„Wir sind dir sehr dankbar, dass du uns die Fibel gebracht hast. Vielleicht sind wir den Räubern auf der Spur. Aber du brauchst jetzt nicht mehr anwesend zu sein. Der Rat der Stadt dankt dir.“
Mit diesen Worten schob er den verdutzten Walter aus der Tür und schloss sie hinter sich. Dann drehte er sich langsam um.
„Also Wilhelm, ich höre.“
Wilhelm war nicht sicher, deshalb zögerte er mit seiner Antwort.
„Ich bin mir nicht sicher, da es wohlweislich ähnliche Scheibenfibeln gibt. Es ist noch gar nicht lange her, da waren die neuen Bürger aus Gultzow hier. Sie waren hier in der Stadt, um ihren Bürgereid zu leisten, durch welchen sie sich als neue Bürger unserem geltenden Recht unterwerfen. Nachdem sie hier ihren Eid geleistet hatten, war einer von ihnen noch bei mir, um mit mir über ein Schwein zu verhandeln. Dieser Mann trug eine solche Fibel. Sie war deutlich oben auf seiner Brust zu erkennen. Aber wie gesagt, bin ich nicht sicher, ob sie es war. Es gibt sicherlich viele ähnliche Scheibenfibeln.“
„Wir werden sehen, ob er es war. Jedenfalls ist es ein Hinweis, dem wir nachgehen müssen. Ansonsten haben wir keine Spur. Morgen gleich nach Sonnenaufgang werde ich mit einigen Bütteln nach Gultzow aufbrechen. Wir werden sehen. Sollte er unschuldig sein, so haben wir das zu akzeptieren, und ich hoffe in diesem Fall, dass es bald weitere Spuren gibt.“
Hermann meldete sich noch einmal. „Dann werden wir also unseren Vogt Henricus über unseren Verlust nicht ins Bild setzen. Sind wir alle einer Meinung?“
Allgemeine Zustimmung war zu vernehmen. Friedrich erhob sich noch einmal.
„Wie ich schon zu bedenken gab, wäre dies ein großer Fehler. Vielleicht ist bald das Geld wieder da, und die ganze Aufregung war umsonst. Dann wäre es schade den Vogt damit belästigt zu haben.“
Friedrich schmunzelte, trotz der Ernsthaftigkeit der Lage. Aber die Abneigung gegenüber dem von Herzog Albrecht eingesetzten Vogt Henricus hatte mehrere Gründe. Zum einen war der Vogt als Mensch den Bürgern, und vor allem dem Rat, äußerst unsympathisch. Das lag einerseits daran, dass der Vogt Wert darauf legte, nicht mit seinem gewöhnlichen Geburtsnamen Heinrich, sondern in der latinisierten Form Henricus angesprochen zu werden. Er legte sichtbar wert darauf, sich vom gemeinem Pöbel abzusetzen. Schließlich war er ein Vogt. Sollte jemand einmal die Unverfrorenheit besessen und nicht den lateinischen Namen benutzen, so konnte der arrogante Henricus sehr nachtragend und empfindlich reagieren.
Zum anderen lag es daran, dass der Rat der Stadt eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber dem Herzog anstrebte. Henricus war in seinen Kompetenzen schon sehr eingeschränkt worden.
Das hatte seine Ursache aber auch darin, dass die Stadt wuchs, die Einkünfte gestiegen waren, und die Ländereien um die Stadt herum zunahmen. Alleine der Grundbesitz durch die Schenkungen der Dörfer Gultzow und Pinnow war um das dreifache angewachsen. Der eingezogene Wohlstand ließ die Machtgelüste beim Rat der Stadt wachsen. Der geheime Wunsch des Mulner Rates war, eines Tages zu einer freien Reichsstadt ernannt zu werden. Deshalb wurde der Vogt Henricus nur ungern in der Stadt gesehen.Und gerade jetzt, wo der Wohlstand der Stadt so gewachsen war, wurde die Stadtkasse geraubt!
Es waren zehn Männer, die am nächsten Morgen über die Holzbrücke nach Norden schritten. Nachdem sie den Hügel erklommen hatten, kam links des Frachtweges ein kleines Dorf in Sicht. Das war Gultzow. Keine zehn Häuser standen wahllos herum, die ausschließlich von Bauern bewohnt wurden. Es waren um die zehn Hufen Land, welche der Stadt geschenkt worden waren, die von den Bauern bearbeitet wurden.
Direkt an den teilweise schäbigen Häusern, die vorwiegend aus Holz gezimmert worden waren und deren Wände aus einer Mischung von Stroh und Lehm bestanden, lief das Vieh herum. Hühner gackerten und Schweine suhlten sich im Schmutz.
