Sein Misstrauen schwand nicht.
„Wo ist meine Unterkunft?“
Das war alles, was der König entgegnete. Da die Mulner nicht auf einen so großen Besuch eingerichtet waren, so fehlte ihnen eine für einen König würdige Unterkunft. Aber Konrad wusste zu improvisieren. Es gab zu der Zeit in Mulne noch keine Burg, kein Schloss oder irgendein Herrenhaus, welches einem königlichem Besuch gerecht geworden wäre. Das beste und größte Haus war zu der Zeit das Haus des Lokators, in welchem Prabislaw seiner Arbeit nachging. Es befand sich unweit der Brücke.
Natürlich war für ihn an diesem Tag seine Schreibarbeit beendet. Schnell räumte er seine Sachen in der Scrivekamere zusammen. Der Lokator führte derweil den König und seinen Anhang in sein Haus. Dort angekommen, zeigte er ihm die Schlafgelegenheiten. Danach liefen herbeigeeilte Dienerinnen umher, um das Nachtlager zu richten.
Werdago nutzte die Gunst der Stunde, um sein großes Ziel erreichen zu können.
„Mein König, ich möchte Euch ein mir wichtiges Anliegen …“
Werdago wollte weitersprechen, doch schroff schnitt der König ihm das Wort ab.
„Heute nicht mehr. Ihr könnt mich morgen vor unserer Abreise damit belästigen. Jetzt habe ich noch andere Dinge zu erledigen. Und nun lasst mich alleine.“
Für alle Bürger war in dieser Nacht an Schlaf nicht mehr zu denken. Es war nicht nur das ständig vorhandene Gefühl, dass sich ein mächtiger Mensch in der Nähe befand, der über ihr Wohl und Wehe mit einem Fingerschnippen bestimmen konnte, sondern auch das Gegröle zu nachtschlafender Zeit, welches von den Soldaten auf der anderen Seite des Werders herüberdrang. Sie feierten ausgelassen, denn vielleicht war es das letzte Mal in ihrem Leben, dass sie dazu Gelegenheit hatten. Schließlich stand ihnen eine Schlacht bei der Louwenburg bevor. Diese Gelegenheit zum Saufen konnte man doch nicht ungenutzt verstreichen lassen. Dafür hatte sicherlich jeder vernünftige Mensch Verständnis.
Auch der nächste Tag war glühend heiß. Werdago trat mit Konrad Wackerbart zusammen zum König. Hinter den Häusern im Süden konnten sie schon wahrnehmen, dass die Soldaten antraten. Denen war eine durchzechte Nacht nicht anzumerken. Sie waren diese Saufgelage gewohnt. Pflichtbewusst stellten sie sich abmarschbereit in Reih und Glied.
Der König wartete schon auf seine Männer. Er machte den Eindruck, als wenn das zu erwartende Gespräch nur eine lästige Störung sei. Es war ihm anzusehen, dass er am liebsten schon auf dem Rücken seines Pferdes gesessen hätte.
„Also Werdago, was ist euer Anliegen? Aber beeilt euch. Ich habe auch noch ein Anliegen, welches sofort ausgeführt werden soll. Doch zunächst trage du deines vor.“
Die Gestalt Knud VI. war imposant und herrisch. Er war der perfekte König, so wie sich jeder kleine Junge einen stolzen König vorstellte.
„Euer Hoheit. Ich spreche im Namen aller Bürger von Mulne. Wir erkennen Euch als König an. Wir werden stets eure getreuen Untertanen sein. Deshalb erlaubt unsere Bitte, dass ihr Mulne das lübische Stadtrecht verleiht. Es ist euren königlichen Augen sicherlich nicht entgangen, dass Mulne ein aufstrebender Ort ist. Von überall her reisen die Menschen und Händler durch unseren Ort. Er ist ein fester Bestandteil auf der Route der Karren, die das Salz nach Lubecke bringen. Mulne wird noch weiter wachsen. Und damit wird es unabdingbar werden, dass wir ein Stadtrecht wie Lubecke besitzen, nachdem sich alle zu richten haben.“
Knud runzelte die Stirn. Sein Blick wanderte zu den Häusern im Hintergrund, und dann ging er langsamen Schrittes umher. Er war keineswegs überrascht von Werdagos Anliegen, denn er hatte sogar darauf gewartet. Darauf basierend war er in der vergangenen Nacht nicht untätig gewesen. Was er da getan hatte, sollten Werdago und alle Mulner Bürger bald schmerzlichst erfahren.
„Höre mir genau zu, Werdago. Als ich gestern in diesen Ort ritt, sah ich die Furcht in den Gesichtern der Menschen. Sie fürchten sich vor uns Dänen. Kein Jubel schallte uns entgegen, als wir über die Brücke zogen. Kein Glück war in den Augen der Leute zu lesen.
