Ulrich ging mit seinem Seelsorgereifer neue Wege. Für ihn war christliche Barmherzigkeit keine leere Phrase. Seine Barmherzigkeit gegenüber den Armen war landesweit bekannt.
Aber nicht überall war dieser Eifer beliebt. Die Herzöge störten sich daran, dass Bischof Ulrich immer mehr Einfluss auf die weltlichen Dinge zu nehmen versuchte. Sie gedachten daher Mulne zu stärken, und somit ein Gegengewicht zu einem immer stärker werdenden Bischof zu schaffen. Die Herzöge befürchteten, dass ihr weltlicher Einfluss in ihrer Grafschaft von dem Kleriker beschnitten werden würde, damit er alles den Armen geben konnte.
Ludolp war ein alter Mann geworden. Seine Bewegungen waren durch seine Gicht stark beeinträchtigt. Aber sein Verstand arbeitete noch einwandfrei, sodass er sein auf Lebenszeit verliehene Amt immer noch ausüben konnte. Er saß im theatrum und wartete auf Hermann. Die Händler benutzten das theatrum ebenfalls. Es war nicht nur Rathaus, sondern auch ein Handelsplatz für Tuchhändler geworden. Dieser Zustand ärgerte den Bürgermeister.
Er träumte schon seit langer Zeit davon, ein eigenes großes Rathaus zu besitzen, welches nicht mit Händlern zu teilen war. Ach, wäre das schön. Er wusste auch schon wo dieses Rathaus entstehen sollte. Am Rande des Marktplatzes, links neben der Kirche sollte es stehen. Ein großer Ratssaal mit großen Fackeln an den Wänden schwebte ihm vor. Doch waren das alles noch Träume, denn das Geld fehlte. Die zweite Hälfte der geraubten Stadtkasse war weiterhin verschwunden. Selbst die Einbeziehung des Lubecker Ratsherren Martin de Mulne hatte nicht das gewünschte Resultat erzielt. Das nötige Geld für die vielen Bauvorhaben in der Stadt musste noch beschafft werden. Aber das würde Lupold nicht mehr erleben. Lupold seufzte.
„Die Herzöge sind eben nach Racisburg geritten, um Bischof Ulrich zu sprechen.“ Lupold drehte sich um und gewahrte Hermann, der unbemerkt in den Ratssaal getreten war.
„Glaubst du, dass der Streit zwischen ihnen damit beigelegt ist?“
„Das glaube ich weniger, da alle drei charismatische Köpfe sind. Jeder verfolgt seine Interessen, auch wenn Ulrichs Interessen vorherrschend den Armen und nicht seinem eigenen Beutel zugute kommen. Aber wir könnten uns doch freuen, wenn sie sich nicht einigen.“
Lupold verstand ihn nicht.
„Wie meinst du das?“
„Ganz einfach. Weil der Streit Mulne zugute kommt. Sieh dich doch um. An allen Ecken wird gebaut. Die Stadt hat eine große Anziehungskraft auf die umliegenden Dörfer. Von überall her kommen die Bauern und Händler in die Stadt, um an den Markttagen ihren Geschäften nachzugehen. Der Marktplatz ist bald zu klein. Du siehst doch, das selbst hier die Tuchhändler Geld verdienen. Dadurch strömt viel Geld in unsere Kassen. Geld kommt auch durch unsere Zollstelle. Zwar bekommen die Herzöge als Landesherrn die Zölle der Warentransporte, doch erhalten wir auch unseren Obolus davon. Aber du weißt ja, dass das Geld auch dringend benötigt wird. Zum einen haben wir noch die Lücke des Raubes zu füllen, zum anderen sind die Bauvorhaben groß.
