Was er sah war, wie unablässig Gegenstände nach Zwentepolch geworfen wurden. Sie prallten ab. Dies schien dem Gefangenen nichts auszumachen. Aber in Prabislavs Erinnerung blieb dieser verachtende Blick, den er aufgefangen hatte. Er war sich sogleich sicher, dass Zwentepolch auch ihn erkannt hatte.
Sollte er sich Sorgen machen? Er verneinte, und sah dem seltsamen Zug hinterher, der sich durch jede Straße Mulnes zog. Dies tat Konrad absichtlich, damit jeder sehen konnte welch großen Fang er gemacht hatte. Es gefiel ihm sichtlich, sich im Glanz des Ruhmes zu sonnen.
Zwei Tage später wurde Gericht über Zwentepolch gehalten. Der Prozess fand in des Lokators Haus statt. Eigentlich war Konrad der Rychtevoghede der Stadt. Doch da er als Zeuge und Angegriffener bei dem Überfall selbst aussagen musste, gab er sein Amt an das Ratsmitglied Heinrich ab. Genauso verhielt es sich beim Schreiber der Stadt. Eigentlich wäre dies die Aufgabe Prabislavs gewesen. Da auch er der wichtigste Zeuge des Überfalls war, wurde ein Ersatz für ihn gefunden.
Prabislaw hatte inzwischen erfahren, wie es zu der Festnahme Zwentepolchs gekommen war. Nach dem Überfall an der Delbende war es niemandem gelungen, Zwentepolchs Räuberbande Herr zu werden. Das lag nach wenigen Überfällen entlang der Via Regia auch daran, dass die Bande bald aus der Grafschaft Racisburg nach Osten verschwand. In der Grafschaft Gunzelins von Schwerin hatte Zwentepolch weiter sein Unwesen getrieben. Sie waren auch bis Wismar und Rostock gelangt. Jahrelang hatte sich die Räuberbande mit Überfällen auf Händlerkarren am Leben gehalten. Die Händler wehrten sich so gut sie konnten. Zwar fiel ein Kumpan Zwentepolchs nach dem anderen, doch dem Anführer war nicht beizukommen gewesen.
Zuletzt waren nur noch er und Slaomir übriggeblieben. Ihre Taten wurden immer verzweifelter. Vor den Toren der Stadt Schwerin war es jedoch wackeren Leuten gelungen, Zwentepolch gefangen zu nehmen. Slaomir starb stattdessen an einem Schwerthieb.
Bevor jedoch die einfachen Leute, angetrieben durch ihren verständlichen Gerechtigkeitssinn, den Räuber am nächsten Baum hängen konnten, bekam der Rychtevoghede Schwerins Wind von der Gefangennahme. Er ließ sich den Mann unter den Unmutsbezeugungen der braven Leute aushändigen und sammelte Beweise für die vielen Taten des Zwentepolchs in seinem Bereich.
Da geschah es zufällig, dass sich Konrad Wackerbart zu Besuch in Schwerin wegen Geschäften aufhielt. Er hörte von der Festname und war wild entschlossen, selbst den Prozess gegen Zwentepolch in seiner Stadt zu führen. Schließlich war der Überfall an der Delbende , der die Verwundung Reinolds und den Tod seiner Männer zur Folge hatte, Zwentepolchs erste Tat gewesen. Deshalb sah er für sich ein Vorrecht. Es begann mit dem Schweriner Rychtevoghede ein Gefeilsche. Nach Graf Gunzelins Zustimmung erhielt Konrad den Gefangenen gegen einen hohen Obolus ausgehändigt. Den zahlte Konrad gern.
Heinrich eröffnete den Prozess und las die Anklage vor. Heinrich gehörte zu den vier Ratsmitgliedern der Stadt. Bei Gerichtsverfahren, die wegen mörderischer Bluttaten, Entscheidungen über Grundbesitz und anderes Eigentum geführt werden mussten, wurden noch sechs weitere Bürger hinzugezogen. Diese waren jedoch bereits schon zuvor einmal Ratsmitglied gewesen. Das lübische Stadtrecht sah vor, dass nur vier Ratsherren sich ständig im Amt befanden, während für die restlichen sechs die Amtsbedienung ruhte. Nur bei besonders wichtigen städtischen Entscheidungen über Erbe, Eigentum und bei Mordtaten wirkte also der gesamte alte und neue Rat zusammen.
Neben Heinrich saßen dementsprechend zehn Schöffen der Stadt. Danach wurden die Zeugen Prabislaw und Konrad Wackerbart vernommen. Ihre Aussagen deckten sich und brachten die einhellige Schuld Zwentepolchs zum Ausdruck.
