Am folgenden Tag wurde ein prächtiger Sarg geliefert. Die Beginen füllten ihn mit dem Leichnam und trugen ihn zum Friedhof neben der St.Nicolai-Kirche, denn Burkhard hatte sich mit seinem Gefolge davongemacht.
„Ihr könnt den Unglücklichen ruhig beerdigen, wenn ihr wollt. Ich habe nichts dagegen.“ So hatte er sich anfangs aus der Verantwortung gestohlen. Doch in seiner Pfarrei besann er sich eines Besseren. Schließlich hatte er dem Sterbendem versprochen, für ihn zu beten und sich um seine Beerdigung zu kümmern. Das Gewissen trieb Burkhard also doch noch zur Beerdigung.
An der ausgeschachteten Grube, am höchsten Punkt der Stadt nahe der Kirchenmauer, hatten sich schon viele Menschen versammelt. Dyl galt schon zu Lebzeiten bei den wenigen Menschen, die ihn kannten, als komischer Kauz. Aber das Geschehnis mit der Sau hatte sich schnell herumgesprochen. So hatten sich auch viele Sensationslustige eingefunden, um einfach dabei zu sein, sollte sich bei der Beerdigung wieder etwas Seltsames ereignen. Natürlich war so etwas unwahrscheinlich. Aber man wusste ja nie. – Sie sollten nicht enttäuscht werden.
Rudolf und Arnulf standen ebenfalls dabei, als die Beginen den Sarg neben der Grube abstellten. Burkhard trat hinzu und hob den Deckel an. Sofort stimmte er in ein lautes Gelächter ein. Alle Leute reckten ihre Hälse, um den Grund für den unpassenden Heiterkeitsausbruch zu erspähen. Sofort sprach sich der Grund des Gelächters herum. Auch die Bürger lachten sogleich auf, denn Dyl lag wieder verkehrt herum auf seinem Bauch. Nachdem sich das Gelächter gelegt hatte, hob Burkhard seine Arme, und sprach für alle vernehmbar:
„Dyl war schon im Leben ein seltsamer Gesell. Wie es scheint, mag er nicht wie alle anderen Christenmenschen beerdigt werden. So sei es. Er zeigt selber an, dass er verkehrt herum liegen will. Wollen wir also nach seinem Willen handeln.“
Wie der Pfarrer sprach, so wurde getan. Zwei Seile wurde am jeweiligen Ende unter dem Sarg durchgezogen. Kräftige Männer hoben nun auf das Zeichen Burkhards ihre Seilenden an und hoben den Sarg direkt über das Loch. Dann begannen sie, den Sark herabzulassen.
Just in diesem Moment riss das Seil, welches sich am Fußende befand. In dem Zeitraum eines Wimpernschlags flog der Sarg mit dem Fußende voran in das Grabloch hinab. Polternd kam der Sarg senkrecht stehend zum Halten.
Alle Leute reckten die Hälse und starrten so gut sie konnten in die Grube hinab.
Die anfangs verdutzten Sargträger wollten sogleich hinabsteigen, um den Sarg in die richtige Lage zu bringen, als Burkhard sie zurückhielt.
„Lasst den Sarg so, wie er jetzt steht. Dyl war wunderlich und seltsam zu Lebzeiten. Lassen wir ihn auch wunderlich in seinem Tode sein.“ Alle versammelten Leute stimmten ein, und so wurde das Grab nach einem Gebet zugeschaufelt. In Aussicht auf eine fette Erbschaft, wurden sodann Blumen auf das Grab gelegt. Außerdem bewirkte das Erbe, dass einige Männer sich dazu veranlasst sahen, einen Grabstein zu bestellen, der nach einigen Tagen auf das frische Grab gestellt wurde.
Auf der oberen Hälfte war ein Mann eingeritzt worden, der in der einen Hand eine Eule hielt, die wiederum einen Spiegel in ihren Krallen hielt.
Darunter befand sich die Inschrift:
„ Diesen Stein soll niemand erhaben 16
Hie stat Ulenspiegel begraben
Anno domini MCCCL iahr.” 17
Vier lange Wochen dauerte es, dem Testament entsprechend, bis zur sehnlichst erwarteten Verteilung des Erbgutes. Jeder im Testament Vorgesehene freute sich schon erwartungsfroh darauf, außer Arnulf und Rüdiger. Die beiden gingen widerwillig, und nur unter dem Druck ihrer münzensüchtigen Eltern, zur Öffnung der Truhe. Viel lieber hätten die beiden ihre Angelschnur an einem der vielen Seen rund um die Stadt ausgeworfen. Aber auf Geheiß ihrer Eltern mussten sie ihren Erbteil in Empfang nehmen.
