Seit im Jahre 1250 Kaiser Friedrich II. gestorben war, hatten sich die Zustände im Reich verschlechtert. Für die Nachfolge in Frage kommende Nachkommen oder Verwandte aus seiner Linie starben nach und nach, und es war niemand da, der das Stauferreich hätte weiterführen können. Es gab keinen starken Mann mehr im Reich. Diese kaiserlose Zeit war eine düstere. Einzig Rudolf von Habsburg, das Patenkind des Kaisers, hatte die Königswürde verdient, doch scheiterte er bisher an den Machtintrigen und Fehden der kleineren Fürstenhöfe. Auch die Grafschaft Racisburg blieb von diesen Auswucherungen der kriegerischen Selbstherrlichkeit des Adels nicht verschont.
Plötzlich hatte es Winfried sehr eilig. Er ließ die trauernde Dorfgemeinschaft zurück. Ohne ein weiteres Wort zu sagen lief er den Hügel zum See hinab. So schnell seine alten Beine ihn tragen konnten, eilte er am Ufer des sonnenbestrahlten Sees entlang.
Er keuchte bald schwer. Das schnelle Laufen war er in seinem Alter nicht mehr gewohnt. Ja, als Junge konnte er damals uneinholbar laufen. Aber heute? Bald war er außer Atem und keuchte angestrengt, während seine Hände sich auf den Oberschenkeln abstützten. Nach kurzer Pause ging es weiter. Er lief so schnell er konnte.
Doch er war nicht schnell genug.
Der Drusensee endete in den Lutower Bek, der wiederum nach wenigen hundert Metern in den Lutower See mündete. Kurz vor der Einmündung war auf der linken Seite eine Mühle 10erbaut worden. Diese Mühle wurde durch den Bek gespeist und angetrieben. Das kleine Dorf Lutowe mit seinen wenigen Höfen befand sich östlich der Mühle am südlichen Rand des Lutower Sees. Doch dies hinderte den Raubritter mit seinen Männern nicht, hier zu rauben.
Winfried war über den Bach gelangt, und da sah er sie schon. Seine Beine bewegten sich voran, so schnell wie sie es vermochten. Eine Menge Leute sah er stehen. Anscheinend hatte niemand Zeit gehabt, sich hinter den sicheren Palisadenzäunen zu verschanzen. Wohl zu schnell waren die Raubritter in das Dorf eingedrungen. Die Raubritter standen um die Dorfbewohner herum, die sich in ihrer Mitte ängstigten. Fäuste prügelten auf einen geduckten Mann ein. Schützen konnte dieser sich nicht, weil seine Arme von zwei Kumpanen festgehalten wurden.
„Nein.“
Die Raubritter waren mit ihrem Tun und ihren scherzhaften Kommentaren so beschäftigt, dass sie den Herannahenden zuerst gar nicht bemerkt hatten. In diese Situation stolperte Winfried unvorbereitet, und wie sich herausstellen sollte hilflos, hinein.
Sogleich, nachdem die Räuber auf den neuen Ankömmling aufmerksam geworden waren, traten zwei mit erhobenen Waffen auf ihn zu und nahmen ihn in Gewahrsam.
Erst da wurde es Winfried bewusst, wie töricht er sich hatte gefangennehmen lassen, anstatt erst einmal aus der Entfernung zu beobachten. Aber die Angst um seine Frau Jolanthe und seine Kinder hatte ihn in diese aussichtslose Lage getrieben.
„Wen haben wir denn da?“
Ein Ritter im Kettenhemd trat hervor. Er trug eine lederne Haube. In seiner rechten Hand hielt er halbhoch ein poliertes Schwert mit schwarzem Griff. Ein ungepflegter Bart zierte das Gesicht. Darüber stierten Winfried dunkle Augen an.
„Wer bist du?“
„Ich wohne hier. Lasst den Mann los.“
Da trat ein stämmiger Kampfgefährte des Ritters hervor, und fuchtelte mit seinem Schwert vor Winfrieds Brust umher.
„Rede nicht lange mit diesem Bauerntölpel, Petrus. Stechen wir ihn endlich ab. Dann holen wir uns, was wir gebrauchen können, und dann verschwinden wir. Es gibt noch andere Höfe wo was zu holen ist.“
Petrus Riebe drehte sich kurz zu seinem Gefährten um.
