„Ich helfe dir. Aber lass uns dann bald beginnen, damit wir vor der Dunkelheit wieder zurück sind.“
„Wir können gleich los.“ Einen Moment verharrte Winfried, während er Eckhard durchdringend ansah. Vielleicht ahnte der Jüngling etwas von des Vaters Vorhaben.
„Übrigens,bin ich morgen früh nicht da. Gegen Mittag werde ich wohl wieder da sein.“
„Willst du nach Mulne ?“
Winfried überlegte schnell, ob dies der geeignete Moment wäre, Eckhard endlich die Wahrheit über seinen Plan mitzuteilen. Aber dann entschied er sich dafür damit zu warten, bis es soweit war, und seine Verhandlungen Früchte getragen hatten.
„Nein, ich will einen Freund in Drusen besuchen.“
Schweigsam trank Eckhard seine Molke aus und folgte dem Vater in den nahen Wald.
Winfried hatte für die Schönheit des Sees keinen Blick übrig. Auf der Westseite des Drusensees ging er dicht am Ufer nach Süden. Das Wasser des Sees plätscherte sanft von der Sonne beschienen an die Uferböschung. All diese Schönheiten der Natur sah Winfried nicht. Er hatte nur Gedanken für den Grund seines Weges. Der Grund seines Besuches in Drusen galt Eckhard. Der zwanzigjährige war jetzt wahrlich schon in dem Alter, verheiratet zu werden. Es galt für männlichen Nachwuchs zu sorgen, damit der bäuerliche Fortbestand seiner Familie gewährleistet werden konnte. Doch entgegen der Hoffnungen des Vaters hatte er bisher noch keinerlei Anstalten gemacht, eine Frau zu freien. Daher fühlte sich Winfried dazu verpflichtet, das Nötige zu unternehmen. Es ließ ihm keine Ruhe. Als passende Frau für seinen Sohn erschien ihm daher Gudrun, die fünfzehnjährige Tochter des Stefan aus dem Dorf Drusen, geeignet. Er kannte den Vater gut und war zuversichtlich, in Drusen den Handel zwischen ihren Kindern perfekt machen zu können.
Als er das Ende des Sees erreichte, sah er rechts den steil ansteigenden bewaldeten Hang hinauf. Dort oberhalb der Bäume befand sich auf einer leichten Anhöhe das Dorf Drusen. Es waren aber nur wenige Bauernhöfe vorhanden. Die Bauern hier waren wie er selber allesamt arm und froh, wenn sie des Abends Brot essen konnten. Lediglich ein paar Schweine, Kühe und Ochsen nannten die Bauern ihr Eigen, um ihre Felder bestellen zu können. Sonst waren sie nicht begütert. Die Schweine suhlten sich im Morast.
Winfried sah gleich, dass etwas nicht stimmte. Er sah die Bewohner des Dorfes zwischen ihren Häusern zusammenstehen. Gudrun stand abseits und heulte, die Hände vors Gesicht gehalten. Ihr Weinen war weithin vernehmbar. Ihre Mutter war bemüht sie zu trösten. Die Männer des Dorfes waren aufgebracht. Wild gestikulierten sie. Zornige Worte drangen dem nahenden Besucher entgegen. Verwundert trat er zu der Ansammlung.
„Gott zum Gruße. Was ist passiert?“
Stefan kam gleich zu Winfried, nachdem er ihn erkannt hatte. Zorn, Wut und Trauer waren gleichermaßen in seinem bärtigem Gesicht abzulesen. Er musste schlucken, bevor er seinem Freund aus Lutowe antworten konnte.
„Raubritter haben uns überfallen.“
Diese Nachricht erschreckte Winfried zutiefst.
„Sag das noch mal.“
„Du hast mich schon richtig verstanden. Es ist noch gar nicht so lange her, da sind sie abgehauen. Dort den Weg hoch, der an der Ostseite des Sees nach Norden geht.“
„Haben sie Euch was getan? Haben sie euch beraubt?“
Trotz des schrecklichen Ereignisses lachte Stefan kurz auf. Aber in seinem Gelächter schwang Wut, Trauer und eine große Portion Galgenhumor mit.
„Was glaubst du denn? Es sind wahrlich keine Mönche. Sie haben uns alles genommen, was ihnen Wert erschien. Geld hatten wir aber nicht viel. Mehrere geräucherte Schinken dagegen haben sie gefunden. An denen wollten sie sich gütlich tun.“
Stefan machte eine Pause, und Winfried merkte sofort, dass noch Schlimmeres passiert war. Etwas viel Unfassbareres, was Stefan sich noch nicht traute seinem Freund kundzutun. Winfried sah, wie der Blick des Stefan schmachvoll zu dessen Tochter hinüberging. Winfried verstand ohne Worte. Gudrun war Gewalt angetan worden.
