Vor dem Bus bildet sich ein kleiner Stehkreis aus jungen Leuten, die ebenfalls vor der abgestandenen und längst aufgebrauchten Luft nach draußen geflohen sind. Ich schließe mich ihnen an und wir kommen ins Gespräch.
Es dauert nicht lange und schon haben wir unsere größte Gemeinsamkeit gefunden, die sich ausgesprochen noch etwas merkwürdig anhört: »Wir sind Pilger.«
Zwar haben wir noch keinen Fuß auf den Jakobsweg gesetzt, ein gemeinsames Ziel teilen wir aber schon jetzt.
Da wir seit mehr als vierundzwanzig Stunden kein Wort mehr gesprochen, geschweige denn mit jemand anderem uns über das Pilgern unterhalten haben, sind wir froh, nach dieser langen Zeit endlich Mitstreiter und Gleichgesinnte gefunden zu haben.
Während wir uns über die traumatische Busodyssee austauschen, stelle ich glücklich fest, dass ich soeben meine allerersten Pilgerbekanntschaften gemacht habe. Jedoch zeigt sich schnell, dass wir uns auf dem Jakobsweg voraussichtlich kein einziges Mal begegnen werden.
Abfahrt in Augsburg
»Steigt ihr auch in Bayonne aus?«, frage ich noch hoffnungsvoll.
Kollektives Kopfschütteln.
»Ich fange in León an. Das sind mindestens nochmal vier Stunden Fahrt von hier.«, stellt einer von ihnen ernüchternd fest.
Es folgen vier weitere Pilger, die erzählen, dass sie lediglich knapp zwei- bis dreihundert Kilometer vor Santiago auf dem Jakobsweg einsteigen werden. Eine von ihnen läuft sogar eine völlig andere Route, weiter nördlich direkt an der Küste entlang.
Offensichtlich bin ich in der Gruppe der Einzige, der sich vier Wochen Zeit genommen hat, um die meines Wissens wohl bekannteste und auch klassische Route des Jakobswegs zu pilgern, den Camino Francés. Von meinem gewählten Startpunkt werde ich knapp achthundert Kilometer zurücklegen müssen, um nach Santiago de Compostela zu gelangen.
Auf einmal kommen in mir starke Zweifel an meinem Vorhaben auf. War ich zu blauäugig, diese Reise ohne jegliche Pilgererfahrung anzutreten? Habe ich das Ganze womöglich total unterschätzt? Ist es übermütig oder gar naiv von mir zu glauben, morgen Früh bei Wind und Wetter die Pyrenäen überqueren zu können?
Vielleicht sollte ich auch einfach im Bus sitzen bleiben und nur etwa ein Drittel der ursprünglich geplanten Strecke laufen. Ich kann ja jederzeit wieder herkommen und dann das nächste Mal eine größere Distanz absolvieren.
Vor der Abreise war ich doch noch so zuversichtlich. Jetzt stell ich plötzlich alles in Frage. Ich wollte eine Herausforderung? Hier habe ich sie! Nach einem ersten Gespräch mit blutigen Pilgeranfängern wie mich selbst, bereits die Flinte ins Korn zu werfen und meine Ziele aus purem Respekt runterzuschrauben, entspricht nicht meinem sportlichen Ehrgeiz. In letzter Sekunde einen Rückzieher von meinem festen Entschluss machen? Mit diesem Gedanken kann und will ich mich nicht anfreunden und so bleibe ich nun dabei. Ich werde in Bayonne aussteigen und von dort mit dem Zug an den Ort fahren, wo schon so viele Menschen vor mir ihre ersten Pilgergehversuche erfolgreich unternommen haben.
Irgendwann tauchen die übermüdeten Mechaniker auf und reparieren unseren Bus im Halbschlaf. Wir vertreten uns noch ein wenig die Füße und als wir zurückkommen, kann die Fahrt endlich weiter gehen.
Nach nicht mal einer Stunde, nehmen wir im Morgengrauen schließlich eine Ausfahrt und halten nur wenige Meter später auf dem Seitenstreifen rechts an. Eine erneute Panne wird das wohl kaum sein. Oder?
Dann höre ich den Busfahrer über die Lautsprecher durchsagen: »Bayonne.«
Ach echt? Hier? Etwas provisorisch diese Haltestelle, aber bitte. Immerhin hat diese abenteuerliche Busfahrt nun ein Ende.
