„Wenn es denn sein muss!“ Werinhard war darüber wenig erfreut. Er schob die Freunde unsanft auf den schon dunklen Marktplatz hinaus und schloss die Tür.
Dyl erwachte irgendwann in der Nacht. Er hatte keine Ahnung wie spät es war; in seinem spärlich eingerichteten Zimmer herrschte absolute Dunkelheit. Sofort ergriff ihn wieder das Unwohlsein. Er fasste sich an die Stirn. Die Arznei des Apothekers hatte nicht geholfen. Aber nicht seine Schmerzen im Kopf hatten ihn geweckt. Es war etwas anderes, welches er noch nie so stark verspürt hatte.
Da war es wieder. In seinem Unterleib rumorte es, und der unwiderstehliche Drang sich sofort zu entleeren hatte ihn ergriffen. Noch nie war der Drang so stark bei ihm gewesen. Da erinnerte er sich an die Medizin, welche der Apotheker ihm verabreicht hatte. Aber darum wollte er sich später kümmern. Zuerst war es am Wichtigsten das Haus zu verlassen, um sich der drückenden Last zu entledigen. Eilig verließ er das Zimmer und ging unsicher die Treppe herunter. Trotz der Dunkelheit, in der er die Gegenstände nur schemenhaft erkennen konnte, fand er bald die Tür. Doch sie ließ sich nicht öffnen. Sie war abgeschlossen, und der Schlüssel abgezogen. Er torkelte genervt zur Rückseite des Hauses. Dort fand er auch eine Tür. Doch auch diese war versperrt. Furcht machte sich in ihm breit. Was nun, fragte er sich? Sein zielloser Gang führte ihn in den Raum, in dem der Apotheker seine Arzneien deponiert hatte. Da sah er die Büchse, aus der Werinhard das Pulver genommen hatte. Dyl hob sie hoch, ging zum Fenster und las im fahlen hereinscheinenden Mondlicht, welches durch das Fenster herein schien: Purgatz.
Oh, was für ein Schelm, dachte sich Dyl. Auf seinen vielen Reisen hatte er Purgatz als äußerst starkes Abführmittel kennengelernt. Und dieses hatte Werinhard ihm verabreicht, und somit Schabernack mit ihm getrieben. Dyl liebte es selbst Schabernack zu treiben. Aber es war nur allzu menschlich, dass man nicht selber gern das Opfer war. Lieber war er derjenige, der seinen Spaß hatte und trieb. Dyl lächelte verschmitzt, als er sich seiner Hose entledigte und die geöffnete Dose zwischen seine Backen hielt. Es war allerhöchste Zeit, denn es hatten sich schon Bauchschmerzen angezeigt. Als sich Dyl entleerte, tat er dies mit folgenden Worten:
„Hier kam die Arznei heraus, hier muss sie wieder hinein. So verliert auch der Apotheker nichts, da ich ihm ja ohnehin keine Münzen geben kann.“
Dyl legte den Deckel wieder auf die prallgefüllte dampfende schwere Büchse und stellte sie wieder an ihren Ort. Dann schritt er entspannt und entleert wieder in sein Zimmer, und konnte sogleich zufrieden wieder einschlafen.
Als Dyl das nächste Mal erwachte, war es schon heller Tag. Er war dennoch nicht von alleine wach geworden. Fakt war, dass ein zornesroter Werinhard schäumend vor Wut in der Tür stand und ihn erbost anschrie.
„Du nichtsnutziger Landstreicher. Verschwinde von hier. Ich will dich nicht mehr sehen. Was fällt dir ein, meine Arznei zu ruinieren. Sofort hinaus!“
Dyl dagegen konnte sich nur schwerlich ein Lachen verkneifen und antwortete dem aufgeregten Mann in vollster Ruhe und mit einer Stimme, mit der er nicht nur Verwunderung über den Wutausbruch signalisieren, sondern sogar noch Lob erheischen wollte.
„Beruhigt euch, Herr. Ihr solltet mir dankbar sein. Ich verstehe eure Aufregung nicht. Zum einen habt ihr so am besten feststellen können, wie gut eure Arznei wirkt. Wir sollten dies jedem Bürger sofort mitteilen. Wenn sich dies kundtut, wird jeder bei Beschwerden zu euch kommen. Ihr werdet viel verdienen. Zum anderen müsst ihr mir noch dankbar sein, dass ich gar nichts von diesem wertvollem Pulver verschwendet hab. Jedes Körnchen befindet sich wahrlich noch in der Büchse.“
„Fort mit euch! Ihr wagt es noch Dank zu fordern?“
„Ihr wollt doch nicht einen kranken Mann fortjagen. Wo soll ich denn hin?“
„Oh doch, und ob ich euch hinauswerfe. Und nehmt eure Truhe sogleich mit. Keine Sekunde länger lasse ich euch in meinem Haus. Geht doch in das Heilig-Geist-Hospital, wenn ihr so krank seit, oder geht einfach zum Teufel. Mir einerlei.“
„Außerdem kann ich noch nicht gehen. Ich schulde euch noch Geld für die Medizin und das Nachtlager.“
„Verschwindet endlich. Ich will euer verfluchtes Geld nicht. Und jetzt hinaus!.“
Nur schwer konnte sich Dyl ein Lachen verkneifen. Aber das hätte Werinhard nur noch mehr aufgebracht. Dyl kannte die Unzulänglichkeiten der Menschen nur zu gut und wusste aus Erfahrung, dass er den Bogen nicht überspannen durfte.