Ich werde dir erzählen, wie wir vor wenigen Wochen in Lubecke empfangen wurden. Wir waren noch nicht einmal durch das Stadttor hindurchgeritten, so schallte uns schon großer Jubel entgegen. Die Priester und die gesamte Geistlichkeit stand dort, ebenso wie der Stadtrat. Die Hübschlerin jubelte neben dem geringsten Knecht. Ihre Augen strahlten. Das nenne ich Hingabe. Es war ein glorioser Empfang.
Gleich danach wurde mir sogar die Feste Travemünde übergeben. Die drittletzte Burg also derjenigen, welche bis dato Widerstand geleistet hatten. Sogar die Landbewohner eilten herbei, und leisteten mir zusammen mit den Stadtbürgern das obseqium regis . Sie wollten ihrem neuen König dienen. Sie verpflichteten sich weiter zu Kriegsdienst und Burgwerk. Das nenne ich Hingabe für den König. Aber das was ich hier sah, kam dem nicht im Geringsten nahe. Ich bin anderes gewöhnt. Es war nur jämmerlich.
Sicherlich ist Mulne ein aufstrebender Ort mit Zukunft. Er wird wachsen, und seine strategische Wichtigkeit ist unübersehbar. Ich würde eurem Wunsche entsprechen und euch das lübische Stadtrecht verleihen. Aber ich traue euch nicht. Als König habe ich gelernt, dass Verrat und Untreue auch unter Gesindel zu finden ist, welches Loyalität im Moment heuchelt.
Deshalb höre mir zu. Ich werde Waldemar anweisen, euch das lübische Stadtrecht später zu verleihen. Leider wurde ich wegen dringender Staatsgeschäfte zurück nach Dänemark gerufen. Die Nachricht hat mich gestern Abend ereilt. Ich werde also doch nicht weiter zur Louwenburg reiten können. Das wird mein Bruder alleine tun. Auf seiner Rückreise ist er berechtigt euch das Stadtrecht zu verleihen. Aber …“
Der König machte eine Pause und sah sich in der Runde um.
„Aber es gibt eine Bedingung. Da ich euch nicht traue, verlange ich von euch ein Pfand, damit ihr der Möglichkeit beraubt seit, mir in den Rücken zu fallen. Deshalb habe ich am gestrigen Abend beschlossen, etwas von euch zu verlangen, was schon vorher längst hätte geschehen sollen, doch fahrlässigerweise unterlassen wurde.“
Wiederum machte der König eine Pause. Werdago und Konrad Wackerbart sahen sich gespannt an. Sie hatten keinerlei Vorstellung davon, welcher Art die Forderung oder Bedingung des Königs sein sollte. An Geld sollte es nicht scheitern. Das wäre im Verbund aller aufzubringen. Ihre Spannung wuchs.
„Deshalb ist es nötig, dass ich dreißig Geiseln aus Mulne als Pfand für zehn Jahre verlange.“
„Aber Herr, das könnt ihr nicht machen.“ Werdagos Augen waren blank vor Entsetzen. Mit dieser Wendung hatte er nicht gerechnet. Er war nahezu sprachlos.
„Oh doch, Werdago. Das kann ich machen. Höre ich da etwa Widerspruch? Geht es also schon los mit der Rebellion? Was ist mit der gestern noch so demütig geheuchelten Unterwürfigkeit?
Macht nur so weiter, und ich werde die Anzahl der zu stellenden Geiseln erhöhen. Da ich euer König bin, kann ich verlangen was ich will. Nur Gott allein kann mir dreinreden. Wollt ihr nun das Stadtrecht, oder nicht?“
„Ja, mein König. Wie Ihr befiehlt. Wir werden die dreißig Geiseln eurer Obhut übergeben.“
„Das hört sich gut an. Dann werdet ihr also doch noch treue dänische Untertanen werden.“
„Soll ich euch dreißig Namen benennen?“ Werdagos Frage klang kleinlaut. Er hatte nicht befürchtet, dass Stadtrecht so teuer erkaufen zu müssen. Keine Freude mochte sich einstellen.
„Nicht nötig, Werdago.“ Knuds Stimme klang hochtrabend. Er war sich seiner mächtigen Position bewusst „Ich habe fähige Männer bei mir. Sie sind in der Nacht umhergegangen und haben dreißig Geiseln per Namen aufschreiben lassen. Wie gesagt. Ich traue euch nicht. Vielleicht wäre dann der eine oder andere Name nicht aufgetaucht. Wäre einfach so unter den Tisch gefallen, und weniger wichtige Namen auf der Liste erschienen.“
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