Aber wie wahrscheinlich ist das? Es muss schon Einiges zusammenkommen, dass wir am selben Tag unsere Reise auf dem Jakobsweg beginnen, dieselbe Herberge zugewiesen bekommen, dort sogar im selben Schlafsaal landen und uns dann noch derart gut miteinander verstehen. Wir schätzen uns daher sehr glücklich und in unserer Euphorie fällt sogar folgender Satz: »If that’s not destiny, I don’t know what is.«
Ich bin froh, dass der Jakobsweg erst begonnen hat und der Großteil erst noch vor mir liegt. Doch es gibt eine Kleinigkeit, die mich das Pilgern leider weniger genießen lässt. Die Schmerzen an meinen Füßen nehmen stetig zu. Ich habe sie mir heute noch nicht angesehen, aber ich erwarte nichts Gutes. Immer mehr bereue ich es, die Schuhe vorab nicht ausreichend eingelaufen zu haben. Seit heute Vormittag plagt mich der Gedanke, es aufgrund meiner Füße im schlimmsten Fall gar nicht nach Santiago de Compostela schaffen zu können. Es wäre einfach unglaublich enttäuschend für mich, schon vorzeitig die Heimreise antreten zu müssen. Ich denke, ich sollte jetzt zumindest versuchen zuversichtlich zu bleiben. Positiv denken. Ultreya!
Letzteres bekommen wir heute gelegentlich in einigen Dörfern von überwiegend etwas älteren Bewohnern zugerufen. Weil wir es zwar schon eimal gehört haben, aber nicht die genaue Bedeutung kennen, müssen wir im Internet danach suchen.
Wikipedia behauptet, das Ultreya ein altes Grußwort aus dem Spanischen sei, welches sich die Pilger früher auf dem Jakobsweg zugerufen haben, um sich gegenseitig aufzumuntern und Mut zu machen. Es bedeute so viel wie »Vorwärts!« oder »Weiter!«. Man könnte also sagen, dass es in gewisser Weise eine überholte Form vom heutigen buen camino ist.
Die Stimmung ist nach wie vor unverändert gut, aber weitere Beschwerden sind zu verkünden. Zwar scheine ich in unserer Gruppe der Einzige zu sein, der sich an seinen Füßen bereits eine Blase gelaufen hat. Aber wovon ich dank meiner Wanderstöcke bisher verschont geblieben bin und worüber die meisten anderen klagen, sind fiese Knieschmerzen. Der Abstieg nach Zubiri ist damit für keinen von uns wirklich angenehm und so müssen wir ständig die Gangart anpassen, um unsere Wehwehchen an Knien und Füßen bestmöglich zu entlasten.
Bei einer letzten Pause, etwa fünf Kilometer vom heutigen Etappenziel entfernt, kaufen wir uns an einem Imbisswagen ein kaltes Getränk und tanken noch einmal Kraft. Danach brechen wir wehleidig ein letztes Mal für heute auf und gehen wenige Minuten später passenderweise an einem Stoppschild vorbei, das unter Pilgern bestimmt schon Kultstatus erreicht hat. Auf das herkömmliche Straßenschild hat jemand mit einem schwarzen Marker die Worte Don’t und walking ergänzt und es damit zu einer Motivationshilfe für Pilger umfunktioniert.
»Don’t STOP walking«
Wir nehmen das Schild beim Wort, setzen einen Fuß vor den anderen und kommen so unserem Ziel nun immer näher. Im strömenden Regen geht es auf Schlammwegen recht steil hinab, was uns gerade zum Ende der heutigen Etappe nochmal alles abverlangt. Vor uns sehen wir ein älteres Pärchen, das es sich leider unnötig schwerer macht. Obwohl beide einen Regenponcho tragen, der sie von Kopf bis Fuß, einschließlich Rucksack, bereits vor der Feuchtigkeit schützt, halten sie in der linken Hand einen Regenschirm. Mit zwei Wanderstöcken zum Abstützen würden sie sich bei diesem Abstieg und dem rutschigen Boden sicherlich einen größeren Gefallen tun.
Irgendwann gelangen wir ans Ende des Weges und haben wieder Asphalt unter den Füßen. Über eine mittelalterliche Brücke, die den Fluss Arga überquert, betreten wir schließlich Zubiri. Der Ortsname ist baskisch und heißt übersetzt so viel wie »Ort an der Brücke«. Auch hier weiß unser Pilgerführer wieder mehr: »Die Legende erzählt, dass tollwütige Tiere, die dreimal unter der Brücke hindurchgeführt werden, von der Tollwut geheilt sind.« Interessant.
Merle und Julia gehen in ihre zuvor reservierte private Herberge. Luis und Claire nehmen sich ein Zimmer in einem Hotel. Mark, Yoo-kyung und ich gehen in eine andere private Herberge, die auf den Namen El Palo de Avallano hört.
Und hier sitze ich nun, frisch geduscht auf meinem einladend gemütlichen Bett. Wenn ich jetzt nicht aufstehe, schlafe ich sofort ein. Aber wir haben uns zum Abendessen verabredet und wollen schließlich gebührend auf unsere zweite, absolvierte Etappe anstoßen. Also los. Chinchín!
heute: 23 km | gesamt: 49 km | verbleibend: 751 km
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