In den „Reichsannalen“ des fränkischen Herrschers ist festgehalten, was sich an jenem denk-würdigen und für die Geschichte Europas folgenschweren Weihnachtstag des Jahres 800 vor dem Altar der Peterskirche in Rom abgespielt hat:
„Als er (Karl) am hochheiligen Weihnachtstag die Basilika des heiligen Apostels Petrus zur Messefeier betreten hatte und vor dem Altar geneigt stand, setzte ihm Papst Leo unter Beifallsrufen des gesamten römischen Volkes eine Krone aufs Haupt.“
Nachdem Leo III. dem betenden Karl, wie zur Überraschung, von hinten die Krone des römischen Kaisers aufs Haupt gesetzt hat, wirft er sich auf die Knie und huldigt dem neuen Kaiser. Während Karl mit scheinbar erstauntem Gesichtsausdruck Mittelpunkt dieses Spektakels ist, beginnen im gleichen Moment die Geistlichen mit der Krönungslitanei, die anwesenden Bürger Roms mit heftigem Applaus und der Papst mit der rituellen Fußsalbung. Mit dieser Zeremonie ist aus dem König der Franken ein römischer Kaiser geworden, dessen Machtbereich sich über ganz Europa ausbreitet! Dieser wahrhaft historische Moment wird von Karls Hofschreiber Einhart für die Nachwelt festgehalten. Einhart ist eine schillernde Figur, dessen Texte in den nachfolgenden Jahrhunderten mehrfach gefälscht werden. Zu Lebzeiten des Frankenkönigs bastelt der Hofschreiber jedenfalls an einem Image seines Herrn, das aus Karl einen mittelalterlichen Superstar macht. In seiner Biographie über den großen Franken liest sich der Vorgang im Petersdom so:
„Zuerst war er (Karl) sehr dagegen, er versicherte, hätte er die Absicht des Papstes gekannt, so hätte er an diesem Tage die Kirche überhaupt nicht betreten.“
Vorgeblich ist Karl von dem Plan des Papstes überrascht. An dieser Darstellung sind aber Zweifel angebracht, auch wenn Kaiser Karl nicht müde wird über Einhart verbreiten zu lassen, der Papst habe ihn überrumpelt und er sei – quasi gegen seinen Willen – mit diesem hohen Amt betraut worden.
Zutreffender ist wohl, dass Karl sehr wohl mit der Kaiserkrone spekuliert und bei seinen diversen Treffen mit dem Papst darüber gesprochen hat, wie der Coup erst eingefädelt und dann durchgezogen werden könnte. Zudem werden in den Tagen zuvor kunstvolle Lobgesänge eingeübt, die einen erheblichen Lärm verursachen. Es ist kaum vorstellbar, dass nicht irgendein Franke von den musikalischen Bemühungen etwas mitbekommt und seinem König davon berichtet. Nutznießer dieser Aktion sind jedenfalls beide: Der römische Kaiser an seiner Seite, so hofft Leo III., würde seine eigene Position – und die seiner Nachfolger - in Rom stärken. Mit dem Krönungscoup hat der Papst die weltliche und militärische Gewalt an die geistliche Macht zum Schutz des Kirchenstaats gebunden. Und für Karl beginnt am heiligen Abend 800 ein neuer Abschnitt seiner Herrschaft: Als fränkischer König hat er die Basilika betreten, als römischer Kaiser, der nicht mehr „patricius“, sondern „augustus“ genannt wird, verlässt er sie wieder. In dem Moment, in dem der Papst dem König der Franken die Kaiserkrone aufs Haupt setzt, tritt der europäische Kontinent aus dem Schlagschatten des Römischen Reichs heraus. Das vom antiken Rom hinterlassene Machtvakuum ist beendet und es beginnt eine historische Epoche, die eine wechselvolle Geschichte für die Deutschen mit sich bringen wird. Für das neue Jahrhundert scheint sich die Krönung in Rom zunächst einmal segensreich auszuwirken: Geistliche und weltliche Macht sind vereint und für einige Jahre kehrt Ruhe ein – sowohl im Frankenland als auch in Oberitalien. Karl der Große ist mit der Kaiserkrone auf dem Haupt Herrscher über einen Flächenstaat von bis dahin ungekannten Ausmaßen.