Ludolp führte die Abteilung an. Hinter ihm ging Hermann. Ihnen folgten zwei weitere Ratsmitglieder. Am Ende gingen sechs Büttel, die sich für alle Fälle mit Schwertern und Lanzen bewaffnet hatten. Zwei davon waren zusätzlich mit Pfeil und Bogen versehen. Sicher war sicher. Der Bürgermeister wusste nicht, was sie erwarten würde.
Die Abordnung kam am ersten Bauernhof vorbei. Sie vernahmen ein Klopfen. Als sie um die Ecke kamen, erblickten sie einen Bauern, der Holz hackte. Trotz der winterlichen Kälte liefen ihm Schweißtropfen von der Stirn herab. Sie traten auf ihn zu. Als der Bauer sie gewahrte, hielt er mit seiner schweißtreibenden Arbeit inne.
„Wir suchen Siegbert. Welches Haus bewohnt er?“
Verächtlich spuckte der Bauer zur Seite.
„Siegbert sucht ihr? Na, da wünsche ich euch viel Glück.“ Der Bauer hob lächelnd sein Beil erneut, um mit seiner Arbeit fortzufahren.
„Wie meinst du das?“
„Wie ich es sage. Der Kerl ist doch meist nicht zu Hause. Der hängt mit seinem Freund Gunther doch immer irgendwelchen Träumen nach. Aber davon wird niemand satt. Sieh dir doch nur mal sein Haus an. Das da drüben.“ Sein langer Zeigefinger zeigte in die Richtung.
„Es regnet rein, die Bretter lösen sich von der Wand. Letztens hat er sein letztes Schwein dem Knochenhauer verkauft. Na, Siegbert wird sicherlich nicht alt werden.“
„Danke für deine Auskunft.“ Ludolp rümpfte die Nase.
„Es kann sein, dass ihr seine Frau antrefft, wenn sie nicht besoffen ist. Aber so früh am Tag könnte es sein, dass sie noch nüchtern ist. Wenn ihr Glück habt.“
Der Bauer lachte der Abordnung hinterher und hob sein Beil empor, um Schwung zu holen.
Die Männer der Stadt gingen zum gezeigten Hof. Wahrlich machte das Haus einen heruntergekommenen Eindruck. Das Dach war undicht und der Dreck unübersehbar. Der Bürgermeister rief nach Siegbert und seiner Frau, doch niemand antwortete. So betraten er und all seine Männer das Innere. Gestank, der von Fäkalien, Mist und anderen undefinierbaren Dingen herrührte, schlug ihnen entgegen. In dem dunklen Wohnraum war die Armut unübersehbar. Staub, Dreck und kaputte Gegenstände lagen überall herum. In der hintersten Ecke hörte der Bürgermeister ein Rascheln. Sie traten näher und sahen eine Frau, die auf dem puren Stroh schlief.
„Weib, steh auf!.“
Die Frau erwachte, und ihr Oberkörper mit hängenden Brüsten richtete sich auf. Dreckige verwahrloste Haare hingen ihr ins Gesicht. Ein Gebiss voller Lücken in einem dreckigen Gesicht wurde den Männern offenbar.
„Was wollt ihr?“
„Wir suchen Siegbert.“
„Ich hab’ den Taugenichts schon seit Tagen nicht mehr gesehen. Ich weiß nicht, wo er ist. Und jetzt verschwindet, ihr unnützes Pack. Ich habe zu tun.“
Im gleichen Moment kippte die Frau wieder nach hinten um und fiel in einen tiefen Schlaf. Ein gleichzeitig einsetzendes Schnarchen zeugte davon. Ludolp trat zu ihrem Lager hin. Dann bückte er sich, um die Frau an der Schulter zu schütteln. Er sagte sich, dass sie so früh am Tage noch nicht so viel getrunken haben konnte, sodass er sie wieder wach bekäme. Er schüttelte sie, doch war sie nicht wach zu bekommen. Da vernahm er ein Geräusch. Zuerst war es noch sehr leise, doch wurde es immer lauter. Er kannte es. Es war ein Pferd.
Neugierig, wer das hier sein könnte, ging er an seinen Männern vorbei zur Tür. Gerade als er heraustrat, kam ein dreckig wirkender Bauer auf ihn zu. Der Bauer war von einem Pferd gestiegen und hatte die Zügel an einem hervorschauenden Brett festgemacht. Dann wollte der Mann ins Hausinnere. Am Eingang trafen sie sich. Ludolp kannte den Mann nicht, doch wusste er sofort seinen Namen.
„Siegbert.“
So eine schnelle Reaktion hatte Ludolp dem Siegbert gar nicht zugetraut. Sofort drehte er sich um und lief davon. Ludolp hinterher. Hermann und die Büttel folgten. Sie liefen alle über die dünne Schneedecke. Doch der Abstand zwischen Ludolp und Siegbert vergrößerte sich immerzu, denn Siegbert lief um sein Leben.
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