„Und wen habt ihr benannt?“ Werdagos Stimme klang immer kleinlauter.
„Euch wird eine Liste übergeben werden. In erster Linie habe ich darauf bestanden, Kinder aus bestem Hause, sprich der Honoratioren des hiesigen Ortes zu benennen. Diese scheinen mir die geeignetsten Geiseln zu sein. Seid gewiss, wenn ihr brave Untertanen seid, so seht ihr die Geiseln in zehn Jahren unversehrt wieder. Wenn nicht, dann …“
Die Geste des Königs sagte alles, als er seine flache rechte Hand horizontal an seiner Kehle vorbeiführte.
Damit war das Gespräch für ihn beendet, denn eine weitere Geste war unnötig.
Niedergeschlagen verließen Konrad und Werdago den König. Sie gingen zurück und wurden von den Bürgern erwartet. Die meisten Bewohner wussten noch nicht, was geschehen war. Neugierig verfolgten sie jeden seiner Schritte. Werdago suchte sichtlich nach den richtigen Worten.
Nur ein einzelner Mann wusste schon mehr. Er wusste leider mehr, als er je hätte wissen wollen. Dieser eine war der Schreiber Prabislaw. Er hielt eine Liste mit Namen in der Hand, die ihm der königlich-dänische Schreiber ausgehändigt hatte, mit dem Auftrag eine Abschrift für die Mulner Bürger anzufertigen.
Prabislavs Gesicht war aschfahl. Das fiel Werdago sofort auf. Er ging sofort auf ihn zu. Etwas Schreckliches musste Prabislaw widerfahren sein. Wortlos reichte ihm der Schreiber die Liste. Da erkannte Werdago, warum Prabislaw so kreidebleich war. An siebzehnter Stelle stand der Name, den Prabislaw so sehr mitnahm. Am liebsten wäre Prabislaw sofort gestorben.
Der Name lautete: Helene, Tochter des Bäckers Gottfried.
Zwei Stunden später waren die dreißig Geiseln zusammengetreten. Versammelt standen sie alle bei den dänischen Truppen. Da alles so schnell gegangen war, blieb für lange Abschiedsszenen keine Zeit. Die Kinder und Jugendlichen wurden plötzlich aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen. Es blieb ihnen gar keine Zeit sich zu verstecken.
Es hatte plötzlich an der Tür geklopft. Ein Name war gerufen worden, und ehe die Eltern sich versahen, waren die Kinder zwischen den Abteilungen großgewachsener Soldaten mit ihren eisernen Helmen und langen Lanzen verschwunden.
Helene war auch unter ihnen. Auch für sie war keine Zeit zu Tränen gewesen. Da ihr Vater als Bäcker zu den Honoratioren des Ortes gehörte, gab sie eine gute Geisel ab.
Da ihre Verlobung noch nicht rechtskräftig war, brauchte Hanno sie nicht zu schützen. Dies tat er auch wohlweislich nicht. Denn es hätte ihm nur geschadet, und er war stets darauf bedacht, jeglichen Schaden oder jede Unannehmlichkeit von sich fernzuhalten. Ohne jegliche Anteilnahme stand er abseits und besah sich das Schauspiel, welches ihm geboten wurde.
Dann setzte sich der erste Zug nach Norden über die Holzbrücke in Bewegung. An ihrer Spitze ritt König Knud VI. Ihm folgten zwanzig Reiter. Dahinter gingen die dreißig jungen Geiseln mit hängenden Köpfen. Darauf folgten noch einmal sechzig Reiter als Nachhut. Der Zug setzte sich nach Lubecke in Bewegung. Von dort sollten die Geiseln nach Dänemark verschifft werden. Irgendwo dort, niemand wusste genau wo, sollten die Geiseln die nächsten zehn Jahre verbringen.
Die Bürger sahen dem Trupp der Geiseln wehmütig nach. Als die letzten den Berg hinauf Richtung Lubeke entschwunden waren, war ihre Aufmerksamkeit wieder auf die anderen Dänen unter Herzog Waldemar II. gerichtet.
Aber auch dieser wollte seine Reise fortsetzen. Sogleich gab er für den Rest des Heeres den Befehl zum Abmarsch nach Süden. Wie eine unendliche Schlange zog sich der Tross der Reiter und Fußsoldaten, gefolgt von den Karren, auf der Via Regia nach Süden.
Sie ließen weinende Frauen und zerknirschte Männer zurück. Was wohl aus ihren Kindern werden würde? Sahen sie die jemals wieder?
Zehn Tage vergingen. Genauso verging auch die Hitze. Ein Gewitter war über die Grafschaft Racisburg gezogen. Thiedardus betrat das Haus des Lokators und ging in die Schreibstube, in der sein Freund in gewohnter Haltung über sein Pult gebeugt saß und schrieb. Prabislaw sah nicht einmal auf.
„Salve.“
„Du auch.“
Thiedardus setzte sich auf die Bank und wartete, bis Prabislaw seinen Federkiel nicht mehr ins Tintenfass tauchte, sondern daneben legte, und ihm seine ganze Aufmerksamkeit schenkte.