Über das Geburtsjahr Karls sind sich die Historiker nicht ganz einig; fest steht, dass er zwischen 740 und 750 geboren wird. Seinen jüngeren Bruder Karlmann kann er nicht ausstehen und als beide Brüder nach dem Tod ihres Vaters Pippin III. Könige werden, halten sie möglichst großen Abstand zwischen sich. Der frühe Tod seines Bruders Karlmann nährt seit je her die Spekulation, Karl habe ihn ermorden lassen. Wie auch immer: Karl sichert sich nach dem Tod seines Bruders die Alleinherrschaft und schiebt – eine damals gern gewählte Methode - dessen Familie in ein möglichst weit entfernt gelegenes Kloster ab. Karl spricht den althochdeutschen, fränkischen Dialekt, der schon zu seiner Zeit als „lingua theodisca“ („Sprache des Volkes“) oder „deutsch“ bezeichnet wird. Zudem spricht er fließend Latein und etwas weniger flüssig auch Griechisch. Lesen und Schreiben gehören nicht zu seinen Stärken, dafür hat er seine Leute – zum Schreiben und zum Vorlesen.
Der Frankenkönig ist um die Jahrhundertwende zweifellos der mächtigste Mann in Europa. Kaum ein Stammesherzogtum kann seinem Ansturm widerstehen. In vielen, grausamen Schlachten unterwirft der Franke alles, was um sein eigenes Stammland versammelt ist: Die Langobarden, die Bayern, die Awaren, auch Friesland werden nach brutalen Kämpfen gegen sie in das fränkische Herrschaftsgebiet eingegliedert. Einzig die Sachsen machen ihm Schwierigkeiten: Die Kriege mit ihnen dauern bis 804. Die Sachsen werden von ihrem Herzog Widukind angeführt, der dem Frankenkönig an der Ostgrenze seines Reiches schwere Verluste zufügt. Der blutige Höhepunkt der fränkisch-sächsischen Kriege findet im Jahr 782 statt, nachdem sächsische Heere im fränkischen Grenzgebiet schwere Verwüstungen angerichtet haben. Als Revanche lässt Karl in Verden an der Aller nahezu 5.000 sächsische Krieger hinrichten. Diese wahnsinnige Bluttat bringt ihm später den Namen „Sachsenschlächter“ ein. Nachdem ihr Widerstand 804 endgültig gebrochen ist, werden auch die Sachsen Teil des fränkischen Reiches von Karl dem Großen.
Karl ist der Enkel von Karl Martell, der später mit dem schmückenden Beinamen „der Hammer“ versehen wird, weil jener Karl Martell in einer opfervollen Schlacht bei Tours und Poitiers im Jahr 732 arabische Heerscharen geschlagen und so das Frankenreich vor einer muslimischen Eroberung bewahrt hat. Zum ersten Mal verwendet 732 ein unbekannter Chronist dieser Schlacht den Begriff Europäer für die Streitmacht Karl Martells. Die „europenses“, so berichtet er, hätten die muslimischen Invasoren, die sich von Spanien nach Aquitanien und in die Provence vorgekämpft hatten, in die Flucht geschlagen und seien anschließend wieder in ihre verschiedenen „patriae“, also Heimatländer, zurückgegangen. Auch wenn Franken, Sachsen und Bayern oder Alemannen, Burgunder und Aquitanier sonst nicht viele Gemeinsamkeiten haben und sich kaum kennen, identifizieren sich die Bedrohten als Angehörige einer Gruppe – als Europäer. Der Chronist hat festgehalten, was die Menschen in der Mitte des europäischen Kontinents noch viele Jahrhunderte kennzeichnen wird: Sie verstehen sich als Thüringer, Sachsen oder Franken und nicht als „Deutsche“.
Wahrscheinlich gehört die Schlacht bei Tours und Poitiers im Jahr 732 zu den bedeutendsten des Jahrhunderts, weil sie das weitere Vordringen der Erben Mohammeds ins Frankenreich verhindert. Muslimische Heere haben sich im 7. und 8. Jahrhundert im Mittelmeerraum, in Syrien, in Ägypten, in Spanien und Teilen Afrikas festgesetzt. Ihr Einbruch in die christliche Welt Europas und in den von der mächtigen Stadt Konstantinopel beherrschten asiatischen Raum hat zu einer neuen Mächtekonstellation geführt, in der die Kalifate von Bagdad und Kairo zu einer Bedrohung für die christliche Welt geworden sind. 732 jedenfalls gilt Karl Martell als „Retter des Abendlandes“ offensichtlich in der Annahme, dass ein muslimisches Europa die schlechtere Alternative ist. Er ist nicht der letzte europäische Feldherr, der gegen die „Ungläubigen“ – wie es die christliche Lehre verkündet – zu Felde zieht. Seine Heldentaten machen ihn zum unumstrittenen Anführer der Franken. Karl der Hammer verleibt seinem Reich anschließend noch diverse rechtsrheinische Stammesgebiete ein, sodass er seinem Sohn Pippin III. ein ziemlich machtvolles, aber noch nicht so großes Reich vererben kann. Groß wird das Reich erst, als jener Pippin III. einen in seinen Augen unfähigen Merowinger vom Königsthron stürzt und so das Frankenreich vereinigt.
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