Mühsam trug er die schwere Kiste die Treppe hinab. Werinhard half nicht dabei. Als Dyl durch die Tür schritt, wollte ihn der hinter ihm gehende Werinhard noch mit einem Fußtritt hinausbefördern. Doch Dyl wich flink aus, und Werinhard trat gegen den Holzrahmen. Ein Schmerzensschrei ertönte.
Dyl drehte sich um, weil er ein Lachen vernommen hatte. Da erblickte er Rudolf und Arnulf, die die Szene verfolgt hatten. Voller Häme verlachten sie den Apotheker, der wutentbrannt die Tür ohne ein weiteres Wort schloss
„Was ist denn mit dem alten Werinhard passiert? So wütend habe ich ihn noch nie gesehen. Das haben hier noch nicht einmal die Knaben mit ihren Streichen geschafft.“ Arnulf musste immer noch feixen.
„Ach, wisst ihr“, versuchte Dyl die Angelegenheit herunterzuspielen. „Ich wollte dem Apotheker nur helfen, Geld zu sparen. Und das war ihm auch nicht recht. So sind die Menschen eben. Doch sagt mir, wo das Heilig-Geist-Hospital ist. Dort werde ich nächtigen und gesundgepflegt werden. Tragt ihr wieder meine Truhe?“
„Natürlich, Dyl. Wir waren gerade auf dem Weg zu euch, weil wir uns nach eurem Befinden erkundigen wollten. Wir führen euch zum Heilig-Geist-Hospital in die Seestrate.“ Arnulf hob wichtig seine Brust hervor.
„Seht ihr, Jungens, so ist das Leben. Ich habe stets danach getrachtet und Gott allezeit gebeten, dass der Heilige Geist in mich kommen möge. Doch nun schickt Gott mir das Gegenteil: ich komme in den Heiligen Geist. Er bleibt außer mir, und ich komme in ihn.“
Die beiden Freunde hoben die Truhe auf und lachten angesichts des Wortspiels, welches Dyl von sich gegeben hatte. Sie kannten wohl den Spruch aus dem Johannes-Evangelium.
Vergnügt schritten sie mit der Truhe voran. Dyl folgte ihnen zum Hospital.
Dyl lag auf dem Bett. Eingefallen und müde war sein Gesicht. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Die Stimmen und Geräusche um ihn herum in dem Hospital störten ihn nicht. Seine Gedanken kreisten um eine ferne Person. Er hatte daher einen Wunsch. Damit gedachte er sich an seine zwei Freunde zu wenden. Langsam drehte er seinen Kopf zur Seite und blickte müde die Freunde an.
„Ihr seht, dass ich immer schwächer werde. So werdet ihr mir einen Gefallen tun?“
„Jeden den ihr wünscht, Herr.“
„Sendet eine Nachricht nach Cletlinge. 14Dort soll meine Mutter Ann Witcken benachrichtigt werden, dass ich hier im Sterben liege. Vielleicht wünscht sie mein Antlitz noch einmal zu sehen, und begibt sich auf die Reise.“
Rudolf, der wie Arnulf von dem Fremden bezaubert war, antwortete sogleich.
„Sofort werden wir einen Boten senden. Vertraut uns. Wir kümmern uns darum.“
„Ihr seid gute Jungen.“
Die Jungen rannten aus dem Hospital. Dyl fiel darauf in einen tiefen Schlaf.
Rudolf war ein intelligenter Junge. Da er des Schreibens nicht kundig war, lief er zum Schreiber der Stadt in das theatrum. Dort bat er ihn, ein paar Zeilen zu schreiben. Der Schreiber kam der Bitte nach und sorgte sogar dafür, dass ein Bote, der sowieso nach Süden aufbrechen wollte, den Brief einsteckte.
Täglich besuchten Rudolf und Arnulf den kranken Dyl. Wenn Rudolf dann abends zu Hause war, berichtete er beim Abendessen von den Erzählungen des Dyl. Weit war er demnach gereist. Er sprach von seinen Erlebnissen in Einbeck, Nürnberg, Magdeburg, Frankfurt, Bremen und vielen anderen Städten. Ein um das andere Mal lachten Arnulf und Rudolf herzhaft angesichts der lustigen Geschichten, in denen Dyl die Menschen dort zum Narren gehalten hatte. Dyl hatte demnach die Reden der Menschen dort allzu wörtlich genommen, womit er sich in einige brenzlige Situationen gebracht hatte. Ein um das andere Mal ernteten die Jungen daher wegen des Gelächters ernsthafte Blicke von den anderen Kranken und Beginen 15im Raum.
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