Jens versprach, dass er sich im Rahmen seiner Möglichkeiten um die Sache kümmern würde und mit einer Verabredung zum Abendessen an seinem nächsten freien Tag beendete er das Telefonat. Noch während er überlegte, was zu tun sei, kam per eMail eine Nachricht von Rahul mit dem Bild des vermissten Kochs.
Jens musste auf das Polizeirevier um das Protokoll vom Montag zu unterschreiben. Da nahm er sich vor, mal »jaaanz dumm« nach dem verschwundenen Koch zu fragen.
Kurz nach drei machte sich Jens auf den Weg zum zuständigen Revier in der Rudolfstädter Straße und erreichte die Polizeidirektion 2 Abschnitt 26 genau zum Schichtwechsel. Er nannte dem Wachhabenden seinen Namen und die Wachbuchnummer. Nach einem Blick ins Wachbuch zog er einen Ordner unter dem Tresen hervor, blätterte kurz darin, schlug ihn auf und schob Jens den Ordner und einen Kugelschreiber hin.
„Bitte durchlesen und auf der Rückseite unterschreiben - da wo Ihr Name steht“, sagte der Wachhabende und wandte sich einer anderen Aufgabe zu. Jens studierte das Protokoll. Es war die fast wortwörtliche Niederschrift seiner Aussage vom Montag und so kritzelte er seine Unterschrift auf die Rückseite, fügte noch Ort und Datum ein und schob den Ordner wieder in Richtung Diensthabenden, der immer noch mit einem anderen Dokument beschäftigt war und ihn keines Blickes würdigte.
Mit gespielter stoischer Ruhe blieb Jens am Tresen stehen und fing an, den Wachhabenden mit den Augen zu fixieren. Schon vor vielen Jahren hatte er festgestellt, dass Menschen, die so tun, als wären sie mit irgendwas beschäftigt, durch das unverwandte beobachtet werden, unruhig werden.
Auch hier war das der Fall und so fragte er Jens nach ein paar Minuten: „Unterschrieben? Gibt‘s sonst noch was?“
„Ja“, sagte Jens, zog sein Smartphone aus der Tasche, öffnete die Datei mit dem gespeicherten Bild und schob es ihm hin. „Ich suche den jungen Mann. Er ist seit fünf Tagen spurlos verschwunden und seine Freunde machen sich schon Sorgen.“
Der Wachtmeister wollte gerade zu einer Ansprache ansetzen, als Jens von hinten angesprochen wurde: „Heute ohne Hund?“
Es war der Mundart-Imitator vom Montag - Kriminalobermeister Reuter. Obwohl es offenbar freundlich gemeint war, hatte er Jens auf dem falschen Fuß erwischt und so antwortete er mit einem steifen und spitzen »Moin moin«.
Jens vermutete, dass Reuter schon eine Weile hinter Jens gestanden und dessen Frage gehört hatte, da er sofort nach dem Telefon griff und sich das Bild ansah. Mit der Zwei-Finger-Wisch-Geste vergrößerte er das angezeigte Bild und verschob die Anzeige so, dass der Kopf in der Mitte des Telefons war.
„Den kenn ich nicht, aber vielleicht die Kollegen von der Vermissten“, sagte er und verschob das Bild weiter. „Aber die Tasche könnte ich kennen“, meinte er und mit den Worten „und Sie auch!“, gab er Jens das Handy zurück.
Erst jetzt machte es bei Jens klick. Ja, die Tasche kannte er und plötzlich war ihm klar, was ihm an dem Bild schon die ganze Zeit merkwürdig vorkam.
„Jetzt, wo Sie‘s sagen - stimmt, das könnte die Tasche sein.“
„Mach mal das Gatter auf und sag Werner Bescheid“, rief er seinem Kollegen zu und fuhr dann zu Jens gewandt fort, „Wir gehen ins Büro!“
Jens bemerke, dass sich im Nacken von Kriminalobermeister Reuter urplötzlich ein paar rote Flecken bildeten. „Gibt’s Stress?“, fragte ihn Jens scheinheilig, während er mit seinem unsymmetrischen Gang hinterher humpelte. Jens konnte Reuter leider nur von hinten beobachten, aber an dessen Körperhaltung bemerkte er, dass dessen Stimmung nicht mehr locker-flockig war.
Ohne eine Antwort auf die Frage, stürmte Reuter wortlos durch eine offene Tür in ein Büro; keine zehn Sekunden später kam auch sein Kollege Mäurer und knallte die Türe ins Schloss.
Mit den Worten „das ist keine Vernehmung, aber ich lass mal das Band mitlaufen“, stellte er ein kleines Diktiergerät auf einen Schreibtisch. „Nun erzählen Sie mal, wie kommen Sie zu dem Bild und warum fragen Sie nach der Person?“
Vorbei war es mit dem bayerisch eingefärbten Berlinern und seiner Körperhaltung war eine aggressive Spannung zu entnehmen.
