Ganz ruhig antwortete der Gescholtene.
„Seid ruhig. Ich habe euch mehrfach gewarnt. Erinnert euch. Mehrfach sagte ich, dass ihr nicht so gierig zugreifen sollt. Das ist nun die verdiente Strafe dafür. Also beschwert euch nicht. Wenn ihr nicht auf mich hörtet, so ist es allein eure Schuld.“
„Wollt ihr mir etwa Gier unterstellen? Eine der sieben Todsünden? Das ist nicht wahr. Wahr aber ist, dass ihr selbst jetzt, kurz bevor ihr vor dem Herrn stehen werdet, eure schalkhaften Spiele spielen wollt. Schämt euch dafür.“
Wütend verließ der Vikar ohne eine einzige Münze, dafür aber mit besudelter Hand, den Raum des Heilig-Geist-Hospitals. Er hörte auch nicht mehr, wie Dyl hinter ihm herrief:
„Kommt zurück, lieber Vikar. Ihr habt eure Münzen vergessen, die ich euch versprochen habe. So nehmt sie. Sie mögen euer sein.“
Ungehört verklangen die Worte. Dennoch sank Dyls Kopf zufrieden zurück auf sein Lager. So, wie er immer gelebt hatte, so wollt er auch sterben. Ob es nun gierige Pfarrer, oder herrschsüchtige Bürger in allerlei Städten waren. Stets hatte er sich einen Scherz daraus gemacht, die Unzulänglichkeiten der Menschen schonungslos offenzulegen.
Und dies gedachte er auch noch mit seinem letzten Atemzug zu tun. Und der sollte bald kommen. Das spürte er. Deshalb ließ er nach seinen Freunden, einem Notar, dem Bürgermeister Johann Dannemann und dem Pfarrer Burkhard von der St. Nicolai-Kirche schicken. Vikar Albert wäre sicherlich auch nach einer Einladung nicht erschienen.
Als alle um ihn versammelt waren, versuchte er den Kopf zu heben, doch fiel ihm das ersichtlich schwer. So ließ er es bleiben, und sah die Umherstehenden an. Nach einer Pause sprach er mit schwacher Stimme:
„Es erfüllt mich mit Freude, euch alle zu sehen. Ich spüre, das das heute mein letzter Tag sein wird. Deshalb will ich mein Testament machen. Unter meinem Bettlager ist eine Kiste. Dazu gehören die Schlüssel. Mit dieser Kiste will ich euch steinreich machen. Aber ich möchte, dass alles zu drei Teilen aufgeteilt wird. Einen Teil erhalten meine treuen Freunde Rudolf und Arnulf. Der zweite Teil soll an den Rat der Stadt gehen. Bürgermeister Dannemann wird dafür sorgen. Und der dritte Teil des Erbes soll dem Klerus vermacht werden.
Doch möchte ich eine Bedingung stellen. Wenn der Herr mich heimgerufen hat, so soll mein Leichnam in geweihter Erde begraben werden. Und für meine Seele soll vier Wochen lang in Totengebeten und Seelenmessen nach christlicher Ordnung und Gewohnheit gebetet werden. Nach diesen vier Wochen soll die Truhe geöffnet werden, sodass sie euch alle wohlhabend machen kann. Teilt sie so auf, wie ich gewünscht habe. Einigt euch gütlich.“
Dyls Augen fielen zu, und das Sprechen fiel ihm schwer. Die umherstehenden Erben bestätigten seinen Wunsch. Dann konnte Dyl nicht mehr sprechen, und Pfarrer Burkhard spendete die letzte Ölung.
So starb Dyl aus Cletlinge, und sein Atem stand still.
Rudolf und Arnulf standen Tränen in den Augen. Sie hatten ihren Freund sehr gemocht. Seine Geschichten waren unterhaltsam und lustig gewesen. Sie ahnten, dass Dyl diese Geschichten nicht alle selbst erlebt hatte. Sicherlich entsprangen sie wohl seiner Phantasie. Sie waren zu lustig und unglaubwürdig, um wahr zu sein. Aber das war ihnen egal. Dyl hatte es verstanden sie zu unterhalten, und etwas Abwechslung in den Alltag gebracht. Sie vermissten ihn.
Die Kunde von Dyls Tod verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der gesamten Stadt. Nach nur einer Stunde wusste jeder Bescheid. Es war nicht der Tod eines Menschen, der diese Anteilnahme hervorrief. Dyl war in Molne nur kurz und zwar ausschließlich zum Sterben gewesen. Menschen starben viel, und auch in jungen Jahren. Das war nichts Ungewöhnliches. Doch der Umstand, dass durch seinen Tod der Stadt viel Geld vermacht werden würde, ließ die Trauer der Bürger ins Frenetische anschwellen.
