Von dem Vorfall am Montag sagte Jens erst mal nichts. Rahul war zwar nicht dumm, aber in dem Moment war er so gestresst, dass er nicht mal auf die logische Frage kam, warum Jens am Fundort der Leiche war.
„Ich hab ihn anhand der Fotografie identifiziert, die Du mir geschickt hattest.“
Obwohl Jens und Rahul schon so lange freundschaftlich und familiär miteinander verbunden waren, redete Rahul Jens immer noch mit Sie an.
„Mein Chef lässt fragen, ob Sie helfen könnten?“, fragte Rahul und erhielt nur ein „Schaung mer mal, aber dann musst Du mir schon mehr erzählen“, als Antwort.
In den nächsten zehn Minuten erzählte Rahul die Geschichte von Mahavir.
Mahavir sei ein entfernter Verwandter von Rahuls Chef. Um ihn nach Deutschland zu bringen, habe ihn seine Familie für drei Jahre als Koch angeboten. In dieser Zeit wollte er sich die notwendigen achttausend Euro sparen, um danach mit einem Studentenvisum in Deutschland studieren zu können. Nach seiner Einreise vor zwei Monaten bezog er ein Zimmer in der Wohnung über dem Restaurant und da sollte er auch die ganzen drei Jahre bleiben. Ein Teil dessen, was er offiziell als Lohn bezahlen würde, sollte nach Indien überwiesen und der andere Teil auf ein Sperrkonto fürs Studium einbezahlt werden.
Nun war das, was Rahul da erzählte, für Jens nichts Neues.
Rahul erzählte weiter, dass Mahavir mit dieser Vereinbarung nicht so ganz glücklich war; hätte er doch die ganze Zeit über kein eigenes Geld verfügt. Eine Woche nach seiner Ankunft wäre auch schon der erste Brief aus Indien da gewesen, in dem seine Familie wegen Geld gefragt hätten und eine Woche danach habe er angefangen jeden damit zu nerven, wie man ganz schnell zusätzliches Geld verdienen könne.
Rahul machte eine Pause, die wieder Jens für eine Frage nutzte.
„Na und? Ist da was draus geworden?“
Jens hatte nicht die Erwartungshaltung, dass Rahul ihm die volle Wahrheit sagen würde, aber er wusste auch, dass Rahul ihn nicht belügen würde.
„In einer Zeitung stand“, fuhr Rahul mit seiner Erzählung fort, „dass für einen Film Leute gesucht werden. Einmal die Woche für zwölf Stunden. Ich habe für Mahavir bei der Filmfirma angerufen und einen Termin gemacht und wir sind dann an seinem freien Tag gemeinsam hingefahren. Er wurde sofort genommen. Im Restaurant haben wir erzählt, dass er an seinem freien Tag bei einem Freund Deutsch lernt.“
Jens war heute bewusst unhöflich. Hatte er für Rahul sonst immer ein Glas Eiswasser auf den Tisch gestellt oder ihm ein Glas Tee oder ‘ne Tasse Kaffee angeboten, machte er heute keine Anstalt da was zu machen.
„Und weiter?“, drängte Jens. „Rück mit dem Rest der Story raus.“
Rahul sah Jens etwas irritiert an.
„Wie meinen Sie das?“, fragte er.
„Da fehlt doch noch was.“
Jens lehnte sich zurück und wartete auf den Rest der Geschichte. Es dauerte dann doch fast eine Minute, bis Rahul sich zu einer Entscheidung durchgerungen hatte.
„Zum ersten Treff habe ich Mahavir mit dem Auto gefahren. Er musste schon um sechs Uhr da sein. Und ich habe ihn auch wieder abgeholt.“
Rahul machte wieder eine Pause.
„Dann beim zweiten Mal wollte er das nicht mehr und meinte, er würde auch so den Weg finden. Man hat mir aber erzählt, dass Mahavir mit einem Mercedes-Transporter abgeholt worden sei. Am Abend wäre Mahavir aber zu Fuß gekommen und sofort auf sein Zimmer gegangen, ohne noch mal ins Lokal reinzuschauen.“
„Na und?“, fragte Jens. „Das ist doch nichts Schlimmes. Zwölf Stunden als Komparse - das schlaucht schon gewaltig.“
„Aber ... aber ... aber ...“, fing Rahul plötzlich an zu stottern. „Als am Tag darauf die Frau des Geschäftsführers sein Zimmer lüften wollte, fand sie fünfhundert Euro unter seinem Kissen.“
„Tante Neugier? Hat sie mal wieder gestöbert?“
„So dürfen Sie das nicht sehen, Mr. Jens“, nahm er sie sofort in Schutz. „Sie meint es ja nur gut. Außerdem hat sie von Mahavirs Vater die Verantwortung übertragen bekommen.“
„Papperlapapp, sie musste mal wieder alles wissen.“
„Sie hat dann Mahavir zur Rede gestellt und gefragt, woher das Geld käme, was Mahavir damit erklärte, dass er das Geld beim Wetten gewonnen habe.