Jens Mander war aber nicht der Mensch, den man hätte so leicht beeindrucken können. Er zog seinen Presseausweis aus der Tasche, hielt Reuter die Plastikkarte vor die Nase und sagte nur „Quellenschutz“. Noch bevor der ihn weiter anblaffen konnte, mischte sich sein Kollege aus dem Hintergrund ein: „Nun mal ganz langsam und keinen Stress.“ Reuter atmete tief durch: „Wir haben seit Montag ein Problem mit einer Leiche, die mal da ist und dann wieder weg ist. Und jetzt tauchen Sie mit dem Bild auf. Da haben wir halt ein paar Fragen und mit Höflichkeit und ohne Stress ist das ganze sicher schnell zu erledigen.“
Aha, guter Polizist - böser Polizist, dachte sich Jens. Aber das kann er noch besser: ganz böser Reporter. Das ist seine leichteste Übung.
Er lehnte sich an den zweiten Schreibtisch, der im Raum stand. „Kein Problem, das Protokoll habe ich bereits unterschrieben und das Bild? Ist eine ganz andere Story!“
„Sagen Sie mir zuerst mal, was das eine mit dem anderen zu tun hat und wenn es da eine Verbindung gibt, gibt es auch von mir Informationen. Wenn nicht, dann bin ich der böse Reporter, der über einen Kriminalfall berichtet.“
Die beiden sahen sich kurz an und die Zustimmung in ihren Blicken konnte man nur erahnen.
„Also gut, der Deal gilt. Aber nur unter einer Bedingung: alles was gesprochen wird, bleibt hier im Raum. Veröffentlichungen nur in Absprache mit dem zuständigen Staatsanwalt und der Pressestelle.“
„Einverstanden.“
„Also nochmals ganz von vorne. Ich bin Kriminalkommissar Mäurer und das ist mein Kollege Kriminalobermeister Reuter. Als wir nach Ihrer Meldung am letzten Montag ausrückten, hatten wir schon zwei Anrufe gleichen Inhalts. Immer ging es um eine männliche Person, dunkles, fast schwarzes Haar, mittleres Alter, vermutlich Ausländer, Vorderasien, schwarze oder dunkelblaue Bekleidung.“ Mäurer machte eine Pause. „Jedes Mal, wenn wir vor Ort eintrafen, war die Person verschwunden.“
Auf dem Tisch lag eine Packung Zigaretten und Mäurer hatte angefangen damit zu spielen.
„Haben Sie einen Raucherraum?“, fragte Jens. „Mir macht es nichts aus wenn wir dort weiter reden. Dann kann ich auch eine schmöken.“
Reuter blickte in Richtung seines Kollegen, der als stumme Antwort die Bürotür öffnete. „Rechts in den Gang und dann die dritte Türe - immer der Nase nach“, war Reuters Kommentar zu Manders Vorschlag.
Der Raucherraum war spartanisch eingerichtet. Ein Kaffeeautomat, zwei hohe Bistro-Tische auf denen Aschenbecher rumstanden und ein Cola-Automat. Durch das Fenster konnte man auf den Innenhof des Gebäudes blicken.
„Erst durch Ihrem Anruf erhielten wir eine greifbare Spur“, fuhr Mäurer fort, nachdem er sich seine Pfeife angezündet hatte. „Kein Ausweis, keine persönlichen Dokumente, aber eine Tasche voll Bekleidung - Socken und Unterwäsche, Hemden, Hosen, Pullover, Toilettenartikel“ und nach einem Zug an der Pfeife „und zwei Betelnüsse.“
„Die anderen Zeugen beschrieben die Person als männlich, relativ jung - zwanzig bis dreißig Jahre alt, schwarzes Haar, etwa eins sechzig groß und dunkelhäutig. In der ersten Meldung wurde er am Speerwerfer-Denkmal an der Bundesallee, in der zweiten auf einer Bank liegend am Hirschbrunnen gesehen.“
Seine Pfeife war ausgegangen und so trat eine Pause ein, während er das Ding wieder in Brand setzte.
„Jetzt sind Sie dran“, meinte er und reichte Mander sein Feuerzeug, damit er sich seine Zigarillo anzünden konnte. Mander verlängerte die Pause, indem er mehrere tiefe Lungenzüge machte.
„Also, meiner Meldung habe ich nichts hinzu zu fügen, da habe ich Ihnen schon am Montag alles gesagt. Und zu dem Bild: es ist das Foto eines Kochs aus einem indischen Restaurant, in dem ich öfter mal was esse. Der Koch ist seit letzten Freitag spurlos mit allen seinen Klamotten verschwunden und da ich mit meinem Hund viel unterwegs bin, hat man mich gefragt ob ich ihn vielleicht gesehen habe.“
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