Einen Fürsprecher für den Gefangenen gab es in diesem Fall nicht. Als der Rychtevoghede nach diesem fragte, erhielt er nur eisige Stille als Antwort. Deshalb durfte Zwentepolch zu seiner Verteidigung selbst sprechen. Ihm wurde erlaubt das Wort zu erheben.
„Ihr seid alle ein jämmerlicher Haufen.“ Seine Stimme klang klar und voller Zorn und Hass.
„Ich gestehe alle meine Taten, und bereue keine davon. Im Gegenteil, ich hätte noch viel mehr rauben und von euch meucheln müssen.“
Dann fiel sein Blick auf Prabislaw. Stechend war er, als wenn er ihn so töten könnte.
„Du bist genauso ein Feigling wie dein Vater. Du hast unser polabisches Volk verraten, und bist einer von ihnen geworden. Sieh dich doch nur an. Du bist es nicht wert als Polabe geboren zu sein. Ich verachte dich und werde dich töten, sobald ich dazu Gelegenheit finde.“
Prabislaw wusste später nicht mehr, wie er dazu gekommen war, folgende verhöhnende Worte zu sprechen. Vielleicht war er der sicheren Meinung, dass Zwentepolch bald nicht mehr unter den Lebenden weilen würde. Denn am Richterspruch zweifelte niemand.
„Du willst mir drohen? Pah. Sieh dich doch an. Du bist selber verachtenswert. Was ist nur aus dir geworden? Ein meuchelnder Räuber, der brave Männer bestiehlt. Wenn der Henker mit dir fertig ist, wirst du keine Hand mehr gegen mich oder irgend einen anderen erheben können. Du wirst deiner gerechten Strafe zugeführt werden. Pah, mach dich doch nicht lächerlich.“
Zwentepolchs Blick war hasserfüllt Doch er konnte nichts unternehmen. Gefesselt stand er zwischen zwei Fronknechten, die ihn bewachten.
Heinrich übernahm wieder das Wort.
„Damit Gerechtigkeit in Mulne einkehre und die Bosheit gesühnet werde. So soll dies Thing die Blutschande von Mulne nehmen, und Gottes Kinder Gerechtigkeit widerfahren. Wie lautet das Urteil der Schöffen? Sie mögen das gerechte Urteil verkünden.“
Gemurmel ertönte unter allen Anwesenden. Jeder wollte noch vorher seine Meinung über das zu fällende Urteil seinem Nächsten mitteilen.
Der Sprecher der Schöffen war Siegfried, der Schmied der Stadt. Seine riesigen Oberarme, gestählt durch die Arbeit, geboten Ruhe. Sofort verstummte das Gemurmel der Zuhörer.
„Die Schöffen Mulnes , die ehrenwerten und von Richterhand ausgewählten Freien der Stadt, entbürden Zwentepolch jeglicher Schuld auf Erden durch den Strick am nächsten Morgen. So sprechen wir den Blutbann aus.“
Sogleich, als das Todesurteil verkündet wurde, erhob sich allenthalben unbeschreiblicher Jubel. Dieses Urteil kam nicht überraschend. Nun galt es noch das Urteil vom Rychtevoghede bestätigen zu lassen.
Heinrich bestätigte das Urteil der Schöffen. Es hieß Tod durch den Strick vor den Toren der Stadt. Der Schreiber notierte fleißig das Gehörte. Dann schloss Heinrich die Verhandlung, und Zwentepolch wurde durch die Fronknechte in die Fronerei abgeführt. Das Gefängnis der Stadt befand sich gleich nebenan. Es war eigentlich nicht wert Fronerei genannt zu werden, denn es gab in der Stadt nur zwei Zellen. Normalerweise befanden sich kleinere Diebe und Gesetzesbrecher darin. So ein großer Räuber und Mörder hatte sich seit Bestehen der Stadt noch nicht in den Zellen der Fronerei befunden. Jede war an drei Seiten mit Holz beschlagen. In der oberen Hälfte der Tür waren Eisenstangen als Gitter eingelassen. Ein wenig Licht schien herein. Ein Topf für die Notdurft befand sich darin. Sonst nichts. Kein Bett, Tisch oder Stuhl. Auf dem nackten Boden musste der Unselige nächtigen.
Prabislaw ging mit gemischten Gefühlen zu seinem Haus. Es war doch komisch. Viele, viele Jahre lang war dieser Mann aus seinem Gedächtnis verschwunden gewesen, als wenn es ihn nie gegeben hätte. Anfangs, als er gerade das Schreiben erlernte, fragte er sich vereinzelt, ob Zwentepolch wohl noch lebte, aber mit der Zeit war die Erinnerung daran verblasst. Er war gänzlich aus seiner Erinnerung gestrichen gewesen.
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