„Das hört sich gut an. So lasset uns sogleich aufbrechen, damit ich mich beim Apotheker versorgen kann. Die Reise ist mir nicht gut bekommen. Seitdem ich unterwegs bin, fühle ich mich krank und unwohl.“
Nach diesen Worten musterten die Jungen den alten Mann genauer. Er trug keinen Hut. Sein Haar war fast weiß, und das Unwohlsein stand ihm im Gesicht geschrieben. Falten zeichneten sich schon ab. Aber dennoch war in seinen Augen etwas zu erkennen, was den Jungen von erst dreizehn Jahren noch unbekannt war. Die Augen des Fremden blitzten manchmal trotz seiner Krankheit und seines Alters auf. Es war dann ein Leuchten in ihnen, die ein schelmisches Wesen verrieten. Die Intelligenz war dann nicht zu übersehen.
Gekleidet war der Fremde mit einem dunkelblauen normalen Wams mit Kragen. Der Wams war in einem ordentlichem Zustand. Ein sauberes weißes leinenes Hemd lugte unter den langen Ärmeln hervor.
An den Beinen trug er eine weite Spießgesellenhose, die in zwei vertikal laufenden Farben genäht war. Die Enden verschwanden dann in zwei braunen Wildlederstiefeln, die vorne sehr spitz zuliefen. Zusammengefasst war der fremde Herr gut gekleidet, und schien anhand seiner Kleider, welche aus gutem Stoff waren, nicht gerade zu den Ärmsten zu zählen.
„Dann ist es besser, wenn wir euch gleich zu der Herberge bringen“, resümierte Rudolf. „Seine Stube mit den Heilmitteln ist wohl schon geschlossen, denn es ist schon spät. Doch bin ich sicher, dass er sie für euch öffnen wird. Der Apotheker verabscheut nämlich keinen zusätzlich verdienten Taler.“
„Dann zeigt mir den Weg.“
Die beiden Jungen hoben zusammen die Kiste auf. Sie war jedoch so schwer, dass sie sie nach wenigen Schritten ebenfalls polternd fallen ließen.
„Bei Gott“, fluchte Rudolf. „Was zum Teufel habt ihr denn in der Kiste? Sie ist so schwer, als wenn sie bis oben hin mit Goldmünzen gefüllt wäre. Habt ihr etwa euren ganzen Reichtum in dieser schönen Kiste?“
Der fremde Mann beugte sich umsichtig zu den Jungen herunter, und flüsterte ihnen etwas zu. Dabei war er bedacht, dass niemand – auch nicht die Wachen, die unweit an der Brücke standen – von seinen Worten etwas mitbekam.
„Versprecht mir, niemandem etwas davon zu sagen. Euch aber will ich es kundtun. In dieser Kiste befindet sich mein gesamtes Vermögen. Passt also gut darauf auf. Wir wollen doch nicht, dass üble Räuber mir alles stehlen, oder?“
Wie selbstverständlich stimmten die Jungen ein, als wenn es nichts anderes geben würde.
„Aber natürlich, mein Herr. Ihr könnt sicher sein, dass ich euren Schatz wie meinen Augapfel hüten werde.“ Rudolf nickte inbrünstig.
Erneut hoben die Freunde die schwere Kiste hoch, und nun ging es besser vorwärts. Gemeinsam passierten sie die Brücke und die Wache, welche den Fremden kurz kontrollierte, und durchschritten anschließend das Innentor. Als sie sich auf der breiten Hauptstraße befanden, wurde beiden die Kiste erneut zu schwer. Sie mussten sie für einen Moment auf dem lehmigen Boden der Hauptstraße absetzen.
„Verehrter Herr, verzeiht, doch müssen wir einen Moment verschnaufen.“
Völlig erschöpft, und mit schmerzenden Armen, welche sich anfühlten als wenn sie gar einen ganzen Klafter 13in die Länge gezogen worden wären, hockten sich die Knaben auf die Kiste, und pusteten schwer.
„Euer … Schatz … ist … wahrlich … schwer“, sagte Rudolf, der immer noch gierig nach Luft hechelte.
„Du sagst es. Mancher Reichtum kann schon eine große Bürde und schwere Last sein. Wenn ihr wieder bei Kräften seid, so lasst uns weiter gehen. Ich sehne mich nach der Kunst des Apothekers.“
„Gleich, mein Herr. Die Kräfte kommen bald wieder. Doch sagt uns inzwischen, wenn es kein Geheimnis ist, was euch nach Molne trieb.“
Da war er wieder, dieser schelmische Blick des Fremden, den Rudolf schon vor dem Steintor aufgefallen war. Doch der Fremde antwortete nicht schelmisch, sondern ernsthaft.
„Mir wurde Molne empfohlen. Ich suchte einen ruhigen und friedlichen Platz. Wenn ich mich hier umsehe, so meine ich ihn gefunden zu haben.“
„Sicherlich“, schnell redete Arnulf dazwischen, weil er den Grund dafür zu wissen meinte, „braucht ihr einen ruhigen Ort zum Ausruhen, nach eurer langen Reise.“
Der Blick des Fremden klärte sich auf, doch die Worte die nun folgten waren nicht diejenigen, welche die Knaben erwartet hatten.