Weil ich im gesamten Bus tatsächlich der Einzige bin, der hier aussteigen möchte, geht auf einmal alles ganz schnell. Mit einem »Buen camino!« von meinen Pilgerkollegen verlasse ich den Bus. Draußen wird mir mein Rucksack vom Fahrer unsanft zugeworfen. Danach schließt er die Türen und fährt ab. Ohne mich. Ich stehe nur da und schaue dem Bus hinterher. Als er wieder auf die Autobahn auffährt, drehe ich mich um und versuche mich zu orientieren. Es scheint nun loszugehen.
Offiziell gesehen bin ich ja bereits ein waschechter Pilger. So steht es zumindest im credencial, meinem Pilgerausweis. Deshalb zähle ich die Busfahrt auch schon irgendwie zu meiner Pilgerreise. In gewisser Weise ist sie mein erstes Highlight. Hoffentlich folgen noch einige positivere Höhepunkte.
Lediglich meinen engsten Freunden habe ich von meinem Projekt erzählt. Das Projekt Jakobsweg. Bei allen Anderen sprach ich geheimnisvoll von einem »einmonatigem Spanienaufenthalt«.
Ähnlich geheimnisvoll läutete ich zudem meinen zeitweiligen social-media-Entzug ein, indem ich mit »Ich bin dann mal weg« einen vorerst letzten Statuseintrag auf Facebook verfasste. Eigentlich war ich davon überzeugt, dass viele den Titel des überaus erfolgreichen Buchs kennen und schlussfolgern würden, dass ich mich auf den Jakobsweg begeben werde. Offensichtlich war es aber nicht offensichtlich genug. Zumindest lautete der erste Kommentar auf meinen Eintrag: »Wohin geht´s?«
Es geht zunächst nach Saint-Jean-Pied-de-Port. Ein an Spanien grenzendes, französisches Städtchen, in dem ich und voraussichtlich viele Andere das Pilgerabenteuer beginnen werden.
Von dort werde ich dann ab morgen frohen Mutes die besagten achthundert Kilometer durch Nordspanien marschieren und dabei gleich vier spanische Regionen kennen lernen: Navarra, La Rioja, Kastilien und León sowie Galicien. Außerdem schlängelt sich der Camino Francés durch viele interessante und mir aus dem Spanischunterricht bekannte Großstädte wie Pamplona, Logroño, Burgos, León und schließlich Santiago de Compostela.
Während ich am Stadtrand von Bayonne das Industriegebiet durchquere, bin ich zunächst etwas überfordert mit der Situation. Der Busfahrer hat mich geradezu irgendwo im Nirgendwo aussteigen lassen. Lange Zeit irre ich einfach nur dumm umher und finde nichts, was mir den Weg zum Bahnhof dieser Stadt weist.
Schließlich spreche ich einen Passanten auf dem Gehweg an. Ich habe Glück, denn er kann mir helfen und immerhin auf Spanisch eine kurze Wegbeschreibung geben. Dazu deutet er mit seinem Finger in die Richtung, in der die estación de tren liegen muss.
Dort angekommen, verpasse ich aufgrund meiner Irrwege leider meinen Zug um wenige Minuten. Der Nächste fährt erst wieder in etwa drei Stunden ab. Also nutze ich die Zeit, kaufe mir ein Ticket, esse bei herrlichem Sonnenschein ein leckeres Sandwich Le Complet und schreibe zum ersten Mal in mein schwarzes Büchlein rein.
Letzteres habe ich in ähnlicher, wenn auch weitaus weniger ausführlicher Form, vergangenes Jahr im November auf der Interrail Europareise mit zwei meiner besten Kumpels getan. Dort führte ich allerdings Buch über total uninteressante Abfahrtszeiten unserer Züge und lediglich vereinzelte Geschehnisse vom Tag. Wir wollten unsere Tour bestmöglich dokumentieren, hatten aber nur selten Zeit und Lust ausführlich über sie zu schreiben. Also haben wir unsere Reise überwiegend mit einem Camcorder in Bild und Ton festgehalten, was uns natürlich schnell auf die Idee gebracht hat, ein Video daraus zu schneiden. Aus dem geplanten Video wurde schließlich ein richtiger Film, der mit einer Länge von über neunzig Minuten bei Familie und Freunden für viel Unterhaltung gesorgt hat. Bewegtbild war das ideale Medium, um unsere Erinnerungen teilen und verewigen zu können.
Für die Pilgerreise habe ich nun völlig andere Beweggründe. Jedoch möchte ich auch hier viele meiner Erfahrungen festhalten, um sie anschließend mit meinen Eltern, meiner Schwester und auch mit Freunden zu teilen.
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