„Nachher, Konrad. Ich bin hier noch nicht fertig. Ich glaube wir haben hier einen Bauern, der es nicht versteht einem Ritter Respekt zu zollen.“
Petrus Riebe war ein stolzer Adeliger. Ungern sah er es, wenn sich ein Bauer gegen ihn auflehnte. Schließlich war er nicht irgendein Ritter, sondern ein Verwandter des Ritters Hermann Riebe, welcher als Statthalter des askanischen Herzogs Albrecht II. fungierte. Der Herzog weilte nämlich derzeit am Hofe von König Rudolf von Habsburg, dem Patenkind Kaiser Friedrich II. Mit Hermann Riebe hatte Albrecht II. einen Hauptmann für seine Truppen eingesetzt, wie er fähiger hätte nicht sein können. Hermann Riebe war weise, fromm und milde. Die Ritter und Knechte dienten deshalb gern unter seinem Schilde. Jeder Fürst wäre froh gewesen, so einen Mann als Hauptmann seiner Truppen zu haben.
Aber Petrus war nicht wie sein Verwandter geartet. Ihn trieb es von seiner Ritterburg in die Umgebung hinaus um zu rauben, zu plündern und zu vergewaltigen. Darin sah er seine Bestimmung. Er und andere Ritter nutzten ergo die Abwesenheit des Herzogs aus, um sich zu bereichern. Für Hermann Riebe war es trotz seines guten Charakters eine undankbare Aufgabe, gegen seinen raubenden Verwandten vorzugehen. Dies stürzte ihn nämlich in einen Gewissenskonflikt. Petrus wandte sich wieder dem aufmüpfigen Bauern zu.
„Du hast hier gar nichts zu sagen. Das Einzige, was ich dir erlaube zu sagen ist, wo sich dein Säckel befindet.“
„Nichts bekommt ihr, ihr ehrlosen Räuber. An wehrlosen Mägden könnt ihr euch wohl in der Überzahl vergreifen, aber sonst seid ihr feige.“ Winfried schrie wütend die Worte.
Nachdenklich schaute der Ritter den Widerspenstigen an. Er war es nicht gewohnt, dass ein überfallener Dorfbewohner hartnäckig Widerstand leistete. Er erlebte es normalerweise, dass die Opfer jammerten, wimmerten und um ihr armseliges Leben flehten. Das mochte er, und das tat seinem Ego gut. Doch dieser Mann war anders. Er wehrte sich ohne Rücksicht auf seine Familie und sein eigenes Leben. Es galt daher ein Exempel zu statuieren.
„Welches ist dein Haus?“
Er erhielt keine Antwort. Dafür sammelte Winfried aus seinem Innersten den gesamten Speichel den er erreichen konnte, und zog ihn hoch. Mit voller Wucht spuckte er ihn dem Anführer der Räuber ins Gesicht. Der Speichel rann von dessen Augen und dem Bart langsam hinunter. Der Gedemütigte war von diesem Gefühlsausbruch so überrascht, dass er zuerst nur still dastand. Seine Augenlider verengten sich gefährlich zu schmalen Schlitzen. Alle Dorfbewohner sahen ängstlich zu Winfried hinüber. Dazu hatten sie allen Grund.
Petrus Riebe wischte sich den Speichel aus dem Gesicht. In den Augen war purer Zorn zu lesen. Dann ging es schnell. Seine Fäuste droschen auf den Wehrlosen ein. Es ging so lange, bis Winfrieds Gesicht blutig verschmiert war. Einer seiner wenigen Zähne fiel heraus.
„Das geschieht allen, die sich mir widersetzen. Es wäre mir ein Leichtes gewesen, ihn zu töten. Wer es weiterhin wagen sollte, sich mir zu widersetzen, den werde ich mit meinem Schwert durchbohren. Haben wir uns verstanden? Jetzt gebt mir eure Barschaft. Aber schnell. Und zeigt mir endlich, welches Haus diesem unvorsichtigem Trottel gehört.“
Keiner wagte sich mehr gegen die gewalttätigen Männer aufzulehnen. Gehorsam folgten sie den Anweisungen. Sie ließen Walter bewusstlos liegen. So sah Winfried nicht, wie sein Haus in Flammen aufging. Das trockene Holz und Reet brannte schnell herunter. Oberhalb der hohen hellen Flammen stieg schwarzer Qualm wie eine Drohung gen Himmel und war weithin sichtbar.
Dann durchsuchten die Räuber intensiv alle Höfe des Dorfes. Deren Besitzer ließen die Stärkeren gewähren. Doch sie trugen nicht viel heraus. Gering war die Beute der Raubritter. Deshalb machten sie sich bald auf den Weg nach Nordosten. Genauso schnell wie sie gekommen waren, ritt Petrus Riebe mit seinem Gefolge von dannen. Die Räuberbande ließ eine wütende und trauernde Dorfgemeinschaft zurück. Jolanthe lief sofort zu ihrem Mann und kümmerte sich um den Verletzten. Gernot, ein hagerer Bauer, trat zu Eckhard.
„Es tut mir leid.“
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