„Wisst ihr, ich habe schon viel gesehen. Ihrer zahlreich sind die Städte, durch die ich gekommen bin. Es sind Namen von Städten und Ländereien darunter, von denen ihr sicherlich noch niemals gehört habt. Doch das allein ist es nicht. Sicherlich bedarf es der Ruhe für mich nach den langen Reisen. Doch ich benötige Ruhe für lange Zeit. Und dies ist der eigentliche Grund meiner Reise. Ich suche eine ruhige und friedliche Stadt zum Sterben. Und wenn ich mir diese wohlhabende Stadt hier genauer ansehe, die großen Häuser mit ihren reich verzierten Türen und Giebeln, so meine ich den Ort gefunden zu haben, welcher mir ewigen Frieden für alle Zeit geben kann.“
Verdutzt sahen sich die Freunde an. Dies hatten sie nicht erwartet.
„Aber“, stammelte Rudolf, „ist nicht jeder Ort gleich gut zum Sterben? Vorausgesetzt Gott meint, die Zeit wäre gekommen euch heimzurufen.“
„Weit gefehlt. Ich bin durch Orte gekommen, da wollte ich schon nach wenigen Stunden wieder weg. Und schon gar nicht die Ewigkeit dort verbringen. Hier jedoch fühle ich mich heimisch. Doch jetzt lasst uns weitergehen. Nennt mir noch eure Namen.“
Arnulf erhob stolz das Wort.
„Dies ist Rudolf, und ich bin Arnulf. Und wie sollen wir euch rufen?“
„Nennt mich Dyl.“
Die Jungen hoben die Kiste an und trugen sie den Berg hinauf, bis sie den Marktplatz erreicht hatten. Auf ihm herrschte kein reges Treiben mehr. Der Markttag war zu Ende. Der Bäcker baute seinen Stand ab, ebenso der Obsthändler. An seinem Schrangen hatte der Knochenhauer seine fleischige Ware schon auf seine Handkarre geladen.
Die Knaben trugen die Kiste zu einer Herberge. An der Tür prangte neben dem Herbergsschild noch ein weiteres, welches den Besitzer außerdem als Apotheker auswies. Die drei betraten den Raum. Sogleich trat aus dem Nebenraum, der mit einem Vorhang abgetrennt war, ein kleiner schmächtiger Mann hervor. Listige Augen lugten oberhalb der spitzen Nase hervor. Einzelne Haarsträhnen, die auf seinem fast kahlen Kopf vereinsamt wirkten, hingen wirr durcheinander.
Der Apotheker Werinhard war für seine Schläue und seinen Hang zum Neckischen bekannt.
„Was kann ich für euch tun?“
Werinhards neugieriger Blick war kurz auf die verzierte Truhe gerichtet, welche mit lautem Geräusch unsanft von den Jungen abgestellt wurde. Sein geübter Blick verriet ihm sofort, dass er einen wohlhabenden Fremden vor sich hatte. Bei dem Fremden war viel zu holen. Dies konnte er für seinen Säckel ausnutzen. Aber da war noch sein uneingeschränkter Hang zur Neckerei. Für einen kurzen Moment zuckte sein linker Mundwinkel.
„Ich brauche eine Medizin für mein Unwohlsein. Und ein Zimmer benötige ich.“ Dyl war wahrlich nicht wohl. Er sehnte sich nach einem Ruhelager.
„Oh, ihr seht leidlich krank aus“, erkannte Werinhard mit einem Klang seiner Stimme, die voll von Mitleid war. „Ihr habt sicherlich Fieber. Euch kann durch mich geholfen werden. Ich habe ein wohliges Zimmer für euch, in dem ihr euch erholen könnt. Und die passende Arznei habe ich wohl. Seht hier in diese Büchse. Von dem pulvrigen Inhalt fülle ich diesen Becher halbvoll. Mit Wasser aufgefüllt wird es die richtige Medizin sein. Gleich morgen wird es euch wieder besser gehen.“
Dyl nickte und folgte Werinhard, der mit dem Becher in der Hand voranschritt. Die Knaben folgten den Männern mit der schweren Truhe die Treppe hinauf. Sie stellten erschöpft die Truhe ab. Werinhard gab Dyl den Becher zu trinken, welcher den Inhalt in einem Zug hinunterstürzte. Dann bettete er den Kranken der Länge nach hin. Sofort schloss Dyl seine Augen und fiel in einen tiefen Schlaf. Werinhard warf noch einen kurzen Blick auf die Truhe, entschied sich dann aber dafür, die beiden Dreizehnjährigen zur Tür zu begleiten. Sie ließen den Apotheker wissen, dass sie gleich morgens wieder erscheinen würden, um sich nach dem Zustand des Dyl zu erkundigen.
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