Burkhard fand als erster die Worte wieder. Und sogleich begangen die offen ausgesprochenen Beschuldigungen.
„Es ist ja nur zu offensichtlich, wo sich der Inhalt der Truhe befindet.“
„Was soll das heißen?“, entgegnete Johann Dannemann, der den versteckten Verdacht gegen sich selbst nicht überhört hatte.
„Wer hatte denn die letzten vier Wochen die Truhe in seiner Obhut? Na, wer denn? Wer hatte vier Wochen Zeit, in aller Ruhe die Münzen herauszunehmen und die Truhe mit Steinen zu füllen? Wer hat zu Beginn der Truhenöffnung denn gesagt, die Truhe ließe sich nicht öffnen? Ja wohl nur derjenige, der daran Interesse hatte, dass sich sein Betrug nicht zeigen würde. Jedenfalls ist es ganz offensichtlich, dass der Rat das Geld hat.“
Sofort wüteten die Ratsmitglieder und der Bürgermeister gegen diese infame Beschuldigung. Heftige Wortgefechte entstanden. Bruno Grothe wiederum versuchte die Schuld weiterzugeben und seinerseits die Freunde des Verstorbenen zu beschuldigen.
„Wir waren es nicht. So einen Betrug haben wir nicht nötig. Aber überlegen wir doch einmal genauer. Wer war noch stundenlang neben der Truhe und hätte die Möglichkeit des Tausches gehabt?“ Mit ausgestrecktem Arm zeigte er auf die Freunde Dyls.
„Sie waren es“, schrie er voller Überzeugung.
Arnulf und Rudolf wussten gar nicht, wie ihnen geschah. Sie waren einfach nur sprachlos. Ohne ein Wort des Widerspruchs ließen sie die Beschuldigungen über sich ergehen. Nicht so aber Gerald, der als Freund Dyls ebenfalls als Erbe berücksichtigt worden war. Er hatte überhaupt kein Interesse daran, dass die Schuld auf seine Schultern geladen wurde. Wie in einem Spiel gab er die Schuld weiter. Diesmal waren die Pfarrer dran.
„Ihr beschuldigt uns? Das ist eine bodenlose Frechheit. Aber nicht nur ihr hattet lange Zeit zum Austausch. Was ist mit dem Pfarrer Burkhard? Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass er, als er dem Verblichenen die Beichte abnahm, uns alle hinausgeschickt hat. Da hätte auch er genug Zeit gefunden, die Steine hineinzutun.
Mir ist jedenfalls aufgefallen, als die Truhe geöffnet wurde, dass Pfarrer Burkhard sofort einen anderen beschuldigte. Dies tun Betrüger immer, um von sich abzulenken.“
Das Gesicht Burkhards wurde knallrot. Seine Stellung verbot ihm, handgreiflich zu werden. Doch hätte er den Gernot für diese Beschuldigung am liebsten körperlich gezüchtigt.
Der Streit ging weiter. Sie schrien sich an. Jeder beschuldigte den anderen.
Dann erkannte Dannemann in der hitzigen Atmosphäre, dass der Schlosser sein Werkzeug einsammelte und gehen wollte. Er hielt ihn zurück. Darauf verstummte der Streit, und alle Blicke wandten sich dem Bürgermeister und dem Schlosser zu.
„Wo wollt ihr hin?“
„Meine Arbeit ist hier getan. Und wer von euch das Geld in seinem Sack hat, ist mir einerlei. Ich jedoch habe meinen Lohn und werde nun zu meinem Weib heimgehen.“
„Werdet ihr davon berichten, was sich hier zugetragen hat?“
„Ha“, lachte der Schlosser auf. „Warum nicht? Es ist doch eine gar lustige Geschichte.“ So wandte sich der Schlosser der Türe zu.
„Wartet.“ Es war dem Bürgermeister peinlich. Deshalb zog er schnell seinen Beutel unter seinem Rock hervor und zählte zehn Mark lübsch ab.
