Auf diese Hiobsbotschaft hin beschleunigte Waldemar seinen Ritt. Ohne in Machtkämpfe um die dänische Krone verwickelt zu werden, gelang es Waldemar nach der Beerdigung, mit allgemeiner Unterstützung in den Weihnachtstagen des Jahres 1202 zum König gekrönt zu werden.
In dem nächsten halben Jahr hatte er keine Zeit, sich um seine südlichen Ländereien zu kümmern. Im August 1203 zog es ihn dann wieder nach Lubecke, da es galt, den Widerstand der letzten Feste Nordalbingiens, die Louwenburg, zu brechen.
Auch diesmal führte der Weg des Heeres durch die kleine Stadt Mulne. Auch diesmal war er kurz angebunden und verzettelte sich nicht in Kleinigkeiten, die an ihn herangetragen wurden. Offen stellte er seine Zuversicht dar, endlich die widerspenstige Louwenburg zu bezwingen. Am nächsten Tag gab er den Befehl zum Aufbruch, und die Bürger sahen erneut deprimiert und gleichzeitig enttäuscht den marschierenden Fußtruppen hinterher.
Doch sollte diesmal sein Feldzug und der ganze Aufwand nicht umsonst gewesen sein. Die Rammböcke prallten mit gewohnter Heftigkeit gegen das verstärkte hölzerne Tor. Die Pfeile flogen vehement und unablässig über die mit Zinnen gespickten Burgmauern in beiden Richtungen. Da die Verteidiger in Anbetracht dieses ständigen Druckes allmählich müde wurden und außerdem auch die Vorräte zu Ende gingen, waren sie eines Tages zu Verhandlungen bereit. Ihnen war klar geworden, dass gegen den ständigen Druck der Dänen die Burg nicht mehr lange zu halten gewesen wäre. So wollten sie vor dem bitteren Ende noch retten, was zu retten war.
Nach anfänglich zähen Verhandlungen einigten sich die verfeindeten Parteien. König Waldemar hatte danach sein Ziel erreicht, denn ihm sollte die Burg übergeben werden. Dafür durften die Eingeschlossenen mit ihren wertvollen Truhen lebend und ungehindert abziehen. Darüber hinaus waren beide Seiten noch an weitere Verpflichtungen gebunden. Der König willigte ein, den gefangenen Grafen Adolf III. freizulassen. Dafür verlangte er jedoch zwölf wichtige Geiseln. Es handelte sich dabei unter anderem um die beiden Söhne des Grafen Adolf, einen Sohn des Grafen Ludolf von Dassel und um einen Sohn des Grafen Heinrich von Dannenberg. Diese zehn Jahre Geiselhaft konnten nur verkürzt werden, sollten entweder der König Waldemar oder der Graf Adolf vor Ablauf dieser Frist sterben. Graf Adolf selbst musste die Bedingung eingehen, auf seine Ansprüche gegenüber seiner ehemaligen Grafschaft nördlich der Elbe für immer zu verzichten. Er selbst kehrte daraufhin niedergeschlagen in seine Ländereien an der Weser zurück.
König Waldemar II. war jetzt uneingeschränkter Herrscher nördlich der Elbe. Stolz stand er, die Händn in die Seiten gestemmt, auf den Zinnen der Burg und sah auf die unter ihm träge dahinfließende Elbe herunter. Weit konnte er auf das flache Land, welches sich im Süden jenseits der Elbe vor ihm ausbreitete, hinausschauen.
Jetzt war es soweit, dass sich der König um andere Angelegenheiten des dänischen Reiches kümmern konnte. Da Mulne auf dem Weg nach Lubecke lag, machte sein Heer erneut dort Station. Die Nachricht vom Fall der stolzen Louwenburg war ihm vorausgeeilt. Ihm wurde ein Empfang geboten, den er nicht so schnell vergessen sollte. Die Mulner Bürger hatten ihre Zurückhaltung aufgegeben und standen jubelnd Spalier, als die Dänen wieder auf den Werder zogen. Ob das nun ehrliche Freude war oder die Mulner nur jubelten, um dem dänischen König zu gefallen, wusste Waldemar nicht. Er ahnte es jedoch, da sie etwas von ihm wollten. Mit einem zufriedenen Grinsen stieg er vor dem Haus des Lokators ab.
Werdago de Mulne und der Lokator Konrad Wackerbart standen bereit, als der König vom Pferd stieg. Hinter ihnen hatte sich das Volk versammelt. Es drängte sich, zwar langsam und vorsichtig, jedoch immer näher heran. Neugierde und Hoffnung war in den Blicken der Menschen zu lesen. Der König lächelte immer noch, als er mit seinem langen lockigen braunen Haar dastand. Wie auf ein Kommando gingen nicht nur Werdago und der Lokator in die Knie, sondern ebenfalls die gesamten Bürger dahinter. So wollten sie dem König ihre Ergebenheit demonstrieren. Waldemar grinste immer noch, als er mit einem Handzeichen den Leuten gebot sich zu erheben.