„Es gibt Neuigkeiten.“
„Was denn?“ fragte zwar Prabislaw, aber es klang wenig interessiert.
„Hanno wird sich verloben. Diesmal ist Sieglinde die Magd seine Auserwählte. Große Auswahl hatte er ja nicht mehr. Jetzt musste er nehmen was übrig blieb.“
„Lange hat ja seine Trauer um Helene nicht vorgehalten. Ganze zehn Tage später will er sich schon mit der Nächsten verloben? Na, der muss es ja nötig haben.“
Prabislavs Sarkasmus war ihm nicht zu verdenken. Anders als Hanno empfand er Trauer. Es verging keine Stunde in der er nicht an Helene dachte. Was würde sie gerade tun? Wo war sie? Wurde sie mit einem Schiff an das andere Ende des dänischen Königreiches gebracht?
Ständig quälte ihn die Frage, ob sie für immer für ihn verloren war. Eigentlich kannte er die Antwort. Er würde sie nie wieder sehen, das war es, was ihn so zermürbte.
„Das ist es. Wenn er sich jetzt schon mit der Nächsten verloben will, kann es mit seiner Liebe zu Helene nicht weit her gewesen sein. Ein Feigling und übler Schuft ist er. Pereat, möge er zugrunde gehen!“
„Ja, mein Freund. Und nur um mir das zu sagen, bist du hergekommen? Da ist doch mehr.“
Prabislaw kannte Thiedardus nur zu gut.
„Wie wäre es, wenn wir heute Abend unsere Angeln nehmen und fischen gehen, so wie früher? Danach trinken wir noch einen Krug Bier.“
Mit einem müden und lustlosen Blick antwortete Prabislaw seinem Freund.
„Danke, aber ich habe zu tun. Die Verträge müssen noch fertig werden.“
„Das glaube ich nicht. Ich glaube eher, du verkriechst dich hier in deiner Scrivekamere . Du kannst später immer noch die Arbeit fertig machen.“
„Nein.“
Entschieden war seine Antwort. Darauf sah Thiedardus seinen Freund enttäuscht an.
„Wie du meinst. Aber es bringt nichts, wenn du Helene immer noch hinterhertrauerst. Vergnüge dich mit einem anderen Weib, bevor die Weide ganz abgegrast ist. Du kannst nicht bis zum Ende deiner Tage Trübsal blasen.
Übrigens, ich komme gerade von Werdago. Er hat Nachricht von Herzog Waldemar erhalten. Angeblich hat er bei der Louwenburg alles Nötige zur weiteren Belagerung der Feste veranlasst Da die Belagerung wohl noch eine lange Zeit andauern wird, hält er sich dort für momentan entbehrlich und hat das Kommando übergeben. Deshalb ist er wieder auf dem Weg nach Dänemark. Sein Weg führt ihn wieder über Mulne . Vielleicht erhalten wir nun das Stadtrecht. Er hat es uns versprochen. Pacta sunt servanda – Verträge müssen eingehalten werden!
Hoffnungsvoll strahlte Thiedardus. Auch Prabislaw hätte sich eigentlich freuen müssen, wenn … ja wenn nicht seine ständige Sehnsucht nach Helene gewesen wäre.
Es kam der Tag, als Herzog Waldemar wieder durch Mölln auf dem Weg nach Dänemark ritt. Erwartungsvoll wurde er begrüßt. Doch die Hoffnung erstarb schnell, als Waldemar keine Anzeichen von sich aus gab, das Stadtrecht zu verleihen.
Wiederum war sein Aufenthalt in Mulne nur von kurzer Dauer. Nein, für solche Kleinigkeiten wie das Stadtrecht hatte er keine Zeit. Wichtige Angelegenheiten im großen dänischem Reich riefen ihm heim und ließen die verdutzten Mulner Bürger zurück.
Waldemar erschien aber zwei Monate später wieder in Holstein, denn die Belagerung der Segeberger Burg ließ ihm keine Ruhe. Unerbittlich sorgte er dafür, dass die Bemühungen nicht nachließen. Endlich hatte er sein Ziel erreicht. Die zweite der ursprünglich drei wackeren Burgen war nun gefallen. Die Burgbesetzer gaben ihren Widerstand im Handel gegen ihre Bedingungen auf. Sie forderten die Zusage, ihre Erbgüter und Lehen behalten zu dürfen, sowie ihr persönliches Hab und Gut frei und ungehindert aus der Burg herausschaffen zu können. Waldemar kam gerne dieser Bedingung nach, und so kam es, dass er im November des Jahres 1202 die Segeberger Burg einnehmen konnte. Freudig besetzte er nach dem Abzug der vorherigen Burgherren die Feste und machte sich daraufhin bereit, wieder nach Dänemark zurückzukehren. Er war noch gar nicht weit geritten, als ihn ein Bote des Königshauses erreichte. Zuerst ahnte er nichts Böses. Aber dann erhielt er eine für ihn niederschmetternde Nachricht. Der Bote meldete ihm, dass sein Bruder, der König Knud VI., überraschend am zwölften November verstorben sei.
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