„Hier habt ihr Geld, sodass niemand davon erfahrt. Nehmt außerdem die Truhe mit und zerschlagt sie. Das Holz wird euch im Winter wärmen. Wir wollen sie nicht mehr sehen, da sie uns an diesen unglückseligen Tag erinnert.“
Der Schlosser nahm das Geld, die Truhe und verschwand. Doch sobald er verschwunden war, gingen die gegenseitigen Beschuldigungen weiter.
Als Nächste gingen Rudolf und Arnulf nach Hause. Sie waren es leid, sich ständig die gegenseitigen Beschuldigungen anhören zu müssen
Am nächsten Tag versammelten sich alle wieder. Auch Rudolf und Arnulf waren dabei. Die gegenseitigen Beschuldigungen hatten aufgehört. Nachdem die Männer nämlich eine Nacht darüber geschlafen hatten, hatte Burkhard die Lösung parat.
„Hören wir doch mit den albernen Schuldzuweisungen auf. Ich glaube inzwischen viel mehr, dass wir einem Scherz des Dyl aufgesessen sind. Er hat sicherlich nie Geld besessen. Erinnert ihr euch, dass er davon sprach, uns steinreich zu machen, als er uns sein Testament verkündete? Das mit dem ,steinreich‘ hat er wohl wörtlich genommen. So war es gemeint.
Er hat uns getäuscht. Es gab wohl nie Geld zu erben. Und wir waren so töricht, uns gegenseitig die Schuld zu geben und uns fast die Schädel einzuhauen.“
„Da ist etwas dran“, sprach Dannemann. „Er war zu Lebzeiten schon ein wunderlicher Gesell. Es hat ihm Spaß gemacht, uns gegeneinander auszuspielen. Doch was sollen wir nun tun?“
„Wir graben ihn aus. So eine ehrenvolle Beerdigung hatte er nicht verdient. So eine jedenfalls nicht, wenn er uns absichtlich zum Narren machte. Das können wir uns nicht gefallen lassen. Verscharren wir ihn woanders.“ Gernot sprach es, und alle sahen auf.
Auf einmal waren die noch kurz vorher völlig zerstrittenen Parteien einer Meinung, und sofort zogen sie gemeinsam zur Kirche. Am Grab des Dyl ließen sie aufbuddeln. Bald stießen sie auf den Holzsarg, und ließen ihn öffnen. Es wurde als Erstes der in Verwesung befindliche Schädel sichtbar. Ein ekelhafter Gestank entwich dem Sarge.
Angewidert wandten sich alle ab. Bürgermeister Dannemann winkte ab. So ließen sie von ihrem ursprünglichen Plan ab, und den Toten in Ruhe. Jeder ging von nun an seinen Geschäften wieder nach, aber mit der Gewissheit, von einem Schelm genarrt worden zu sein.
Arnulf und Rudolf waren beim Angeln am Stadttor, wo die Geschichte des fremden Mannes begonnen hatte. Sie saßen erst schweigsam nebeneinander.
„Weißt du, was ich glaube?“ Rudolf sprach, ohne seinen Blick vom Wasser zu wenden.
„Nein, was denn?“
„Du kannst dich doch noch an die vielen lustigen Geschichten erinnern, die Dyl uns erzählte.“
„Aber natürlich. Sie waren wirklich witzig.“
„Zuerst habe ich geglaubt, dass Dyl sich die Geschichten nur ausgedacht hat“, gestand Rudolf.
„Ich auch“, erwiderte Arnulf darauf, als ob dies peinlich wäre.
„Doch jetzt glaube ich das nicht mehr. Jetzt bin ich mir sogar ganz sicher, dass dies keine Märchen waren, sondern das Dyl die Geschichten wirklich selbst erlebt hat.“
„Da hast du wohl recht. Ich traue es ihm auch zu. Er war schon ein wunderlicher Mann. Aber eines kannst du sicher sein.“
„Was denn?“
„Ich werde Dyl nie vergessen“, seufzte Rudolf und starrte auf das Wasser.
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