Die darauf folgenden freien Donnerstage von Mahavir verliefen unauffällig. Er wurde abgeholt und kam am Abend zu Fuß wieder.
Am letzten Donnerstag wurde er wieder von dem schwarzen Mercedes abgeholt, dieses Mal aber am Abend auch wieder gebracht. Mahavir kam dann auch noch mal ins Restaurant und im Vorbeigehen steckte er mir etwas in die Tasche. Ich konnte leider nicht reagieren, da ich gerade fünf Portionen Essen auf einem Tablett balancierte. In der Hektik hatte ich es auch vergessen und als ich spät am Abend dazu kam, das Zugesteckte zu untersuchen, stellte ich fest, dass es ein Briefumschlag mit zehn Fünfhundert-Euro-Scheinen war.“
„Da kann ich nur sagen - guter Deal, den Mahavir da gemacht hat. Aber erzähl weiter.“
„Nachdem das Restaurant geschlossen hatte, ging ich noch mit in die Wohnung und wollte mit Mahavir sprechen. Ich klopfte mehrmals an die Türe und als keine Antwort kam, trat ich einfach ein. Im Zimmer war kein Mahavir, der Schrank war ausgeräumt und die Reisetasche war weg.“
„Bullshit“, sagte Jens nur. „Wie ging es dann weiter?“
„Der Barmann, der das Zimmer nebenan bewohnt sagte, dass Mahavir nach oben in die Wohnung kam und ohne ersichtlichen Grund zu stänkern anfing“, erzählte Rahul weiter.
„Ausbeuter, Leuteschinder, Sklaventreiber - so bezeichnete er den Chef und die Chefin. Der würde nur an sich denken und sich an seiner Arbeitskraft seiner Mitarbeiter bereichern.“ Und er, Mahavir, habe davon die Nase voll.
Rahul war es sichtlich unangenehm, diesen Teil der Geschichte zu erzählen. Er hätte so etwas nie freiwillig zugegeben, aber beide kannten die Wahrheit hinter Mahavirs Gefühlsausbruch. Rahul umschrieb diese Verhältnisse immer mit dem „indischen Herz“, während Jens es mit „du bist immer der Diener deines Herrn“, bezeichnete. Ein intimer Kenner der indischen Kultur hatte Jens mal gesagt: „Wenn Dir in Indien einer was Gutes tut, erwartet er von Dir eine lebenslange Dankbarkeit.“
„Mahavir ging wieder in sein Zimmer und der Barmann guckte im Fernsehen das Kricketspiel weiter an. Was soll ich jetzt machen? Ich habe keinem was von dem Geld gesagt.“
Was Rahul da von Jens wollte, war eigentlich eine Sache der Polizei. Bei Mord und Totschlag konnten nach seiner Erfahrung die »Oberförster« ganz schön biestig werden. Um die Anspannung bei Rahul etwas abzubauen, ging Jens wortlos in die Küche und holte ihm ein Glas Eiswasser aus dem Spender. Dann beschloss er, da er immer noch im Bademantel war, sich anzuziehen. Das Ganze dauerte rund fünf Minuten und diese Zeit nutzte Jens zum Nachdenken. Ja, einmischen und helfen oder nein, ablehnen - das war die Frage. Der Schreiberling in ihm witterte den Stoff für eine gute Story, aber ein kleiner Mann in seinem Ohr warnte ihn vor den Folgen dieser Hilfe. »Jede gute Tat wird sofort bestraft«, war so ein Spruch, den seine Mutter in einer solchen Situation aussprach.
Aber im Grunde hatte Jens gar keine andere Option, als sich des Problems anzunehmen: Rahul war irgendwie an der ganzen Sache beteiligt und da musste Jens die Geschichte auch zu seiner Geschichte machen.
Rahul saß zusammengesunken in seiner Ecke auf dem Sofa, als Jens angezogen wieder aus dem Bad kam.
„Okay Rahul - ich schau mal, was ich machen kann“, sagte Jens und setzte sich neben ihn auf das Sofa. „Ich brauch aber noch ein paar Informationen - wie heißt die Filmfirma, wenn‘s geht Anschrift, Telefonnummer und einen Namen; Typ, Farbe und Kennzeichen des Mercedes und die vollständigen Personendaten von Mahavir.“
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