„Haben sie deine Tochter …?“
Stefan nickte.
„Diese Schweine.“
Eine Weile der Stille verging. Es war nur das Weinen und Schluchzen von Gudrun zu vernehmen. Winfried sah zu ihr hinüber. Mit einem Mal war sie nicht mehr der Grund seines Besuches. Das hatte sich auf grausame Art erledigt. Er konnte sich nicht mehr vorstellen, dass ausgerechnet die geschändete Gudrun seinen Sohn ehelichen sollte. Durch die Vergewaltigung war sie in seinen Augen nicht mehr für Eckhard heiratsfähig. Er würde halt weitersuchen müssen. Deshalb verschwieg er Stefan nun den eigentlichen Grund seines Besuches.
Zugleich spürte er eine Gefahr, die ihn vollends gefangennahm, um ihn nahezu zu lähmen. Dieses schreckliche Gefühl fraß sich in seinem Innersten von unten nach oben hinauf und schien seine Eingeweide nach und nach zu zerfressen.
„Du sagtest, sie sind nach Norden geritten, an der Ostseite des Sees entlang?“
Ein Nicken folgte. Ein Frösteln durchzog Winfried daraufhin, obwohl es ein warmer Frühlingstag war. Es war nicht ausgeschlossen, dass die Räuber auf dem Weg nach Norden auch durch Lutowe zogen. Kleine ungeschützte Dörfer waren für Raubritter eine wahre Einladung. Schließlich war ihre Gier auf Beute noch nicht hinreichend gestillt worden. Geräucherte Schinken waren schließlich nicht gerade diejenige Ausbeute, wonach Raubritter sich sehnten. Ihre Gier war fast ausschließlich der Barschaft gewidmet. Schließlich wurden sie durch die vorherrschenden politischen Verhältnisse dazu gezwungen.
Mit einem Mal fürchtete er um seine Familie und sein Dorf.
„Wie viele sind es?“
„Es waren neun.“
Neun Räuber überfielen ein kleines ungeschütztes Dorf und vergewaltigten eine Tochter. Eine wahrlich schändliche und unrühmliche Tat. Keine Heldentat, die von den Barden voller Stolz zu besingen gewesen wäre. Doch zeigte dies eindrucksvoll, dass die Gier nach einfacher Beute und die Geldnot der Ritter in letzter Zeit sehr zugenommen hatten.
Das Rittertum war in einem Wandel. Die einst ehrbaren, den Armen verschriebenen Codices hatten ihren Wert verloren. Vielschichtig waren dafür die Gründe. Das Austragen von Fehden war stets ein Teil der ritterlichen Lebensweise gewesen. Das Herabsinken der Bedeutung des Rittertums mit seinen eigentlichen heroischen und edlen Motiven hing mit der verstärkten Verbreitung der Geldwirtschaft zusammen. Die wachsenden Städte mit ihrem kaufmännischem Hintergrund waren für den Untergang des Rittertums maßgeblich verantwortlich. Einst waren die Ritter in ihrer Blütezeit in lehnsrechtlicher Abhängigkeit. Doch durch den stärker wachsenden Einfluss des Geldes änderte sich dies. Die Abhängigkeit vom Geld stieg. Dadurch erhielt das Söldnertum einen Aufschwung, welches zu Lasten der Ritterschaft ging. Die Fürsten, Grafen und Könige selbst warben mehr Söldner an, um unabhängig in ihren militärischen Möglichkeiten zu sein. Dadurch war der Untergang des Rittertums eingeläutet. Doch die Kosten für Vieh, Knappen, Mägde und Knechte waren vorhanden und stiegen sogar. So wurden aus den edlen Rittern, deren eigentliche Grundsätze edel waren, räuberische Wegelagerer und Strauchdiebe, um ihre geldliche Not lindern zu können. Überfälle auf Handelsstraßen wurden üblich und vermehrt ausgeführt.
Auch auf Juden mit ihren gelben spitz zulaufenden Hüten, zu dessen Tragen sie seit Kaiser Friedrich II. verpflichtet waren, um sich von den Christen zu unterscheiden, wurden Überfälle verübt, weil dort sichere fette Beute vorzufinden war.
Sogar Fehden wurden provoziert, deren einziger Grund es war, plündernd durch die Lande zu ziehen. Der Zweck heiligte die Mittel. Das Leben der Ritterschaft wurde immer schwerer. Immer mehr schutzlos daliegende Dörfer wurden als leichte Beute angesehen.
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