„Er wird das übernehmen. Er ist von der Bruderschaft.“
„Ich glaube ich werde mich nie daran gewöhnen, dass du in einer Bruderschaft bist.“
„Bin ich ja gar nicht. Ich bin nur ihr Anführer.“
„Und wo ist da der Unterschied?“
„Na für mich ist da schon ein Unterschied. Wenn du wie ich gesehen hättest, wie viele Stunden die Brüder nutzlos im Garten herum gesessen haben und versucht haben einen toten Baum wieder zum Wachsen zu bringen, dann würdest du verstehen, dass da ein Unterschied ist. Ich habe nie nutzlos im Garten gesessen.“
Zum ersten Mal schaltete sich Mico ins Gespräch ein.
„Oh, wir hatten damals durchaus den Eindruck, dass du nutzlos im Garten herum sitzt.“
Hanrek lachte.
„Ich habe zwar lange im Garten gesessen, aber ich habe den Baum damals tatsächlich wieder zum Wachsen gebracht.“
Es schwang Stolz in Hanreks Stimme mit. Stonek war verwirrt, denn es fehlten ihm einige Hintergründe und er hatte nie richtig verstanden, was dahinter steckte, dass Hanrek der oberste Bruder der Bruderschaft des Baums war. Einmal hatte Hanrek versucht, es ihm zu erklären, aber er hatte dabei wohl wichtige Sachen weggelassen und bei einigen Sachen nur herum gedruckst. Mico schien da besser informiert zu sein.
Hanrek wechselte plötzlich das Thema.
„Hast du dich an der Hand verletzt?“
Stonek war überrascht, dass Hanrek es bemerkt hatte.
„Ja, du hast sie die ganze Zeit geschont. Gib sie mir mal her.“
Stonek streckte den Arm aus, sodass Hanrek sie vorsichtig in seine nehmen konnte.
Er tastete vorsichtig die Hand ab.
„Wie ist es passiert? Haben sie dich geschlagen?“
„Nein. Es war meine eigene Dummheit, ich habe sie vor Wut gegen die Wand geschlagen.“
Hanrek schaute ihn verdutzt an.
„Steht die Wand noch?“
„Ja, leider. Wenn sie eingefallen wäre, wäre ich geflohen.“
„Hmm.“
Hanrek untersuchte weiter die Hand.
„Ich fürchte, ich werde sie dir nochmal brechen müssen. Sie wächst an dieser Stelle falsch zusammen.“
Er deutete auf eine Stelle, die rot geschwollen war.
„Wenn sie nicht nochmal gebrochen wird, wirst du dein Leben lang Schmerzen und Probleme damit haben.“
„Kannst du das denn?“
Mico schaltete sich ins Gespräch ein.
„Du kannst deinem Bruder vertrauen. Er kann es und ich würde es an deiner Stelle lieber ihn als einen anderen machen lassen.“
„Ich werde es mir überlegen.“
Eine Weile stockte das Gespräch. Dann fragte Stonek.
„Wie gehen wir weiter vor? Was habt ihr geplant?“
„Zuerst müssen wir über den Fluss, damit wir aus dem Einflussbereich des Toms kommen. Und danach schlage ich vor, dass du nach Vartel gehst und Miria und meine Kinder besuchst. Dort kannst du wieder zu Kräften kommen, deine Hand auskurieren und vielleicht Miria helfen, bis ich wieder zurück bin. Übrigens, es sind jetzt drei Kinder. Du bist nochmal Onkel geworden.“
„Oh. Glückwunsch.“
Eine Zeit lang unterhielten sie sich über Hanreks neuesten Sohn. Dann fragte Stonek.
„Und was hast du vor? Du tust so geheimnisvoll.“
Hanrek schwieg eine Weile. Dann sagte er leise.
„Wir müssen nach Narull.“
„Nach Narull. Wieso? Besucht ihr deinen alten Meister Lucek.“
„Nein, das ist nicht der Zweck unseres Besuchs.“
Hanrek machte ein verschlossenes Gesicht. Stonek schaute sich in der Runde um. Keiner seiner Befreier schien so richtig erpicht darauf, ihn einzuweihen.
„Und was ist der Zweck eures Besuchs in Narull?“, fragte er trotzdem unbedarft.
Wieder herrschte eine Weile Stille, doch dann sagte Hanrek.
„Der Drache.“
„Der Drache! Was denn für ein Drache?“
„Das ist schwer zu erklären.“
Stonek schaute verwirrt in die Runde und dachte, sie hätten sich einen Spaß mit ihm gemacht, aber, nachdem keiner lachte, sagte er leicht hin.
„Gib dir Mühe, ich bin neugierig.“
Hanrek seufzte tief, und nach einer Weile schien er sich zu etwas durchzuringen.
Und dann bekam Stonek eine lange und ausführliche Erklärung von einer Gabe , die sich Flüstern nannte, von Exzarden, von der Bruderschaft des Baums, von der Prinzessin Pilroos und von vielen anderen Dingen, bei denen es ihm schwer fiel, sie zu glauben. Und zuletzt erzählte Hanrek von dem goldenen Drachenei und von dem Drachen, der daraus geschlüpft war. Vor Staunen klappte Stoneks Mund immer weiter auf. Aber nun endlich verstand er so manches.
Als sie den Fluss erreichten, war es hell und Stonek steckte immer noch in den alten Kleidern. Sie wurden von einem Fischer mit dem Namen Soltek erwartet, der ihnen nach kurzer und herzlicher Begrüßung in ein Boot half. Die Pferde stellten sie in einem kleinen Schuppen bei seiner Hütte unter. Alle bis auf Stonek halfen dem Fischer beim Rudern. Jetzt endlich hatte er Zeit, sich umzuziehen. Die alten verdreckten stinkenden Kleider warf er einfach in den Fluss. Am liebsten wäre er hinter den Kleidern selbst in den Fluss gesprungen, um ein Bad darin zu nehmen. In den neuen sauberen Kleidern fühlte er sich um so schmutziger, doch die Körperpflege musste leider warten, nur die schmerzende Hand und die Unterarme konnte er in den kalten Fluss hängen. So schlief er ein, zwar auf der Flucht aber in Freiheit.
Der stechende Schmerz war so stark, dass er das hässliche Knirschen seines Handknochens nicht hörte, als Hanrek ihm seine Hand erneut brach. Obwohl sie ihm ein Stück Holz zwischen die Zähne geklemmt hatten, entfuhr Stonek ein lauter Schrei, bevor er sich wieder beherrschen konnte. Doch leider war es mit dem Brechen nicht getan, denn genauso schmerzhaft war das Richten der Knochen. Nur mit Mühe konnten Hanreks beide Helfer seinen jüngeren Bruder ruhig halten. Laut schreiend bäumte er sich gegen die beiden Befreier, die ihm auf den Gliedmaßen saßen, um zu verhindern, dass er um sich schlug oder die verletzte Hand befreite. Quälend langsam brachte Hanrek die Knochen in die richtige Lage. Dann endlich fixierte er sie mit einigen vorbereiteten Stöcken und einem dicken Verband. Allen Beteiligten stand vor Anstrengung und einem vor Schmerz der Schweiß auf der Stirn. Der von Stonek war eiskalt.
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