Was ich aber genau mit dem Vorteil, welcher uns durch den Streit erwächst, meinte, ist aber Folgendes: Sieh dir doch noch einmal genau die Urkunde an, in der das wicbeldesrecht bestätigt wurde. Dort steht der schöne Satz ad emendationem civitatis Mulne – zum Wohle der Bürger von Mulne. Die Herzöge haben uns Gultzow und Pinnow mit ihren zweiundzwanzig Hufen geschenkt. Aber nicht nur das. Wir haben auch noch jetzt die Pinnower Mühle erhalten, die dem Kloster Reinbek gehörte. Und auch die Mühle passt in das Bild, das die Herzöge uns stärker sehen wollen.“
„Aber dies Geschenk war nicht umsonst“, gab Lupold zu bedenken. „Das Kloster wurde für den Verlust der Mühle entschädigt.“
„Wohl wahr, aber nicht durch unseren Beutel, sondern durch den Beutel der Herzöge. Außerdem sind die Klöster nicht die ärmsten. Ich weiß noch genau, dass vor zwanzig Jahren das Kloster Reinfeld das Dorf Bälow, im Westen Mulnes gelegen, gekauft hat.“
„Jedenfalls haben wir unter diesen Herzögen nicht zu leiden. Es hätte schlimmer werden können. Du hast Recht, dass wir unter diesen Landesherrn gestärkt hervorgehen.“
Hermann lachte. „Vogt Henricus lässt sich hier schon gar nicht mehr blicken. Er weiß schon warum. Er hat schon verstanden, dass hier der Stadtrat zu sagen hat, und sich nur vom Herzog direkt und sonst niemandem hineinreden lässt.“
Auf dem Heimweg ging Hermann über den Marktplatz. Hier herrschte reges Treiben. Die Mägde kauften an den Ständen die Lebensmittel für die Mahlzeiten ihrer Herrschaften ein. Es wurde gefeilscht und gehandelt. Die Waagen balancierten so lange, bis sie in der horizontalen Lage stillstanden. Mit Genugtuung verfolgte der jüngere Bürgermeister dieses Bild. Hermann erinnerte sich zufrieden daran, dass der Marktfrieden urkundlich festgelegt war.
Van market vrede. So we den anderen up deme markete ouele handelet mit slande oder mit stotende. Oder mit so gedaner wis. He schal eme beteren na deme broke. Dar na deme rade mit dren marken sulueres. Unde wat de Ratman dar van nehmen willet des boret der stat twe del to. Unde deme richte dat dridde del.
Auf diese Weise wurde der Marktfrieden erhalten und ein ruhiger Warenhandel ermöglicht. Sollte einmal den Bäckern, Knochenhauern oder Schankwirten der Stadt ein Vergehen nachzuweisen sein, so sollte von der verhängten Strafe zwei Teile den Bürgern der Stadt, und ein Teil dem Gericht zukommen.
Neun Jahre später hatte Bruno als Schreiber eine wichtige Urkunde auf seinem Schreibpult liegen. Wieder war es eine Urkunde der Herzöge Johann und Albrecht II., in der die Weichbildrechte erneut bestätigt wurden. In dieser Urkunde vom 25. Juli 1272 wurde aber zusätzlich noch einmal darauf hingewiesen, dass das Lubeker Recht auch bei denen anzuwenden sei, die erst später nach Mulne gezogen seien, um in der Stadt zu leben.
Adicientes etiam quod Hii, qui ad hoc molne venturi sunt, ad faciendam mansionem ibidem.
Dieser im Vertrag verankerte Satz war auch nötig, denn es gab immer mehr Zuwanderer, die in die Stadt zogen. Denn Mulne wuchs unaufhörlich.
Unterhalb vom Slot wurde eine Mühle errichtet. Sie war ausschließlich für das Mahlen von Getreide vorgesehen. Der pultifex, der Müller, konnte sich über fehlende Getreidelieferungen aus der Umgebung nicht beschweren. Es gab derer reichlich.
Aber die Menschen, die neu hinzuzogen, brauchten vor allem Häuser. Deshalb wurden neue Straßen gebaut. Die See-, die Haupt- und die Mühlenstrate wurden nach Süden verlängert. Dazu entstanden in dieser dritten Phase der Stadtentstehung neue Straßen. Es kamen die Bleystrate und der Wallgraben hinzu. Damit war der gesamte Werder bebaut.
In diesen Jahren sollte sich aber auch das äußere Bild der Stadt ändern. Endlich wurde mit dem Bau der langersehnten, Schutz gebenden Stadtmauer begonnen. Sie schloss die neuen Straßen mit ein. Im Süden und Osten, wo kein See die Stadt begrenzte, wurden die schon von der Natur vorgefundenen Gräben noch weiter zu wehrhaften Stadtgräben ausgebaut.
Drei Stadttore wurden erbaut, durch die in Zukunft die gesamten Transporte der Ware gehen sollten. Im Süden stand das Steintor. Durch dieses zogen nun die Salzkarren aus Lüneburg und gelangten auf die Hauptstraße. Im Norden, kurz vor der Holzbrücke, stand das Gultzower Tor. Im Osten stand neben der neuen Mühle das Pinnower Tor.
Die Beweggründe, warum die Menschen in die nahe Stadt zogen, mochten auf den ersten Blick verschiedene Ursachen haben, aber letzten Endes waren sie doch in einem Satz zusammenzufassen: die Hoffnung auf ein besseres Leben.
So hatte dennoch jeder seine eigene Geschichte.
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