„Volk von Mulne. Hört mich an. Ich werde eurer Bitte nachkommen, und eurer Stadt das lübische Stadtrecht verleihen. Der Lokator soll seinen Schreiber anweisen eine Urkunde zu erstellen, die ich mit meinem Siegel beglaubigen kann. Die Geiseln jedoch, die mein Bruder aus euren Reihen nahm, bleiben weiterhin bei uns, bis die zehn Jahre vergangen sind. Ich kann euch versichern, dass es ihnen allen gut geht. Keinem wurde ein Haar gekrümmt. Und so wird es auch bleiben, wenn ihr vernünftige Menschen seid. Seid deshalb treue dänische Untertanen, und ihr werdet es nicht bereuen. Nach Ablauf der Zeit werden sie unbeschadet zu euch zurückkommen. So wohl an. Geht an eure Arbeit zurück.“
Die Einwohner gingen darauf hin frohgelaunt in ihre Häuser oder ihrer Arbeit nach. Werdago und dem Lokator hatte der König jedoch durch ein Zeichen bedeutet, das er sie noch sprechen wollte. Die beiden Genannten verharrten.
„Kommt mit. Ich habe mit euch zu reden.“
Als ob Waldemar sein ganzes Leben lang König gewesen wäre, so schritt er würdig voran. Jeder Zentimeter seines gestählten Körpers strahlte eine Würde aus, die nur den besten Königen eigen ist. Sein bisheriges Leben als Prinz und Herzog hatte ihn jeden Tag auf diese Aufgabe vorbereitet. Von sich aus hätte er nie der Krone wegen die Hand gegen seinen Bruder erhoben, wie es in anderen Königshäusern bisher nicht selten geschehen war. Dazu war er ein zu treuer und verantwortungsvoller Mensch gewesen. Mit Knud hatte ihn außerdem wahre Bruderliebe verbunden, die keinen Neid zwischen ihnen zugelassen hatte. Doch durch das plötzliche Verscheiden Knuds war nun seine Stunde gekommen, die er zu nutzen verstand. Seitdem war er als gerechter König, aber auch als harter Mann bekannt, der genau wusste, was er wollte.
.„Lange Rede, kurzer Sinn. Ich möchte, dass du, Werdago, der erste Bürgermeister der Stadt Mölln wirst. Du sollst dir vier ständige Ratsmitglieder aussuchen. Danach sollen sie in zeitlichen Abständen in freier Wahl der Bürger gewählt werden. Außerdem wünsche ich, dass Konrad Wackerbart weiterhin als Vogt tätig ist. Durch das lübische Stadtrecht habt ihr ja dann sowieso das Recht, einen Rychtevoghede , einen Richteherrn zu ernennen.“
Die beiden Männer strahlten. Sie waren am Ziel ihrer Wünsche. Sie konnten ihr Glück nicht fassen. Endlich war es soweit. Nun galt es dennoch eine gewisse Bescheidenheit an den Tag zu legen.
„Ihr seid zu gütig, mein König. Wir werden euer Vertrauen nicht missbrauchen Zu eurer vollsten Zufriedenheit werden wir unser Amt ausführen.“ Werdagos Worte klangen feierlich.
„Das hoffe ich doch sehr, dass ihr mir weiterhin keine Scherereien macht. Dies würde nur unnötige Probleme aufwerfen.“ Ein Seufzer war aus des Königs Worten herauszuhören.
„Aber ich bin noch aus einem anderen Grund mit euch hier heraufgestiegen. Wie ich sehe, habt ihr die Bergspitze hier von Häusern freigelassen. Dies war wohl nicht ohne Grund geschehen. Wie werdet ihr bisher von der Kirche besorgt? Ich sah hier noch kein Gotteshaus.“
„Der Pfarrer des Dorfes Bredenvelde kommt regelmäßig hierher. Wir sind kirchlich ein Teil seiner Gemeinde. Die Gottesdienste halten wir im Freien, ansonsten im Krug ab.“
„Hm.“ Der König kraulte seinen Bart. „Das dachte ich mir. Deshalb habe ich beschlossen, hier an dieser Stelle wo ich stehe eine große Kirche bauen zu lassen. Sie soll nach dem Schutzpatron der Seefahrer und Kaufleute, dem heiligen Sankt Nikolaus, benannt werden, wie es Sitte bei Kirchen unweit des Meeres ist. Ich gehe einmal davon aus, dass euer zuständiger Bischof Isfrid von Racisburg sich nicht meinem Wunsch widersetzt, und somit dem Namensvorschlag zustimmen wird. Aus diesem Grund werde ich euch einen Kirchenbaumeister und Fachleute senden, die euch bei der Errichtung der Kirche helfen werden. Die Kirche soll nach dänischer Baukunst und Art errichtet werden. Ist dies nach eurem Gefallen?“
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