Dann war der große Tag gekommen. Im theatrum trafen sich die Jünglinge, die Freunde, der Bürgermeister Johann Dannemann samt einigen Ratsherren, und zuletzt Pfarrer Burkhard als oberster Kirchherr. Es waren noch andere Herren anwesend, die als Zeugen bei der Öffnung fungieren sollten. Freudig waren die Blicke auf die kunstvoll verzierte Truhe gerichtet. Wenn diese Truhe schon von außen so kunstvoll verziert, und somit wertvoll war, welche unsagbaren Schätze mochten dann erst in ihrem Innern stecken? Die Erwartungen waren gigantisch.
Stolz nahm mit breiter Brust Johann Dannemann die Schlüssel in seine Hände. Wichtig führte er den ersten Schlüssel in das Loch des Schlosses. Doch sieh da, er passte nicht. Das störte ihn anfangs nicht. So nahm er den zweiten mit der Erwartung, dass sogleich das Schloss aufschnappen würde. Doch auch diese Hoffnung erwies sich als zerplatzte Seifenblase.
Nun, schon verunsichert, führte er den letzten Schlüssel zum Schloss. Doch siehe da, auch dieser ließ sich nicht drehen.
„Sie lässt sich nicht öffnen“, verkündete Dannemann an die Umstehenden. Ihm war es sichtlich peinlich.
„Hm“, sprach Burkhard. „Lasst mich mal versuchen.“ Der Pfarrer trat hervor und versuchte sich am Schloss, doch gleichfalls ohne Glück.
„Es ist nutzlos“, verkündete er. Die Schlüssel passen alle nicht. Sind wir wieder einem seiner Späße aufgesessen?“
Ratmann Hermann Dusekop ergriff kopfschüttelnd das Wort.
„Das glaube ich weniger. Ich glaube vielmehr, dass dies von ihm nur zum Schutz getan wurde. Bedenkt doch, wie viele Reisen Dyl unternommen hat. Ständig verkehrte er in fremden Herbergen. Sicherlich hatte er Angst davor, bestohlen zu werden. Ist es da nicht verständlich, dass er solche Vorsichtsmaßnahmen wie falsche Schlüssel getroffen hat? Ich selbst hätte ebenso getan.“ Einstimmig erntete Hermann dafür Zuspruch. Ratsherr Bruno Grothe gar lobte die Umsicht des Verstorbenen über alle Maßen.
„Seine Weisheit und Umsicht ist sehr lobenswert. Er war sehr vorausschauend. Vielleicht ist dies auch der Grund dafür, dass die Truhe in den letzten vier Wochen nicht ausgeraubt wurde? Wer weiß. Dafür müssen wir Dyl noch zusätzlich dankbar sein. Ansonsten würden wir jetzt ohne Schatz hier stehen.“
Der junge Bruno Grothe erntete viel Lob. So einigte man sich darauf, einen Schlosser herbeizurufen, der die Truhe zu öffnen verstand. Den besten Schlosser nahm man dafür. Denn es galt vorsichtig vorzugehen. Die kunstvolle Truhe sollte auf keinen Fall bei der Anwendung von Gewalt beschädigt werden. Schließlich wollte man die so kunstvoll in Eisen gearbeitete Truhe zum Andenken an den Verstorbenen aufbewahren. Das war man dem Wohltäter der Stadt für sein hinterlassenes Erbe ja wohl mindestens schuldig.
Endlich fand sich ein fähiger Schlosser. Aber er war nicht leicht zu haben und wollte seine Arbeit gut entlohnt wissen. Ihm waren die gierigen Blicke auf die Truhe nicht entgangen. So ließ er sich v o r Beginn der Arbeit dreißig Mark lübsch auszahlen.
Gerne zahlten die erwartungsvollen Erben großmütig das verlangte Honorar.
Der Schlosser war sein Geld wert. Endlich ließ sich die Truhe öffnen. Das Schloss war ohne größere Schäden geknackt, und mit einem quietschenden Geräusch hob Johann Dannemann den Deckel empor. Alle Blicke waren sehnsüchtigst auf das Innere der Truhe gerichtet.
Was folgte, war ein kräftiger Schock.
Das konnte nicht wahr sein. Nein, nein, und nochmals nein.
Steine, Steine und nochmals Steine. Die Truhe war bis obenhin mit Steinen gefüllt.
Die meisten sahen sich um ihr Erbe betrogen. Da niemand gleich wusste, warum die Steine in der Truhe lagen, bildete sich gleich Misstrauen den anderen gegenüber. Plötzlich hatte jeder den anderen in Verdacht, sich diesen Betrug ausgedacht zu haben. Jeder sah den anderen mit Zorn und Misstrauen an und beschuldigte ihn der offensichtlichen Tücke.
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