Es war seltsam, welche Anziehung der fremde Mann Dyl nach seinem Tode auf die Menschen hatte. Sie strömten in Scharen zum Heilig-Geist-Hospital in der Seestrate. Dort beweinten sie ihn aufrichtig. Denn die Aussicht auf Bares ließ bei einigen Menschen ungeahnte Emotionen aufkommen. Die einzigen ehrlich Trauernden waren Rudolf und Arnulf. Ihnen war nur eins unangenehm. Es war ihnen peinlich, dass ihr Freund Dyl sie in seinem Testament bedacht hatte. Lag es daran, dass sie noch zu jung waren, um eine gewisse Gier auf Geld zu empfinden? Für sie zählte Freundschaft noch was. Und da Dyl für sie ein Freund geworden war, wollten sie eigentlich nichts von dem Erbe abhaben.
Am nächsten Tag sollte sein Leichnam auf einer Bahre in der Diele des Hospitals aufgebahrt werden. So hatten alle Leute die Möglichkeit, ihre ehrliche oder gespielte Trauer effektiv vor allen anderen zur Schau zu stellen. Vikar Albert ließ sich nicht sehen, aber Pfarrer Burkhard sang eifrig die Totengebete, so wie er es versprochen hatte.
In der Stadt hatte es sich eingebürgert, dass die Haustiere frei herumliefen. In den Straßen sah man Ziegen, Hühner, Gänse, Enten und Schweine auf der Suche nach Futter ungehindert umherlaufen. Auch das Hospital nannte Schweine sein Eigen, die sich ihren eigenen Weg suchten, wie es in ihrem kleinen Hirn gerade ausgebrütet wurde.
So kam es, dass die Sau des Hospitals mit ihren Ferkeln unter die Bahre des Verstorbenen gelangte. Sie war wohl auf der Suche nach einer Kratzgelegenheit, da es sie offensichtlich juckte. An dem einen der Holzbeine schien sie das Richtige gefunden zu haben und kratzte sich hingebungsvoll. Dabei geriet die Bahre ins Wanken, und der Leichnam kippte von der herunter auf den Boden. Die trauernden Frauen erschraken zutiefst und waren irritiert.
„Hinaus mit ihnen.“
Burkhard übernahm daraufhin das Kommando über die Frauen, um mit ihrer Unterstützung die Sau und ihre Ferkel aus dem Hospital zu jagen.
Doch das war nicht so einfach. War es aufkommende Angst wegen des hysterischen Geschreis der Weiber, welches allerorten erklang, oder einfach nur Sturheit der Sau? Jedenfalls wurde es nicht so einfach wie gedacht, die Tiere aus dem Hospital zu vertreiben. Die Ferkel waren aufgeschreckt und liefen quiekend kreuz und quer durch die Räume. Die Sau wirbelte grunzend wie ein Orkan dazwischen und riss sogar gestandene Leute von den Beinen. Das jedoch war erst der Beginn des heillosen Durcheinanders. Denn da die Sau nicht gewillt war, stehen zu bleiben, wurden die Frauen und Geistlichen weiter aufgeschreckt.
Wer nicht umgerannt wurde, versuchte sich in Sicherheit zu bringen. Aber der einzige Ausweg waren die umherstehenden Betten der anderen Kranken. So schien es nicht Wunder, dass einige Frauen und Trauernde rücklings oder bäuchlings auf den Bäuchen der Kranken landeten. Diese wiederum schrien vor Schmerzen auf. Andere prallten mit ihren Köpfen gegen irgendwelche Gegenstände und Wände. Es folgte ein heilloses Durcheinander. Die Röcke der Frauen flogen hoch, und so mancher verlor seine Kopfbedeckung. Einer flog zwischen die Beine einer Begine und kam mit dem Kopf auf ihrem Schoß zu liegen, welches ein seltsames und prekäres Bild abgab. Ein Weiterer brach sich sein Bein, als er über das Bett eines Kranken flog und auf der anderen Seite herunterfiel. Eine Begine dagegen verstauchte sich einen Knöchel, als sie unglücklich nach einem Rettungssprung aufkam.
Doch dann ebbte das Geschrei der Leute langsam ab, und die Sau und ihre aufgebrachten Ferkel beruhigten sich endlich. Nun konnten sie mit vereinten Kräften und Fußtritten aus dem Spital hinausbefördert werden.
Nun kehrte wieder Ruhe ein, und jeder richtete zuerst seine Kleidung. Röcke wurden ordentlich gezupft, und die Kopfbedeckungen wieder gerichtet. Burkhard klopfte sein Gewand, sein habit, von dem Staub ab.
Währenddessen griffen die Beginen zu und wollten den Leichnam mit vereinten Kräften wieder auf die Bahre bugsieren. Doch sie stellten sich dabei ungeschickt an, und so kam es, dass Dyl dabei bäuchlings zu liegen kam. Sein Rücken war nun von allen zu begaffen.
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